Ein Haus der Geschichte, Republik, Zukunft?

So unkoordiniert und zerstritten, wie sich die Politik in der Frage einer musealen Aufarbeitung der Geschichte des Landes zeigt, so uneins sind auch die Historiker. Höchste Zeit, dass sich die Zunft zusammenreißt.

Gedenkjahre und Jubiläen häuften sich zuletzt: 100 Jahre Erster Weltkrieg 2014, 70 Jahre Kriegsende, 60 Jahre Staatsvertrag und Neutralität sowie 20 Jahre EU-Beitritt 2015. Die Republik feiert 2018 ihren 100. Geburtstag. Daran kann eine kaum geschichtsbewusste Politik nicht mehr vorbei, zumal die Regierung noch bis in dieses Jahr hinein durchdienen muss (wenn nicht etwas dazwischenkommt).

Die Historikerzunft debattiert über die Darstellung der eigenen Geschichte, wobei der Standort, die Auswahl und der Umfang der Themen, die Art und Form der Vermittlung kontrovers blieben und nicht zuletzt die Finanzierung unklar ist. Die Diskussion ist nicht neu. Sie läuft seit den 1990er-Jahren und eine Lösung war lang nicht in Sicht. Woran liegt das, und wie kann es gelingen?

 

Politisierte Zeitgeschichte

Zeitgeschichte in Österreich ist 30 Jahre nach Kurt Waldheim und der Erosion der Opferthese politisch immer noch ein heißes Eisen. Das offizielle Österreich tut sich damit weiterhin schwer, sonst hätte es wohl kaum so lang so viel Vertraulichkeit um ein Konzept für ein Haus der Geschichte gegeben. Hinzu kommt die Parteipolitik mit nach wie vor manifestem Lagerdenken.

Hand in Hand damit geht die Politisierung der Zeitgeschichte, was ihrer Objektivierung und Verwissenschaftlichung im Weg steht. Dazu braucht es Grundlagenforschung mit Editionen und keine kaputtgesparte Wissenschaft!

Das Land ist jedoch ideologisch gespalten und parteipolitisch gelähmt, symbolisiert durch eine sich mühsam dahinquälende Große Koalition. Zuerst geht es um die politische Farbe, dann um die Position und zuletzt um den Inhalt. Ein roter Minister stieß das Projekt neu an, ein schwarzer Staatssekretär antwortete mit einem Haus der Zukunft und ein oppositioneller grüner Vergangenheitspolitiker forderte ein Haus der Republik.

Ein Landespatriarch hat inzwischen sein eigenes Haus der Geschichte entwickeln lassen. So unkoordiniert und zerstritten, wie die Politik war und ist, so uneins sind auch die Historiker. Schnell wird etikettiert, punziert und stigmatisiert. Wer aber so agiert, wird zum Spielball der Parteipolitik, die auch die Uneinigen zu instrumentalisieren weiß.

Innere Konsensfindung tut daher not, doch wurde diese durch die bisherige politische Vorgehensweise erschwert. Wer um die österreichische Realverfassung Bescheid weiß, dem fällt nicht schwer zu verstehen, dass die Beauftragung des landesweit wohl bekanntesten Zeithistorikers mit dem Projekt durch die Politik systemimmanente Logik hatte. Ein internationaler Beirat ist rasch zusammengetrommelt worden.

Der inzwischen kundgetanen Umsetzungsstrategie sollte bei allen Mängeln eine Chance gegeben werden, um etwas daraus zu machen, nachdem das mediale Sommertheater die Bühne für kakanische Kakophonien geboten hat.

 

Unabhängige Leitungsfigur

Berechtigte und weiterführende Kritik wird wohl auch bei der Realisierung berücksichtigt: Historiker allein reichen nicht aus. Nationale wie internationale Geschichtsdidaktiker, Museologen sowie erfahrene wie junge und innovative Geschichtsforscher und Geschichtsforscherinnen braucht es. Eine vernünftige Kommunikationsebene mit vorhandenen Einrichtungen ist unabdingbar.

Die Raumgröße des auserkorenen Objekts bleibt heikel, denn vergleichbare Häuser in Bonn oder sogar in St. Pölten haben weit mehr. Nötig ist eine zukünftige unabhängige Leitungsfigur mit einem Team von Kuratoren, Museumspädagogen und Restauratoren. Die Ausschreibungen für den Mitarbeiterstab sollten international und transparent sowie die Bestellungen – ohne politische Interventionen – durch unabhängige Kommissionen erfolgen (und nicht wie an mancher Universität Entscheidungen schon vor den Verfahren feststehen). Das Team wird nicht nur Workshops, sondern auch eine Testphase mit Probeausstellungen benötigen. Für 2018 eine Sonder- und gleichzeitig auch als Dauerausstellung zu machen, die noch ein Jahrzehnt später internationalen Standards genügen sollte, erscheint überambitioniert.

 

1848 nur Zwischenstation

Das Team muss auch personell erneuerungsfähig sein. Ebenso ist inhaltlich mehr Konsens für Offenheit herzustellen. Andrea Brait hat ermittelt, dass die Bevölkerung ein Museum will, das über die Zeitgeschichte hinausreicht. Bis zu den Bajuwaren und Babenbergern muss man nicht zurückgehen. 1848 kann allerdings kein Ausgangspunkt, sondern nur Zwischenstation sein.

Die Habsburgermonarchie hat eine weitgehendere Behandlung verdient. Ausgangspunkte könnten Formen vormoderner Staatlichkeit, die Entstehung der Länder mit ihren Besonderheiten, aber nicht zuletzt die Donaumetropole des Ballhausplatzes des 18. Jahrhunderts und der Wiener Kongress von 1815 sein. Dann erst wird im imperialen Rahmen eines Kaunitz und Metternich der heutige Operettenstaat erkennbar, womit wir beim internationalen Kontext wären, der in der Forschung häufig fehlt.

Insbesondere kann die Neuere Geschichte nicht von der Zeitgeschichte vereinnahmt, das heißt aus einem funktionalen Gebrauchswertdenken für eine Darstellung des 20. und 21. Jahrhunderts quasi vom Ende aus reduziert dargestellt und selektiv gedeutet werden (das Ende der Geschichte ist bekanntlich offen). Anders formuliert: Die Neuzeit kann keine teleologisch ausgerichtete Vorarbeitsgeschichte für das zeitgeschichtliche Österreich sein.

All das wird nun nochmals zum Thema, wenn am Montag Historiker und Historikerinnen aus dem eigenen Land in der Akademie der Wissenschaften in Wien – obwohl die politische Entscheidung schon gefallen ist – sinngemäß über die Frage „Braucht Österreich ein neues Historisches Museum (,Haus der Geschichte‘), und wenn ja, was für eines?“ sprechen und die Debatte hoffentlich konstruktiv weiterführen.

 

Breiter öffentlicher Diskurs

Die erste Frage hat Helmut Kohl vor mehr als 30 Jahren in der alten Bundesrepublik Deutschland eindeutig beantwortet. Er traf eine politische Entscheidung, und es wurde ein Deutsches Historisches Museum in Berlin neben einem Haus der Geschichte der Bundesrepublik in Bonn gegründet. Es gelang dies alles, weil es einen breiten öffentlichen Diskurs gab, vor allem aber die Historiker nicht groß herumstritten, sondern begriffen, dass es ihnen nur hilft.

Genau das sollten auch die österreichischen Geschichtsforscher tun, denn jede Zunft hat das öffentliche Darstellungsforum, das sie verdient – oder auch keines. Die nächste Chance bietet sich dann vielleicht 2034 oder 2038. Ein neuerliches Scheitern würde die österreichische Historikerzunft der internationalen Lächerlichkeit preisgeben, was sie nicht braucht. Soweit eine Wahrnehmung auch von außen.

E-Mails an: debatte@diepresse.com

DER AUTOR



Michael Gehler
(* 1962 in Innsbruck) studierte Geschichte und Germanistik an der Uni Innsbruck, habilitierte sich 1999 und war dort a.o. Professor am Institut für Zeitgeschichte. Seit 2006 Professor und Leiter des Instituts für Geschichte an der Uni Hildesheim. Seit 2011 Direktor des Instituts für Neuzeit- und Zeitgeschichtsforschung der Österreichischen Akademie der Wissenschaften in Wien. [ Privat]

("Die Presse", Print-Ausgabe, 09.10.2015)

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