Das große Schweigen über die Schmerzen der Flucht

Neue Völkerwanderung. In Afrika werden die wahren Geschichten über die Schicksale der Emigranten so gut wie nie erzählt.

Es ist geradezu ein Gemeinplatz geworden, dass die Ursachen der Migration „an ihrem Ursprung in den Herkunftsländern“ der Migranten bekämpft werden müssen. Keine Politikerrede zum Thema, kein Aufruf humanitärer Organisationen, keine Erklärung kirchlicher Würdenträger, in der das nicht gefordert würde. Es hat aber noch niemand erklären können, wie das zu bewerkstelligen wäre. Meistens ist damit gemeint, noch mehr Geld für die sogenannte Entwicklungshilfe auszugeben. Das Ergebnis jahrzehntelanger Hilfe und Billionen von Dollar und Euro ist freilich niederschmetternd.

Die Tragödien auf der „Balkanroute“ – von der Türkei und Griechenland bis nach Ungarn und Österreich, neuerdings angeblich die gefährlichste Reiseroute der Welt – und die anschwellende Flüchtlingswelle aus den Kriegsländern im Nahen und Mittleren Osten haben das Afrika südlich der Sahara aus dem Blickfeld geraten lassen. Aber nach wie vor hält die Armutsemigration aus Afrika ungebrochen an. Mit 80.000 bis 100.000 Menschen, die illegal nach Europa wollen, rechnet die Internationale Organisation für Migration (IOM) in diesem Jahr.

Die Situation dieser Migranten ist anders als die der Kriegsflüchtlinge. Nur in den seltensten Fällen sind sie verfolgt und deshalb als Flüchtlinge zu qualifizieren. Dennoch glauben sie den Beteuerungen europäischer Politiker nicht, sie hätten in Europa keine Aussicht auf Asyl oder gar einen Arbeitsplatz. Auch die Risken der Reise durch die Sahara und über das Mittelmeer schrecken sie nicht ab. Zu verlockend sind die Nachrichten und Bilder, die sie über Mobiltelefon bekommen. Sie erfahren auch, dass es sie irgendwie und irgendwann trotz allem schaffen werden. Überhaupt ist das Handy zum wichtigsten Instrument der modernen Migration geworden.

Das Nadelöhr für die Wanderung aus dem zentralen Afrika nach Norden ist die Stadt Agadez in Niger am Südrand der Sahara. Hier muss jeder Afrikaner, der nach Europa will, durch. In der staubigen Stadt werden die Konvois für die teure und gefährliche Fahrt durch 3000 Kilometer Wüste bis an Libyens Küsten zusammengestellt.

Neben den wohlorganisierten Schleppern und Dutzenden anderen Geschäftszweigen, die am Menschenschmuggel verdienen, sind auch IOM und eine französische Verbindungsagentur hier präsent. Auch Deutschland will sich mit einer „multifunktionalen“ Regierungsagentur in der Stadt niederlassen, deren alleiniger Zweck es sein soll, den Migranten die Aussichtslosigkeit ihres Vorhabens deutlich zu machen.

Der aus Ghana stammende Kurienkardinal Peter Turkson, Präsident des Päpstlichen Rates für Gerechtigkeit und Frieden (Iustitia et Pax) empfiehlt eine Blickumkehr. Appelle und Forderungen müssten sich gerade auch an die afrikanischen Länder richten, um deren Bürger es immerhin geht.

 

Demografische Ausblutung

Der anhaltende Ausreisestrom aus Afrika habe für die Herkunftsländer gravierende politische und wirtschaftliche Folgen, sagte der einflussreiche Kardinal in der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“. Afrika könne die demografische Ausblutung nicht länger verkraften. Die vielen jungen Menschen dürften ihren Heimatländern nicht verloren gehen.

Die meisten Flüchtlinge machten sich Illusionen über ihre Zukunft in Europa, beklagt der Kardinal: „Die wirkliche Geschichte ihrer Wanderschaft wird daheim nie erzählt; über die Erniedrigung und die Schmerzen wird geschwiegen. Die Fotos auf den Mobiltelefonen halten meist nur das Lachen fest.“

Der Dokumentarfilm, der den Daheimgebliebenen die wahren Schicksale von Emigranten erzähle, sei noch nicht gedreht worden. Er müsste den Titel tragen: „Der Weg der zerbrochenen Träume“. In Afrika müssten endlich echte Informationen über die Gefahren der Flucht und die Situation in Europa verbreitet werden.

Diese Sicht des Kardinals bestätigt auch die Leiterin des IOM-Büros in Wien, Katerina Kratzmann. Man müsse bei den Migranten selbst ansetzen und sie über Europa und die Aussichten, die sie hier haben, informieren. Viele unterschätzten auch die Gefahren der Überquerung des Mittelmeers. „Vielerorts ist ein falsches Bild vom vermeintlichen Paradies Europa verbreitet, in dem alle Wünsche erfüllt werden.“

 

Fluchtursachen bekämpfen

Auch sei es für Migranten kaum möglich, so viel Geld zu verdienen, dass sie etwas an die Familie in der Heimat schicken könnten. Daraus, so Kratzmann, entstünden oft „schwierige Dynamiken“, weil die Herkunftsfamilie, die das Geld für die Reise zusammengelegt habe, „ihrem Mann in Europa“ oft nicht glauben wolle, dass er das Geld nicht habe, das sie erwarten.

Kardinal Turkson appelliert an die Europäer, die Fluchtursachen in den Heimatländern der Emigranten zu bekämpfen: Europa müsse dort ansetzen, wo die Menschen ihre Wanderung beginnen. Gezielte Aufbauprogramme für gefährdete Staaten müssten geschaffen werden, die gleichermaßen Bildung, Ausbildung und demokratisches Regierungshandeln auf allen Ebenen anpacken. Und zwar nicht nur, damit die jungen Menschen nicht länger nach Europa gehen, sondern damit sie ihrer Heimat nicht verloren gehen: „Mildtätigkeit ist garantiert keine Lösung.“

Früher, so der Kardinal, mag Europa einmal so reich gewesen sein, dass es in großer Wohltätigkeit viele Migranten hätte aufnehmen können. Aber diese Zeit sei vorbei. „Europa kann nicht immer mehr Menschen aufnehmen und integrieren. Wir haben Krisen in den EU-Ländern von Griechenland bis Frankreich. Die Angst vor Überfremdung in der Bevölkerung.“

Turkson unterscheidet auch wohlweislich Flucht und Emigration aus wirtschaftlichen Gründen: Die Menschen aus den Bürgerkriegsgebieten am Horn von Afrika retteten durch Flucht ihr Leben; aus dem subsaharischen Tropengürtel machten sich aber viele auf in der Hoffnung, in Europa reich zu werden: „Dabei kommen sie eigentlich aus reichen Staaten, in denen es Bodenschätze gibt und auch Arbeitsmöglichkeiten.“

 

Junge und Starke ziehen los

Hart ins Gericht geht der Kurienkardinal auch mit den afrikanischen Eliten, die nie gelernt hätten, dass Macht dazu da sei, den Menschen zu dienen. „Die Eliten wollen herrschen um der Macht und des Reichtums willen.“ Der Hinweis auf den Kolonialismus ist nur eine müde Ausrede, mit der Misswirtschaft und Korruption entschuldigt werden sollen. Niemand im Westen ist schuld daran, dass potenziell reiche Länder wie Simbabwe oder Angola zu Elendsstaaten herabgewirtschaftet wurden.

Zur ökonomischen Realität der Migration gehört auch, dass es nicht die Ärmsten in den armen Ländern sind, die ihre Heimat verlassen und sich auf den ungewissen und fast immer gefährlichen Weg nach Europa machen. Aber es sind die Jüngsten und Stärksten.

Die ganz Armen könnten das Geld, das eine solche Flucht/Reise kostet, gar nicht aufbringen. Oft legt eine Familie ihr Geld zusammen, um einem der Ihren die Reise zu finanzieren. Ein Afghane in Wien erzählte im Radio, dass er jetzt auch dafür arbeite, die 9000 Euro zurückzuzahlen, die ihn die Flucht gekostet hätte.

DER AUTOR

Hans Winkler war langjähriger
Leiter der Wiener Redaktion der
„Kleinen Zeitung“.

Debatte@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 07.09.2015)

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