Nicht in unserem Namen, Herr Präsident Deutsch!

Die Forderung des IKG-Chefs nach Obergrenzen für Flüchtlinge befremdet.

Am 23. November ließ der Präsident der Israelitischen Kultusgemeinde (IKG) in Wien, Oskar Deutsch, in der „Presse“ aufhorchen, als er eine Obergrenze für die Aufnahme von Flüchtlingen in Österreich zur Diskussion stellte. Zugleich wurde vor einem Anstieg der Judenfeindlichkeit in Europa aufgrund der Vielzahl an Migranten aus dem muslimisch-arabischen Raum gewarnt.

Diese Wortmeldung hat großes Befremden bei vielen innerhalb der IKG ausgelöst, eine Facebook-Gruppe hat sich gebildet, die sich von den Aussagen Deutschs distanziert („not in my name, IKG“), Rundschreiben wurden verfasst.

Dass die Politik eine Debatte über Flüchtlingsobergrenzen führt, ist hier nicht das Problem. Es ist die Tatsache, dass die IKG diese Diskussion im Wissen der eigenen Vergangenheit befeuert. Ich erachte es als meine moralische Pflicht, dem etwas entgegenzusetzen und möchte daran erinnern:
• Mehrere zehntausend jüdische Flüchtlinge wurden im Zweiten Weltkrieg von europäischen Staaten wie der Schweiz abgewiesen. Auch damals wurden Worte wie „Kapazität“ und „Sicherheit“ gebracht, um Schutzbedürftigen Hilfe zu verweigern. In Regierungsdirektiven wurden Juden als „unerwünschte Elemente“ bezeichnet.
• Ähnlich heftige Ablehnung schlug Juden in den USA entgegen, wo heute nur fünf Prozent der Bevölkerung eine Erhöhung der Flüchtlingsquoten unterstützen (siehe „Washington Post“, 17. 11).
• In zahlreichen anderen Ländern dieser Welt wurde damals gern zu Erklärungen wie „wir sind am Ende der Kapazitäten“ gegriffen, um sich der Verantwortung zu entziehen.

 

Es geht um Schutzbedürftige

In Syrien, dem Sudan, Afghanistan und an anderen Schauplätzen werden Menschen systematisch aufgrund ihrer Religion, Herkunft oder Hautfarbe verfolgt und ermordet. Gerade der Vorsitzende einer jüdischen Gemeinde mit einer schmerzhaften Geschichte sollte daher angesichts der Situation klar Stellung beziehen, dass es zuallererst um Menschen geht, die Schutz und Hilfe brauchen und sich nicht hinter Begriffen wie „Kapazität” verbarrikadieren.

 

Moralische Verpflichtung

Natürlich bringt der große Zuzug von Menschen große Herausforderungen für unsere europäischen Gesellschaften mit sich. Aber die Angst davor darf nicht dazu führen, dass Schutzsuchende auf dem Weg zu uns ums Leben kommen. Die Genfer Flüchtlingskonvention wurde nicht zuletzt in Folge des Zweiten Weltkrieges beschlossen. Es ist daher unsere moralische und historische Verpflichtung, Menschen in Not, ganz gleich welchen Glaubens sie sind, zu helfen.

So wie andere wünsche auch ich mir, dass sich die IKG in die erste Reihe der Helfenden und derer stellt, die Lösungen abseits plumpen Schwarz-Weiß-Denkens à la Strache und Konsorten suchen. Oskar Deutsch muss sich bewusst sein, dass er mit solchen Wortmeldungen als Präsident der jüdischen Gemeinde den Chor der immer lauter werdenden Asylgegner moralisch legitimiert.

Dabei hätten wir gerade als österreichische Juden viel Konstruktives zur Flüchtlingsthematik beizutragen: Die IKG hat in den letzten Jahrzehnten Juden aus aller Welt integrieren können. Dabei wurden zahlreiche Erfahrungen gewonnen, Lösungen gefunden, Gespräche geführt und Diversität gelebt.

In jedem Fall ist diese Erklärung von Oskar Deutsch sowohl im Inhalt als auch im Ton abzulehnen. Sollte es sich dabei jedoch nur um eine missglückte Wortwahl gehandelt haben, so besteht dringender Handlungsbedarf, um dies klarzustellen. Auf jeden Fall aber war es eine vertane Chance, um der moralischen Verantwortung der IKG gerecht zu werden.

Dr. Zoltan Aczel ist Unternehmer und Mitglied der IKG in Wien.

E-Mails an: debatte@diepresse.com

 

("Die Presse", Print-Ausgabe, 03.12.2015)

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