„Universität des Opportunismus“

Das Sebastian-Kurz-Stipendium an der Innsbrucker Universität – gesehen in einem historischen Kontext.

Am 6. Jänner 1920 ist in Salzburg Heinrich Lammasch verstorben. Über dessen Begräbnis hat Stefan Zweig seinem Freund Romain Rolland geschrieben, es seien gerade fünf Personen am Grabe dieses ehemaligen Ministerpräsidenten der k. k. Monarchie und berühmten Gelehrten gestanden. „So begräbt man die Besiegten unsterblicher Ideen“, klagt Zweig, der Jahre später vor den Siegern ins Exil flüchten musste.

Der Innsbrucker Universität war diese Verscharrung von Lammasch zu wenig. Sie lehnte ausdrücklich eine andiskutierte Gedächtnisfeier für ihren ehemaligen Rechtsprofessor ab. Zwar sei seine wissenschaftliche Bedeutung unbestritten, aber sein politisches Wirken sei umso umstrittener gewesen. Was hatte er angestellt? Mitten im Weltkrieg war der Pazifist für einen Frieden ohne Annexionen eingetreten!

Sebastian Kurz ist ein junger Mann, aber er agiert als Außenminister mit der gesellschaftspolitischen Physiognomie eines alten Wiener Ringstraßenpolitikers. Er verkörpert mit seiner Ideenlosigkeit, Oberflächlichkeit und Angepasstheit all das, was Lammasch abgelehnt hat.

Nirgends hat sich Kurz erkennbar zur Verhinderung von erklärten und nicht erklärten Kriegen eingesetzt: Afghanistan, Gaza, viele Regionen in Afrika, Irak usw. Die vielen fotografisch gut dokumentierten Auslandsreisen ändern nichts an seiner Gleichgültigkeit gegenüber dem sich weltweit brutalisierenden Realkapitalismus, Kurz reist, ohne sich wirklich fortzubewegen.

 

Zugeschnittenes Netzwerk

Der Deutsche Freundeskreis der Universität Innsbruck ist ein kleineres Netzwerk unter den vielen Netzwerken und Stiftungen Deutschlands und auf die Universität Innsbruck als wichtigen Wissenschafts- und Ideologieproduzenten im Zentrum des Alpenraumes zugeschnitten. Er ist 1954 mitten im Kalten Krieg gegründet worden. Die Innsbrucker Universität hat den Deutschen Freundeskreis als für ihre Zwecke geeignet anerkannt. Zu ihrer 300-Jahr-Feier (1970) hat sie einen seiner prominenteren Vertreter als Ehrensenator ausgezeichnet.

Dieser war 1938 von den Nazis nach Innsbruck zur Gleichschaltung der Studenten geschickt worden, hatte dort das Horst-Wessel-Lied vorgesungen, um dann wenig später als Wirtschaftsführer Spezialaufgaben der deutschen Okkupanten in Prag zu übernehmen.

 

Ein Signal an den Nachbarn

Der Deutsche Freundeskreis gibt im Alltag des Studienjahres da ein bisschen Taschengeld in die Rektorskasse, dort eine Sachspende oder füttert mit einem opulenten Gastmahl ausgewähltes Universitätspersonal an. Jetzt hat der Freundeskreis seine Professorendiener eben dazu angehalten, ein Sebastian-Kurz-Stipendium an der Universität einzurichten. Deutschlands Eliten erwarten vom akademischen Nachwuchs vor allem politische Verwendbarkeit. Dafür ist das Sebastian-Kurz-Stipendium ein gutes Signal an das mehr oder weniger gegängelte Nachbarland.

Es gilt, die Wirklichkeit zu erkennen, um sie verändern zu können. Niemand in Österreich wird verlangen, dass die Innsbrucker Universität ihren Studentinnen und Studenten eine Werteorientierung gibt, wie sie zum Beispiel an der Jesuitenuniversität in El Salvador zu finden ist. Von einer solchen hält sich auch ihre völlig überdimensionierte Katholisch-Theologische Fakultät tunlichst fern.

Es würde für die österreichische Bevölkerung nützlich genug sein, wenn sich die Innsbrucker Universität auf die Erforschung und Vermittlung von zuverlässigem Fachwissen konzentrierte und ihre Positionierung als „Universität des Opportunismus“ aufgäbe.

Gerhard Oberkofler (* 1941 in Innsbruck) ist Universitätsprofessor i. R. und Wissenschaftshistoriker.

E-Mails an: debatte@diepresse.com

 

("Die Presse", Print-Ausgabe, 29.05.2015)

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