Haut den Bobo! Das Zerrbild einer kreativen Klasse

Angeblich abgehobene Stile wurzeln häufig in fragilen Lebensumständen.

 (Die Presse)

Kaum eine heutige politische Debatte, in der nicht abwertend vom Bobo die Rede ist. Doch das Bild von den gut verdienenden Genießern und Genießerinnen mit den Luxusproblemen ist ein Zerrbild.

Der Bobo lebt in innerstädtischen Bezirken. Er fährt mit dem Fahrrad, hätte gerne einen Gemeinschaftsgarten um die Ecke und legt Wert auf gesundes Essen im Kindergarten. Ihn oder sie interessieren Tauschmodelle und konsumfreie Aktivitäten im öffentlichen Raum. So weit, so treffend. Doch meistens wird in den Debatten der Bezeichnung die Qualifikation „gut verdienend“ hinzugefügt.

Es grenzt freilich an Tatsachenverdrehung, wenn sparsame Lebensstile, wie Picknicks im Park, als Wohlstandshedonismus verunglimpft werden. Und es verwundert zu hören, dass die Fokussierung auf Nutzungsmöglichkeiten des öffentlichen Raums Luxusprobleme einer kreativen Upperclass sein sollen. Es soll hier daran erinnert werden, dass diese Lebensstile nicht zuletzt auch aus einer umfassenden Prekarisierung des persönlichen Lebens entstanden sind.

Zugespitzt gesagt, steht das eigene Auto, der „eigene“ Parkplatz vor dem Haus und der alljährliche Erholungsurlaub für die halbwegs stabilen Verhältnisse, die die Hochkonjunkturgesellschaften seit den 1960er-Jahren geprägt haben. Hingegen sind alternative Mobilität, der Bedarf an konsumfreiem öffentlichen Raum, Mietmodelle und Recycling zu Kennzeichen der unsicherer gewordenen Generationen geworden.

 

Angst vor Deklassierung

Ein Teil des Widerstandes gegen Maßnahmen zur Bevorzugung von öffentlichen Verkehrsmitteln lässt sich daher wohl auch auf eine unterbewusste Deklassierungsangst zurückführen: Wer mit dem eigenen Auto zur Arbeit fährt, kann sich noch als vollwertiges Subjekt einer individualisierten Vollbeschäftigungsgesellschaft fühlen und spürt vielleicht im Innersten, dass es ein Abstieg sein könnte, sich plötzlich im überfüllten Bus oder Zug wiederfinden zu müssen.

 

Ansetzen bei den Einkommen

Eine ähnliche psychologische Disposition trifft auch auf Konflikte zwischen gastronomisch-eventorientierten Nutzungen des Stadtraums und Konsumfreiheit zu, wie sie sich derzeit am Donaukanal und im Prater in Wien anbahnen. Hier ist so manchem orthodoxen Verteidiger der „kleinen Leute“ das Freizeitprogramm „Biergarten“ näher als das Picknick – so als würden Befürworter der Eventnutzungen ahnen, dass es noch immer einen Statusunterschied macht, ob sich „die Werktätigen“ in der Wiese selbst verpflegen, oder ihr Urlaubsgeld „dem Wirten“ überlassen.

In der Bobo-Kritik wendet sich eine zentrale Fähigkeit der kreativen Klasse – nämlich aus der materiellen Not eine stilistische Tugend machen zu können – gegen sie selbst. Doch denjenigen, die bei den Bobos nur Wohlstand sehen wollen, sei eine Schärfung des Blickes empfohlen:

Die Räder sind häufig gebraucht, die Kleidung aus dem Secondhandshop und das Tischtennisspielen im Park ist eben auch ein Ersatz dafür, auf Urlaub fahren zu können. In den zur Uniform gewordenen Umhängetaschen findet sich mit dem Laptop oft das einzige Werkzeug dieser „Arbeiterschaft“, das sogar selbst zum Job mitgebracht werden muss.

Eine stimmigere Analyse würde sich also nicht mit Habitusabgrenzungen beschäftigen (und diese dann wirtschaftlich falsch interpretieren), sondern sollte an den Einkommen ansetzen. Eine derartige Betrachtung würde zeigen, dass die Lebensstile, die als abgehoben kritisiert werden, sehr häufig in fragilen Lebensumständen verwurzelt sind.

Martin Fritz (* 1963) arbeitet als selbstständiger Berater, Kurator und Publizist und wohnt im 6. Wiener Gemeindebezirk.

E-Mails an: debatte@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 01.07.2015)

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