Sehnsucht der FPÖ-Wähler nach dem Gestern

Gastkommentar. Nehmen wir FPÖ-Wähler ernst und nehmen wir an, sie meinen es auch ernst. Dann handelt es sich um Menschen, die Fremde, besonders Muslime, ablehnen und Österreich vom globalen Geschehen abgekapselt sehen wollen.

Nun ist wieder die Zeit der Analysen: Ob Niessl recht hat oder verantwortungslos handelt und ob die Vermutung stimmt, dass die Wähler der FPÖ es eigentlich nicht so meinen, dass sie nur ihren Unmut ausdrücken wollen – gegen die Hilflosigkeit der Regierung, gegen das ewige Rot-Schwarz, gegen die „Ausgrenzung“ derer, von denen sie sich verstanden fühlen, gegen die Arbeitslosigkeit, gegen die Fremden, gegen die EU, gegen den Euro, gegen die Tempolimits, gegen „die da oben“, gegen das Bildungsdesaster (hoppla, dagegen nicht, Bildungsfragen sind keine FPÖ-Fragen). Die Liste ließe sich fortsetzen. Mit einem Wort: FPÖ-Wähler seien halt Protestwähler, aber sie meinen es nicht bös.

 

Fehlerhaftes FPÖ-Deutsch

Drehen wir die Geschichte einmal um, nehmen wir FPÖ-Wähler ernst und nehmen wir an, sie meinen es auch ernst. Dann handelt es sich um Menschen, die Fremde, besonders Muslime ablehnen, die sich auch vor ihnen fürchten, ihnen nicht einmal Gebetsräume zugestehen wollen, die das Wort „Intellektuelle“ als Schimpfwort betrachten, ebenso wie „Gutmenschen“ (die sich um Flüchtlinge kümmern), die strikt unterscheiden zwischen den „Unsrigen“ und den anderen, die sagen, die Politiker seien eh alle gleich, nur auf den eigenen Vorteil bedacht, ausgenommen die von der FPÖ (FPÖ-Wähler informieren sich eher selektiv).

FPÖ-Wähler sind im Regelfall ängstliche Menschen. Sie sehnen sich nach dem Gestern, als alles schöner war, weil wir unter uns waren. Und da ihnen „Globalisierung“ und „Neoliberalismus“ mittlerweile vertraute Begriffe sind: Könnten wir die in Österreich nicht einfach verbieten? Und zurück zu einem Sozialstaat wie unter Kreisky! Kreisky akzeptieren die meisten, obwohl – aber lassen wir das.

Angesichts dieser rückwärtsgewandten Sehnsucht ist es seltsam, dass der steirische Spitzenkandidat der FPÖ auf seiner Homepage als Motto angibt: „Numquam retro – niemals zurück“. Dass da laut „Standard“ bis vor Kurzem „Nun quam retro“ stand, ist egal, falsch abgeschrieben halt. Der Spott bringt nichts, der bringt ihn seinen Wählern nur näher. Manchmal fragt man sich ja angesichts von Sprachfehlern in FPÖ-Mitteilungen: Hapert's wirklich so weit, oder machen die das absichtlich? Ist es eine versteckte Botschaft an ihre Wähler: Wir reden und schreiben wie ihr. Ihr merkt es ohnehin nicht, und wenn sich die anderen deswegen über uns lustig machen, schweißt uns das nur noch enger zusammen.

Mit Sicherheit lässt sich eines sagen: Wirklich infam daran ist, dass gerade diese Leute von Zuwanderern ausreichende Deutschkenntnisse verlangen. Und das Infamste ist die Sprache der FPÖ: Sie hetzt gegen Menschen und vergiftet das Zusammenleben. Das ist schlimmer als das Kärntner Bankdesaster. Und wenn zutrifft, was Hans Rauscher ankündigt, ein Schwerpunkt der FPÖ im Wiener Wahlkampf werden Ausländer und Bettler sein, dann greift die Partei zu ihrem bewährten Rezept: Jagd auf die Ärmsten!

 

HC Strache – einer von ihnen

Man kann annehmen, dass Parteichef HC Strache seinen Wählern näher ist, als es Jörg Haider jemals war, weil Strache weniger intelligent ist und ungebildeter als Haider. Zu Haider mussten sie trotz seiner häufigen ordinären Ausfälle immer noch aufschauen, Strache dagegen ist einer von ihnen. Zu ihm muss niemand aufschauen.

Das beantwortet die häufig gestellte Frage, warum Strache, dem Haiders Ausstrahlung und Rhetorik fehlen, den Erfolg fortsetzen konnte. So fragen nur Menschen, die die FPÖ von außen betrachten, außerhalb ihrer parteiimmanenten Kategorien denken. Strache hingegen denkt wie seine Wähler, fühlt wie sie, spricht wie sie.

Wer daher wissen will, wie der typische FPÖ-Wähler ausschaut, muss sich nur Strache anschauen. Denn Strache ist tatsächlich die FPÖ – mehr als Haider, der die Partei ja dann auch verlassen hat.

Wie sehr die FPÖ in der Mitte der Republik angekommen ist, zeigte sich am Sonntag bei der TV-Diskussion „Im Zentrum“: Während aus Cathrin Kahlweit, der Korrespondentin der „Süddeutschen Zeitung“, Abscheu vor der FPÖ und ihren Positionen sprach, war es bei Josef Cap nur simple Kritik an einem politischen Mitbewerber.

Vor wenigen Wochen stellte die FPÖ-Abgeordnete Susanne Winter an den Verteidigungsminister eine parlamentarische Anfrage: „Ist das österreichische Bundesheer auf einen Angriff durch die EU ausreichend vorbereitet? Haben Sie dazu geeignete Verteidigungspläne?“

 

Ein Land verspielt die Zukunft

Eine solche Anfrage wäre bemerkenswert, wäre sie nicht aus der FPÖ gekommen. In diesem Fall ist nicht einmal bemerkenswert, dass niemand im FPÖ-Parlamentsklub irritiert war und Frau Winter zurückgehalten hat. Und die Wähler der FPÖ stört derlei schon gar nicht. Das haben sie bei den Wahlen in Frau Winters Heimat, der Steiermark, eben bewiesen.

Das wiederum zeigt, wie notwendig und sinnvoll das Bildungsvolksbegehren gewesen ist, erklärt aber gleichzeitig auch, warum es nicht mehr Stimmen gekriegt hat. Die Frage ist berechtigt: Besteht zwischen dem relativen Misserfolg des Bildungsvolksbegehrens und den relativen Erfolgen der FPÖ ein innerer Zusammenhang?

Hannes Androsch, der Initiator des Volksbegehrens, wird nicht müde zu erklären, dass Österreich eben dabei ist, seine Zukunft zu verspielen. Dazu leistet die FPÖ mit ihrem aggressiv rückwärtsgewandten nationalistischen antieuropäischen Programm einen beträchtlichen Beitrag, um die Zukunft des Landes zu beschädigen.

Aber damit steht sie nicht allein da. Schon tausende Male wurde darauf hingewiesen, dass es begründete Ängste vor Arbeitslosigkeit, Stillstand, unkontrolliertem Zuzug und damit verbunden einem abnehmenden Sicherheitsgefühl gibt.

 

Ministeriell geschürte Ängste

Statt sich dem zu stellen, wurden die Ängste vonseiten der Regierung entweder negiert oder geschürt. Vor allem die Innenministerinnen Maria Fekter und Joahnna Mikl-Leitner haben durch Jahre alles getan, um Flüchtlinge abzuwerten, die Angst vor ihnen zu vergrößern. Damit haben sie der FPÖ die Wähler in Scharen zugeschaufelt.

Was fehlt – auch das schon hundertmal gesagt -, ist eine Politik, die die Herausforderung anspricht: Ja, der Flüchtlingsstrom ist ein Problem, ja, da kommen auch Menschen mit einer anderen Gewaltkultur zu uns, ja, es gibt auch Banden. Das alles ist Realität, dem haben wir uns gemeinsam zu stellen. Ein Regierungspolitiker, der das offen anspricht, ohne gleich wieder allzu viel zu versprechen, könnte von einer Mehrheit als befreiend erlebt werden, auch auf die Gefahr, dass das für FPÖ-Politiker nur Anlass wäre, mit doppelter Intensität zu hetzen.

Auszugehen ist davon: FPÖ-Wähler sind keine unguided missiles, ratlos im Raum. Ein Teil von ihnen weiß genau, warum er FPÖ wählt, und wird daher schwer zu gewinnen sein. Bei den anderen muss man es unbedingt versuchen.

E-Mails an: debatte@diepresse.com

DER AUTOR



Dr. Peter Huemer
(* 1941 in Linz) studierte Geschichte, Germanistik und Kunstgeschichte an der Uni Wien. Ab 1969 Mitarbeiter des ORF, zunächst in der Dokumentationsabteilung, von 1977 bis 1987 dann Leiter der legendären Talk-Show „Club 2“; danach Moderator der Ö1-Sendung „Im Gespräch“. Zahlreiche Publikationen, mehrere Auszeichnungen und Journalistenpreise. [ Fabry ]

("Die Presse", Print-Ausgabe, 09.06.2015)

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