Ohne Migranten kann Österreich zusperren

Den meisten Österreichern ist nicht bewusst, welch große Bedeutung die Beschäftigung und Integration von Menschen mit Migrationshintergrund für die weitere wirtschaftliche und gesellschaftliche Entwicklung des Landes haben.

Die aktuelle Situation der syrischen Flüchtlinge in Österreich verdeutlicht das völlige Versagen des bisherigen Systems, Fremde geregelt in unserem Land aufzunehmen und erfolgreich in der Gesellschaft und auf dem Arbeitsmarkt zu integrieren. Das Zusammenleben zwischen Österreichern und Ausländern gelingt weitgehend erfolgreich – aber nicht wegen, sondern trotz des Systems.

Es ist bezeichnend, dass die derzeitige Lage der Flüchtlinge vor allem aufgrund privater Initiativen gelindert wird, während Politik und Verwaltung überfordert wirken. Die Reaktion der Regierung mit ihren Vorschlägen etwa für ein Asylrecht auf Zeit lassen ein typisch österreichisches Ergebnis erwarten: Maximierung der Bürokratie und Mehrkosten für den Steuerzahler auf viele Jahre hinaus – ohne erkennbaren Nutzen für die Betroffenen oder die österreichische Bevölkerung.

 

Unklare Regelungen

Die Gründe, warum das System derzeit so wirkt, als stehe es am Rande des Kollapses, liegen vor allem in den unklaren Regelungen zu folgenden essenziellen Fragen, die den Zuzug nach Österreich und die Integration von Flüchtlingen und Migranten auf dem Arbeitsmarkt und in der Gesellschaft betreffen:

• Wer darf kommen?
• Wer darf bleiben?
• Wer darf arbeiten?
• Wer darf wählen?

Die Verfahren, um diese Fragen zu beantworten, dauern übermäßig lang und bieten für die Betroffenen keine Rechtssicherheit. Bürokratische Hindernisse sind bereits beim geregelten Zuzug von Migranten an der Tagesordnung und kommen jetzt durch die Flüchtlingsströme aus Syrien und Afghanistan im großen Stil ans Tageslicht. Das geplante Asylrecht auf Zeit vergrößert die Unsicherheit für Flüchtlinge nur weiter.

Österreich hat angesichts der dramatischen Flüchtlingsbewegungen die einmalige Chance, Menschen aufzunehmen, die sich hier eine neue Existenz aufbauen wollen und durch ihre Arbeit zum Gesamtwohl unseres Landes beitragen können. Gleichzeitig ist Österreich aber dabei, diese einzigartige Möglichkeit mit größter Leichtfertigkeit zu verspielen. Es ist den meisten Österreichern nicht bewusst, welch entscheidende Bedeutung die Beschäftigung und Integration von Menschen mit Migrationshintergrund für die künftige wirtschaftliche und gesellschaftliche Entwicklung des Landes haben.

 

Der Beitrag der Migranten

Wir leben in einem der schönsten und reichsten Länder der Welt. Dabei vergessen viele, dass wir einen Großteil unseres Wohlstands und der sozialen Errungenschaften der Arbeit von Menschen verdanken, die nicht in Österreich geboren sind. In fast allen Branchen, die zu einem großen Teil zur Wirtschaftsleistung, zum Ansehen Österreichs und zum Funktionieren seiner Gesellschaft beitragen, arbeiten Migranten, vor allem aus dem Osten und Südosten Europas. Würden wir dem Anliegen eines bestimmten politischen Lagers folgen und alle Ausländer aus Österreich vertreiben, könnte das Land innerhalb von 48 Stunden zusperren.

Es herrscht weitgehend Einigkeit darüber, dass Österreich ein wunderschönes, sauberes Land mit guter Infrastruktur, hochwertigen Bioprodukten und ausgezeichneter Gesundheitsversorgung ist, das viele Menschen aus aller Welt gern besuchen. Von Bauarbeitern über Pflegerinnen und Erntehelfer in Land- und Forstwirtschaft, von Beschäftigten im Tourismus bis hin zu Reinigungskräften in Haushalten, öffentlichen Orten und Krankenhäusern: Überall, wo kein Österreicher für das gebotene Gehalt zur Arbeit bereit ist, sind Migranten beschäftigt, die auf diese Weise zum Wohl der Gesellschaft und zum Erhalt unseres Sozialsystems beitragen. Ohne Migranten schrumpft unsere Wirtschaft, und das Pensionssystem ist nicht mehr tragfähig.

Um es deutlich zu sagen: Ohne Migranten gehen unsere Wirtschaft, unser Sozialsystem und unsere Gesellschaft über kurz oder lang zugrunde.

Österreich braucht nicht nur die hoch Qualifizierten, sondern Migranten aller Bildungsniveaus: vom Unternehmer über die Führungskraft, den qualifizierten Spezialisten, die handwerkliche Fachkraft bis zum Reinigungspersonal. Jeder sollte bei uns willkommen sein, der sich im Rahmen der Gesetze und unter Einhaltung unserer Werte eine Existenz aufbauen will. Erwerbsarbeit bildet einen wesentlichen Faktor bei der erfolgreichen Integration von Migranten, da beruflicher Aufstieg in vielen Fällen auch sozialen Aufstieg bedeutet.

 

Fünf zentrale Punkte

Um als Volkswirtschaft voranzukommen, sollten sich möglichst viele Menschen, die sich rechtmäßig in Österreich aufhalten, aktiv am Wirtschaftsleben beteiligen – sei es als Unternehmer, Angestellter oder Arbeiter. Um diese Aufgabe erfolgreich zu bewältigen, ist es notwendig, eine Kultur zu entwickeln, in der sich Personen mit Migrationshintergrund auch willkommen fühlen.

Was Österreich braucht, sind klare Regelungen, wer in das Land kommen darf, wer bleiben darf, wer arbeiten darf und wer wählen darf. Aufgrund der Fakten ist offensichtlich, dass Österreich Migranten für seine Zukunft braucht. Die Frage ist nur, unter welchen Bedingungen Fremde zu uns kommen dürfen, sich hier eine Existenz aufbauen können und in Österreich integriert werden. Unternehmen, die Mitarbeiter mit Migrationshintergrund erfolgreich integrieren, leben eine Kultur mit fünf zentralen Elementen:

Erstens: Deutsch bildet die gemeinsame Sprache.
Zweitens: Alle Beteiligten bringen Offenheit, Kontaktfreude und Engagement mit.
Drittens: Unternehmen und Mitarbeiter investieren gleichermaßen in die Ausbildung.
Viertens: Die Mitarbeiter arbeiten aktiv am Aufbau ihres privaten und beruflichen Netzwerks.
Fünftens: Die Mitarbeiter erbringen ihre berufliche Leistung.

 

Vermittlung unserer Werte

Die Politik kann und sollte die Rahmenbedingungen der Integration vorgeben. Sie kann unter anderem dazu beitragen, der Bevölkerung ein Verständnis der Werte zu vermitteln, die Österreich und seine Gesellschaft ausmachen und die nicht zur Diskussion stehen. Es liegt an allen Beteiligten – Einheimischen, Flüchtlingen und Migranten, Unternehmen, Politik und Verwaltung – die Herausforderungen bei der Beschäftigung und Integration von Flüchtlingen und Migranten zu bewältigen.

Gelingen die Aufnahme und Eingliederung von Ausländern in unserem Land, können und werden Österreichs Wirtschaft und Gesellschaft weiterhin einen führenden Platz einnehmen. Scheitert dieses Vorhaben oder wird es wie bisher ignoriert, befindet sich Österreich über kurz oder lang am absteigenden Ast.

E-Mails an: debatte@diepresse.com

DER AUTOR



Dr. Conrad Pramböck
ist Experte für Gehalts- und Karrierethemen. Mitarbeiter der Personalberatung Pedersen & Partners; gleichzeitig Lektor an verschiedenen Universitäten und Fachhochschulen zu Gehalts- und Personalthemen. Buchautor und Verfasser der wöchentlichen Kolumne „Karrierewege“ in der „Presse“. [ Privat ]

("Die Presse", Print-Ausgabe, 22.10.2015)

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