Auch ein Kuchen für Flüchtlinge kann helfen

Eine Einladung an die Flüchtlinge zu einem respektvollen Umgang sowohl mit uns als auch untereinander kann sie ermutigen, unsere Kultur näher kennenzulernen und sich in unsere Gesellschaft einzugliedern.

Kein Tag vergeht, ohne in den Medien mit dem Flüchtlingsthema konfrontiert oder Zeuge einer Unterhaltung über die österreichische Flüchtlingspolitik zu werden. Das Flüchtlingsthema ist in aller Munde, und jeder vertritt eine Meinung dazu. Das ist in einer demokratischen Gesellschaft nicht nur legitim, sondern auch wünschenswert.

Dabei scheint es, dass die Welle des Mitgefühls und der Hilfsbereitschaft, die auf den ersten Ansturm im Sommer folgte, allmählich einer zunehmend skeptischen Stimmung weicht. Bei einer Meinungsumfrage im September gaben 72 Prozent der Befragten an, sie hätten Angst, dass es durch den Flüchtlingsstrom zu einer „Überfremdung“ Österreichs kommen könnte.

 

Sich selbst ein Bild machen

Jedenfalls stellen heute viele Menschen, auch solche, die durchaus als weltoffen und keinesfalls als rechtslastig einzustufen sind, Fragen, wie etwa: Wieso sollen wir jemanden unterstützen, der es sich leisten kann, Schlepper zu bezahlen? Oder: Wieso soll man jemanden helfen, der ein Handy hat und Markenkleidung trägt? Oder man wird Zeuge von resignierten Äußerungen, wie etwa: Was sollen wir denn machen, einen Kuchen backen und den Flüchtlingen bringen – das löst das Problem doch nicht!

So ernst diese Fragen zu nehmen sind, fällt doch auf, dass sie meistens von Menschen gestellt werden, die mit Flüchtlingen noch nie direkt in Berührung gekommen sind. Würden sie den Schritt wagen und sich selbst ein Bild von den nach Österreich kommenden Menschen machen, indem sie etwa ein Flüchtlingsnotquartier aufsuchen, würden sie bald merken, dass viele Flüchtlinge mehr mit ihnen gemeinsam haben als sie vielleicht vermuten.

Die meisten Flüchtlinge – seien es Syrer, Afghanen oder Iraker – gehörten in ihren Heimatländern nicht der untersten Gesellschaftsschicht an. Denn den Ärmsten der Armen fehlen schlicht die Mittel für eine Flucht nach Europa. Es sind aber auch nicht die Reichen, die kommen, denn die haben sich längst auf ihre ausländischen Zweitwohnsitze zurückgezogen. Die meisten Flüchtlinge, die nach Österreich kommen, stammen aus der Mittelschicht (soweit von einer solchen in ihren Heimatstaaten gesprochen werden kann). Sie gingen vor ihrer Flucht einer geregelten Arbeit nach, besaßen eine Wohnung und einige Ersparnisse.

Angenommen, wir befänden uns in ihrer Situation – etwa, weil in Österreich ein Bürgerkrieg wütete: Würden wir nicht genauso wie sie handeln? Vergegenwärtigen wir uns, wie schwer es uns selbst fallen würde, Hab und Gut zu verlassen. Was würden wir mitnehmen, wenn wir flüchten und alles in einem Koffer verstauen müssten? Wahrscheinlich nicht gerade das älteste T-Shirt und die bereits löchrigen Socken, sondern vermutlich unsere beste Kleidung.

 

Markenkleidung und Laptop

Würden wir nicht auch unseren Laptop und unser Handy einpacken, um auch auf der Flucht den Kontakt zu den Verwandten, die zurückbleiben mussten (die vielleicht zu alt und zu gebrechlich für die Flucht waren oder gar ihre eigenen Ersparnisse geopfert haben, um uns die Flucht zu ermöglichen) aufrecht zu halten? Würden wir wohl. So ist auch erklärlich, dass auch manche der Flüchtlinge, die jetzt zu uns kommen, Markenkleidung und Smartphones besitzen.

Fragen wir weiter, wer von uns die lange und beschwerliche Reise in ein fremdes Land auf sich nehmen würde? Wahrscheinlich vor allem die jungen Menschen, die auch körperlich den Anstrengungen und Gefahren einer langen und beschwerlichen Flucht gewachsen sind, natürlich auch viele Eltern mit kleinen Kindern, die diesen ein besseres Leben ermöglichen wollen. Genau diese Menschen stellen auch den Hauptanteil der derzeit in Österreich eintreffenden Flüchtlinge dar.

 

Erwartungen an das Gastland

Schließlich in unserem Gastland (das wir bis dato nur aus den Medien und aus Erzählungen kennen) nach einer langen, beschwerlichen und gefährlichen Reise angekommen: Was würden wir uns von den Menschen, deren Sprache wir nicht verstehen und mit deren Kultur wir nicht vertraut sind, erhoffen? Zunächst einmal natürlich die grundlegenden Dinge zum Leben wie Essen, Trinken und ein Dach über dem Kopf. Dann aber vor allem, dass jeder von uns als Mensch, als Individuum, wahrgenommen und anerkannt wird, anstatt auf eine Mauer der kollektiven Ablehnung zu stoßen.

Dieses „als Mensch anerkannt und wahrgenommen werden“ kann auf verschiedenste Art und Weise geschehen: durch Erwiderung eines Lächelns oder das Aufnehmen von Blickkontakt, durch ein freundliches Wort für ein kleines Kind oder durch einen einfachen Gruß auf der Straße – anstatt den Blickkontakt zu vermeiden, das Schritttempo zu erhöhen oder die Straßenseite zu wechseln.

 

Zeichen der Menschlichkeit

In diesem Sinne ist wohl auch der eingangs erwähnte mitgebrachte Kuchen zu verstehen: Rettet es Leben, den Flüchtlingen im nahe gelegenen Flüchtlingsnotquartier einen Kuchen vorbeizubringen? Nein. Hilft es beim Aufbau eines neuen Lebens? Nein. Aber es ist ein Zeichen. Ein Zeichen dafür, dass wir die Menschen als solche wahrnehmen und anerkennen. Ein Zeichen dafür, dass wir einzelne Menschen auch ihnen als einzelnen Menschen die Hand reichen und sie nicht kollektiv ablehnen.

Eine Einladung an die Flüchtlinge zu einem respektvollen Umgang sowohl mit uns als auch untereinander kann sie ermutigen, unsere Kultur näher kennenzulernen und sich in unsere Gesellschaft einzugliedern, ohne dass sie gezwungen werden, ihre eigenen Wurzeln zu verleugnen.

Als Juristen wissen wir Bescheid um die Notwendigkeit, dass ein Staat seine Grenzen schützt und die Kontrolle darüber behalten muss, wer ins Land einreist. Die jetzige Situation, die das Schlepperunwesen nur noch weiter begünstigt, ist untragbar.

Die Politik ist auf allen Ebenen – von der EU-Zentrale bis hinunter in die Gemeinden – gefordert und muss die chaotischen Zustände, wie sie derzeit herrschen, umgehend beenden. Das ist die eine Sache. Dass dies nicht auf dem Rücken der Flüchtlinge geschehen kann, ist eine andere Sache.

E-Mails an:debatte@diepresse.com

DIE AUTOREN

Dr. Miriam Gassner studierte Rechtswissenschaften an der Université de Bourgogne in Dijon, der Universidad Alcalá de Henares und der Universität Wien. Danach war sie in Anwaltskanzleien in Österreich und Russland tätig. Mitarbeiterin mehrerer FWF-Projekte der Uni Wien zur weltweiten Verbreitung der Rechtslehre von Hans Kelsen. Seit 2013 ist sie Notariatskandidatin in Wien. Zahlreiche Publikationen.

Dr. Thomas Olechowski (*1973 in Wien) studierte Rechtswissenschaften an der Universität Wien und ist seit 2003 ao. Professor für Rechtsgeschichte an der Universität Wien. Seit 2011 ist er Geschäftsführer des Hans-Kelsen-Instituts, seit 2013 ist er wirkliches Mitglied der Österreichischen Akademie der Wissenschaften. Mehrere Publikationen zur österreichischen Rechtsgeschichte. [ Fotos: Privat ]

("Die Presse", Print-Ausgabe, 13.11.2015)

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