Was ich unter einem europäisch geprägten Islam verstehe

Der Widerstand, dass der Islam nicht europäisch bzw. neuzeitlich geprägt sein könnte, ist theologisch nicht begründbar.

Meine Interviews oder Artikel in den Medien ziehen eifrig Kommentare und Zuschriften an; vor allem verunsicherte Muslime fragen mich immer wieder, was ich denn mit einem europäisch geprägten Islam meine. Vor allem werde ich öfters mit der Frage konfrontiert, wie denn der Islam in Europa anders sein könne als in den anderen muslimischen Ländern.

Wenn diese Fragestellung theologisch des Öfteren formuliert wird, ist sie in der Regel von gesellschaftspolitischer Natur. Denn aus der Geschichte des Islam wissen wir, dass der Islam nicht nur die Spuren des gesellschaftlichen Kontextes, sondern auch die Namen dieses Kontextes trägt. Gleich nach dem Ableben des Propheten haben die Muslime in verschiedenen Teilen der Welt eine Theologie und eine islamische Lebensweise in ihrem jeweiligen Kontext entwickelt. Diese kontextuelle Theologie war für die islamische Lehre ganz selbstverständlich. Dadurch sind sehr viele Lehrschulen entstanden, die auf die Bedingungen der Gesellschaft angepasst und für die jeweiligen Verhältnisse verständlich waren.


Unterschiedliches Islamverständnis

Die islamische Lebensweise in Bagdad entsprach nicht immer der Lebensweise der Muslime in Ägypten, oder sie stimmte mit einem anderen Kontext überein. Essvorschriften, Gebetsvorschriften, Handelsvorschriften wichen voneinander ab. Bestimmte Theologen haben in verschiedenen Kontexten sogar unterschiedliche Lehren für die religiöse Praxis entwickelt. Darauf sind die Muslime auch sehr stolz – und darauf, wie flexibel die islamische Lehre ist, wie anpassungsfähig und dynamisch der Islam auf die Verhältnisse der Gesellschaft reagieren kann.

In der Gegenwart wird der Islam in verschiedenen Ländern unterschiedlich verstanden und praktiziert. Den Islam in Afghanistan kann man mit dem Islamverständnis in der Türkei nicht vergleichen, das Islamverständnis der Türken wiederum können wir mit einem Islam in einer multikulturellen Gesellschaft in Malaysia nicht vergleichen. Auch kann kein Land den Anspruch erheben und behaupten, dass die Afghanen keine Muslime seien oder – umgekehrt – gar den einzig wahren Islam vertreten.

Die Taliban sind Muslime mit einem eigenen Islamverständnis, das den anderen vielleicht nicht passt. Die Taliban haben jedoch für ihre Handlungen religiös legitimierte Grundlagen, die aus ihrem Religionsverständnis abgeleitet werden. Die gesamten Mordserien und Verbrechen gegen die Frauen haben bei den Taliban immer eine religiöse Begründung.

Warum tun die Muslime sich damit so schwer, einen Islam mit europäischer Prägung zu begründen? Dieser Widerstand, dass der Islam nicht europäisch bzw. neuzeitlich geprägt sein könnte, ist theologisch nicht begründbar. Nicht die Theologie macht es schwer, sondern unsere politisch-ideologische Gesinnung macht diesen Gedanken unmöglich, weil wir uns nämlich schwer tun, uns in unserer neuen Heimat heimisch zu fühlen, weil wir uns dieser Herausforderung nicht stellen möchten.


Partizipation an der Gesellschaft

Diese eigentlich unnötigen Widersprüche beobachten wir alltäglich in unserer Gesellschaft, wo die Muslime selbst Widersprüche zwischen ihrem Alltag und ihrer Religiosität produzieren. Wir sehen zum Beispiel, wie sich die jungen Frauen und Männer sehr schwer tun mit ihren zwischenmenschlichen Handlungen in unserer Gesellschaft. Ein gewisses Religionsverständnis weist immer wieder auf die Gefahren des Zusammenlebens mit eigener Identität in einer pluralen Gesellschaft hin und warnt vor den Gefahren der Assimilation. Eine demokratische Gesellschaft lebt aber von der Pluralität der Religionen, Meinungen und unterschiedlicher Lebensweisen ihrer Bürger. Eine Politik der Assimilierung ist nicht nur eine Gefahr für die Muslime, sondern auch und eine noch viel größere Gefahr für die plurale Gesellschaft selbst. Die Partizipation der Muslime an dieser Gesellschaft ist eine Sicherheit sowohl für die Zukunft der Muslime als auch für die Zukunft der Demokratie. Mit unserer Beteiligung setzen wir uns für die Werte ein, die uns schützen und unsere Zukunft in dieser Gesellschaft sichern.

Wenn die Muslime sich in die Mitte der Gesellschaft bewegen, dann werden wir sehen, dass die Theologie des Islam mit europäischer Prägung Gestalt annimmt. Dann werden die Muslime sich mit Offenheit ihren gesellschaftlichen Aufgaben stellen und fragen, mit welcher Religiosität sie der Gesellschaft begegnen möchten. Diese Einstellung wird die Theologie herausfordern, auf diese Situation zu reagieren. Als europäische Muslime werden wir sehr wach und bewusst zu fragen lernen, warum in meiner Moschee ein Imam predigt, den ich nicht verstehen kann und der auch mich nicht versteht, weil er meine Heimat, meine Gesellschaft und meine Probleme nicht kennt, geschweige denn meine Sprache. Wie kann ich mit einem Theologieverständnis aus dem neunten Jahrhundert meinen Alltag als Muslim in Europa bewältigen? Wie kann ein al-Azhar-Gelehrter, der niemals im Westen war, mir Lebenshilfen geben, Ratschläge, für die er in seiner Heimat selbst in Schwierigkeiten geraten würde? Wie können wir die Bildungschancen der Muslime erhöhen? Warum fühle ich mich hier nicht heimisch, warum habe ich meine Freude an der Sprache der Gesellschaft verloren, warum fühle ich mich fremd?


Unbegründete Unmündigkeit

Und weitere Fragen aus unserem Alltag können unsere Lebensweise sinnvoll gestalten, indem wir, wie das alle Theologen schon all die Jahrhunderte vor uns taten, so verfahren: nämlich Regeln schaffen, die aus dem Moral- und Gerechtigkeitssinn des Islam auf unsere völlig andere Zeit zugeschnitten sind. In diesem Prozess kann die Religion uns die innere Sicherheit geben, die wir brauchen. Die Handlungsunfähigkeit inmitten der Gesellschaft wird die Muslime aus einer unbegründeten theologischen Unmündigkeit befreien.

Die Muslime sollten sich jedoch vor den Organisationen und Vereinen schützen, die ihre Isolation theologisch festzementiert haben. Solche Organisationen haben keine Zukunftschancen in der Mitte der Gesellschaft, und daher suchen sie ihre Nischen stets am Rande der Gesellschaft und nutzen die theologische Unsicherheit der Menschen aus. Ihre gesellschaftliche Inkompetenz wird mithilfe einer völlig veralteten Theologie als eine religiöse Überlegenheit gepredigt und institutionalisiert.


Gekannt und anerkannt

„Islam mit europäischer Prägung“ bedeutet nichts anderes, als dass die Muslime sich der gesellschaftlichen Herausforderung stellen und Antworten auf ihre Widersprüche im Hier und Jetzt in der Gesellschaft suchen. „Islam mit europäischer Prägung“ bedeutet, dass wir uns mit unseren gemeinsamen Werten in unserer neuen Heimat identifizieren und uns hier heimisch fühlen. Dieses Verständnis der Religiosität bedeutet auch, dass wir als ein Teil dieser Gesellschaft gekannt und anerkannt werden.

Damit möchte ich die vielfältigen Probleme der Migration weder theologisieren noch pädagogisieren. Ich möchte nur auf die Aufgaben der Muslime in unserer Gesellschaft hinweisen. Dieser Hinweis darf kein Grund für die Politik sein, sich der Verantwortung für die Partizipation der Muslime zu entziehen.

V.-Prof. Dr. Ednan Aslan lehrt Islamische Religionspädagogik am Institut für Bildungswissenschaft der Universität Wien.


meinung@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 08.05.2009)

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