Kluge Köpfe statt Bomben und Drohnen

Europa sollte sich überlegen, wie man die Fähigkeiten der zu uns geflüchteten Menschen möglichst intelligent und strategisch einsetzt, um dem islamistischen Terror beizukommen. Ein Beispiel dazu aus der US-Geschichte.

Nach den Terrorattacken von Paris stehen in Europa die Muslime erneut unter Generalverdacht. Nicht zum ersten Mal: Bereits nach dem 11. September 2001 oder nach den Anschlägen von Madrid 2004 und London 2005 gab es Ressentiments gegen die muslimische Bevölkerung der betroffenen Länder. Ein entscheidender Unterschied zu heute ist aber, dass sich damals nicht hunderttausende, vorwiegend muslimische Flüchtlinge innerhalb Europas oder der USA bewegten.

Als möglicher historischer Vergleich bietet sich eher Großbritannien im Zweiten Weltkrieg an. Aus Angst vor einer sogenannten Fünften Kolonne, die aus dem Untergrund Hitler-Deutschland bei einer möglichen Invasion in Südengland mit subversiven Aktionen unterstützen könnte, wurden bis Anfang 1940 rund 70.000 deutsche und österreichische Emigranten, die vor den Nationalsozialisten geflohen waren, als „enemy aliens“ registriert. Sie mussten sich einer Anhörung vor einem Tribunal unterziehen.

 

Immigranten unter Verdacht

Als nach der Niederlage Frankreichs im Juni 1940 die Bedrohung durch eine mögliche Landung deutscher Truppen auf den britischen Inseln weiter zunahm, wurden innerhalb weniger Wochen mehr als 27.000 von ihnen in Internierungslager gesteckt.

Ähnlich war die Situation in den USA. Auch hier nahm das Misstrauen gegenüber Immigranten sowie der gesamten deutschsprachigen Gemeinschaft zu. Allerdings merkten die Amerikaner sehr schnell, dass die Einwanderer über ein Potenzial verfügten, das sich vortrefflich für den Kampf gegen Hitler-Deutschland verwenden ließ. Ein Beleg dafür ist das „Military Intelligence Training Center“ im Camp Ritchie, Maryland.

Hier wurden ab 1942 kluge Köpfe und schräge Vögel aus unterschiedlichen Ländern versammelt, um gegen die Achsenmächte geheimdienstlich wie auch propagandistisch ins Feld zu ziehen. Der Generalstab der US Army hatte noch vor Kriegseintritt der USA im Dezember 1941 erkannt, dass das Land bezüglich militärischer Informationsgewinnung enormen Aufholbedarf hatte. Unter den mehr als 15.000 Soldaten, die deshalb im Camp Ritchie sowie im Camp Sharpe in Pennsylvania bis 1945 in nachrichtendienstlichen Tätigkeiten wie auch in psychologischer Kriegsführung ausgebildet wurden, befanden sich rund 650, teils prominente Österreicher wie Marcel Prawy oder Georg Kreisler.

Eine markante Parallele zwischen dem Kampf gegen Hitler-Deutschland und der aktuellen Bedrohung durch den sogenannten Islamischen Staat lässt sich bei allen Unterschieden feststellen. Zwar war der Zweite Weltkrieg ein von regulären Armeen geführter Kampf, während die Terroristen asymmetrische, verdeckte und vor allem gegen Zivilisten gerichtete Kriegsführung betreiben.

 

Ein fanatisierter Feind

Aber wie die USA damals sieht sich der Westen heute einem fanatisierten, in hohem Maße indoktrinierten Feind gegenüber, dem mit rein militärischen Mitteln nur schwer oder gar nicht beizukommen ist. Es braucht daher kreative, mitunter unkonventionelle Ansätze, wie sie damals im Camp Ritchie zu finden waren. Dessen Absolventen, die sogenannten Ritchie Boys, waren nicht primär wegen ihren militärischen Fertigkeiten für ihre künftigen Aufgaben ausgewählt worden. Vielmehr handelte es sich bei ihnen zum Teil um Musiker, Schriftsteller, Wissenschaftler, Schauspieler oder bildende Künstler, die die Sprache des Feindes und seine Mentalität kannten und wussten, wie sie seine Schwächen ausnutzen konnten.

Nach der Landung der Alliierten in der Normandie im Juni 1944 sammelten sie direkt an der Front vor allem durch Kriegsgefangenenverhöre taktische Informationen über die deutschen Truppen. Das daraus gewonnene Wissen wurde dazu verwendet, um die Feindmoral durch gezielte Propaganda mittels Flugblättern, Radiosendungen oder Lautsprecherdurchsagen zu untergraben.

 

Interkulturelles Know-how

Gerade auch in Europa wäre ein ähnlich kreatives Potenzial in diesen Tagen sicherlich zu finden. Denn wenn es darum geht, die radikalislamischen Kräfte zu verstehen und deren Aktivitäten einzudämmen, brauchen wir das sprachliche, religiöse und (inter-)kulturelle Know-how von Menschen aus dem arabischen Raum.

Es gilt, den Kampf gegen den sogenannten Islamischen Staat und andere extremistische Organisationen nicht nur mit konventionellen Mitteln zu führen, sondern ihn auch auf die nachrichtendienstliche und vor allem psychologische Ebene auszudehnen.

Den propagandistischen Machwerken der Islamisten, die über das Internet verbreitet werden und die ganz offensichtlich Anklang auch bei jungen Menschen in Europa und den USA finden, hat der Westen bisher wenig entgegenzusetzen. Eine möglichst umfassende digitale Überwachung, wie sie nun auch in Österreich mit der Frage um die Wiedereinführung der Vorratsdatenspeicherung diskutiert wird, ist sicherlich nicht der Weisheit letzter Schluss. Zu groß ist die Gefahr, dass wesentliche Informationen in der unüberschaubaren Datenmenge einfach übersehen werden.

 

Lehren aus Camp Ritchie

Dass Bomben und Drohnen ebenfalls keine nachhaltige Lösung im Kampf gegen den Terror darstellen, haben uns die US-Interventionen in Afghanistan und im Irak gezeigt. Klar ist, dass sich Nation Building nicht von außen durch eine als Besatzungsmacht wahrgenommene Armee aufzwingen lässt, sondern von der lokalen Bevölkerung ausgehen muss.

Wir sollten daher überlegen, wie man die Fähigkeiten der zu uns kommenden Menschen möglichst intelligent und strategisch einsetzt, um dem Terror beizukommen. Skeptiker mögen behaupten, gerade erst Geflüchtete würden sich nicht überzeugen lassen, sich am Kampf gegen den Islamischen Staat zu beteiligen. Dem ist entgegenzuhalten, dass auch tausende Emigranten aus Deutschland und Österreich bereit waren, aktiv an der Befreiung ihrer Heimat vom Nationalsozialismus mitzuwirken.

Was sind also die Lehren, die sich aus Camp Ritchie ziehen lassen? Es sind nicht Bomben, Drohnen und digitale Überwachung, die zum Erfolg führen, sondern vor allem der Faktor Mensch. Man muss das vorhandene Angebot an Intelligenz und Kreativität nur nutzen.

E-Mails an:debatte@diepresse.com

DIE AUTOREN



Robert Lackner
hat in Graz und Paris Geschichte studiert und war für die UNO, die Europäische Kommission sowie ein internationales Beratungsunternehmen in Wien tätig. Nach Abschluss seiner Dissertation mit Forschungsaufenthalten in Großbritannien, Israel und den USA forscht er derzeit am Austrian Center for Intelligence, Propaganda and Security Studies (ACIPSS) in Graz.



Florian Traussnig
ist Historiker und Romanist und derzeit als Projektkoordinator der Diözese Graz-Seckau tätig. Zudem arbeitet er als freischaffender Wissenschaftler gemeinsam mit Robert Lackner an einem Projekt über Camp Ritchie. Sein Buch über Österreicher in der US-Armee und den Kriegsgeheimdienst im Zweiten Weltkrieg erscheint im Frühjahr 2016. [ Fotos Privat]

("Die Presse", Print-Ausgabe, 11.12.2015)

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