Es geht doch auch um Österreichs Identität

Die Pläne für ein Haus der Geschichte am Heldenplatz erregen manche bürgerlichen Gemüter. Bitte auf dem Boden der Fakten bleiben!

Seit 1999 enthielt jede Regierungserklärung das Versprechen, ein Haus der Geschichte zu errichten oder wenigstens zu planen. Nach eineinhalb Jahrzehnten findet sich ein Kulturminister, der diese Willenserklärung der Vorgängerregierungen ernst nimmt und einen konkreten, durchführbaren Plan vorlegt.

Statt ein schwer finanzierbares und einen jahrelangen Errichtungsprozess erforderndes Neubaukonzept vorzulegen, schlägt der Pragmatiker Josef Ostermayer vor, das Projekt in der Neuen Hofburg zu verwirklichen.

Die Vorbereitungsarbeiten legt er in die Hände des ausgewiesenen Zeitgeschichteprofessors Oliver Rathkolb. Mehr hat es nicht gebraucht. Mit einem „Genossen im Geiste“ will er das durchziehen; am Heldenplatz will er es machen, der doch mit österreichischer Geschichte kaum etwas zu tun hat; den Mittelbalkon der Hofburg will er einbeziehen, auf den doch niemand hinaustreten darf, seit er dort gesprochen hat. Da könnte ja jeder kommen! Die Musiksammlung will er verlegen, die doch so luftig angelegt ist, dass man lustvoll durchspazieren kann. Nein, so haben wir das nie gemacht. Da ist zumindest Entrüstung angesagt.

Bürgerliche Geister haben sich über solche Umtriebe wirklich aufzuregen. Leider auch mein Freund Thomas Chorherr in seiner Kolumne „Merk's Wien“ (13.7.).

 

Der Dauerschlaf der ÖVP

Nochmals zu seiner Erinnerung: In der Regierungserklärung des Kabinetts Schüssel II hieß es 2003: „Auf der Grundlage der Parlamentsentschließung und der Vorbereitungsarbeiten wird ein konkretes Projekt zur Errichtung eines ,Haus der Geschichte‘ [sic] erstellt. Die dafür notwendigen Mittel werden von öffentlicher und privater Hand aufgebracht.“ Seit Jahrzehnten schläft die ÖVP einen kulturpolitischen Dauerschlaf. Darf man bitte fragen, wer Kultursprecher der ÖVP ist? Wer es nicht wissen sollte: Es ist eine Sie. Früher Finanzministerin und Innenministerin, jetzt Geschäftsführerin eines Kieswerkes. Was hat man von ihr zuletzt gehört?

Gibt es ein Gegenkonzept zum Plan, das Haus der Geschichte an die Nationalbibliothek organisatorisch und räumlich anzudocken?

Die Gefahr, dass der Heldenplatz neuerlich „entweiht“ oder gar „umdefiniert“ wird – sollte er das Containerdorf (für Parlamentsmitarbeiter) überleben –, muss schon gewaltig sein, wenn ein Thomas Chorherr derart davor zittert.

Und dann noch das leidige Thema, dass es zwei Häuser der Geschichte geben soll – eines für die Republik und eines für Niederösterreich. Das ist ja auch wieder typisch: ein „rotes“ und ein „schwarzes“. Mit anderen Worten: Auch der Historiker Stefan Karner, verantwortlich für das Projekt in St.Pölten, wird nicht objektiv sein. Er wird selbstverständlich den „Korneuburger Eid“ verschweigen, genauso wie Rathkolb die legitimistischen Widerstandskämpfer unter den Teppich kehren wird.

Bleiben wir doch bitte auf dem Boden der Tatsachen. Wer zu geringe Mittel hat, ein Haus zu bauen oder eine Eigentumswohnung zu kaufen, zieht in eine Mietwohnung. Stellt sie ihm ein Verwandter ohne Ablöse zur Verfügung, umso besser. Ist sie stattlich und geräumig, noch besser. Steht sie mitten in der Stadt, hat das viele Vorteile.

 

2018 kommt bestimmt

Wird es eine Schulklasse aus Dornbirn nicht zu schätzen wissen, wenn sie nach Besuch der Schatzkammer nur ein paar Schritte zum wahrlich geschichtsträchtigsten Ort Österreichs hat? In einem räumlichen Lehrstück ohnegleichen, und nur eine (Pärchen-)Ampel bis zu den großen Museen!

Oliver Rathkolb hat einen international besetzten Beirat von Museumsfachleuten und Historikern um sich geschart. Schon jetzt gibt es mehr Anregungen, als man je verwirklichen wird können. Das auf einen Neubau ausgerichtete Konzept Haas/2009 (es hatte große Mängel) soll der neuen Situation angepasst werden. Man wird sehen, was es bringt.

Eine „Steuerungsgruppe“ – hoffentlich kein interministerieller Unterausschuss im Sinne Robert Musils – kümmert sich um die bauliche Ausgestaltung des Heldenplatzes samt Tiefgarage und Bücherspeicher. Ein Architektenwettbewerb soll schon im Herbst ausgeschrieben werden, denn die Zeit drängt – 2018 kommt bestimmt. Und im Land der Jubiläumsmythen muss dann alles fertig sein.

 

Der Professor als Manager

Oliver Rathkolb ist nicht zu beneiden. Ein Geschichtsprofessor als Manager – ob er das schafft? Bald nach den Ferien will er diverse Prozesse der öffentlichen Auseinandersetzung mit Geschichte starten. Gut so!

Einen breiten Diskurs über das Werden Österreichs, seine Eigenstaatlichkeit, seinen Weg in Rechtsstaat und Demokratie, seine kulturelle Glanzzeit um 1900 und die leidvolle, letztlich aber triumphale Entwicklung der Republik Österreich seit 1918 – das hat es schon lange nicht mehr gegeben. Dieser Diskurs muss freilich auch die unangenehmen und kontroversiellen Phasen der Zeitgeschichte Österreichs thematisieren.

Trautl Brandstaller und ich, die wir seit zwei Jahrzehnten für ein Haus der Geschichte werben, meinten schon 2006 in unserem Konzept: „Wo wissenschaftliche Forschung und öffentliches Bewusstsein noch keinen Konsens erreicht haben, wo es offene Fragen und Kontroversen gibt, sind diese offen zu dokumentieren: Ein ,Haus der Geschichte‘ kann Konsens nicht vorspiegeln, wo Dissens herrscht. Das Bekenntnis, Fragen noch nicht geklärt zu haben, zählt zu den Fundamenten einer wissenschaftlichen Institution.“

 

Kraft aus der Vergangenheit

Fassen wir zusammen: Das geplante „Haus der Geschichte“ soll sich den Genius Loci der Hofburg und des Heldenplatzes auf kluge Weise dienstbar machen. Das Haus der Geschichte muss überparteilich geführt werden. Es darf sich nicht auf die politische Geschichte beschränken, sondern muss Kultur-, Wirtschafts- und Sozialgeschichte einbeziehen. Die Geschichte Österreichs wäre keine Geschichte Österreichs, würde sie erst bei 1918 ansetzen.
Österreichs Entwicklung ist im Zusammenhang mit der Entwicklung seiner Nachbarländer und seiner Rolle in Europa zu sehen. Die Auseinandersetzung mit der Geschichte der Republik Österreich muss die Geschichte der Bundesländer angemessen berücksichtigen.

Schließlich ist festzustellen: Die Öffentlichkeit hat einen Anspruch darauf, in konkreter Form über Themenstellungen und Fortschritt der Vorbereitungsarbeiten informiert zu werden. Nur so kann ein konstruktiver Diskurs geführt werden. Umgekehrt haben Minister Ostermayer und Professor Rathkolb samt Mitarbeitern einen Anspruch auf Fairness und Sachlichkeit bei der Diskussion ihrer Vorschläge. Bei der Frage nach der Zukunft unseres Landes geht es doch nicht nur um anhaltendes Wirtschaftswachstum und die Wahrung der sozialen Sicherheit. Es geht auch um die Identität Österreichs, die aus einer erkannten und bewältigten Vergangenheit die Kraft schöpft, um im Europa von morgen bestehen zu können.

E-Mails an: debatte@diepresse.com

DER AUTOR



Dr. Peter Diem (* 1937 in Wien) ist Jurist, Politikwissenschaftler und Publizist. Von 1979 bis 1999 war er der Leiter der Abteilung Medienforschung im ORF. Ab 2000 führte er die Online-Marktforschung bei GfK Austria ein. Mitherausgeber des österreichischen Wissensnetzes Austria-Forum. [ Privat]

("Die Presse", Print-Ausgabe, 20.07.2015)

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