Kirchen legen sehr wohl Zeugnis ab

Arrogant auf andere Religionsgemeinschaften herabzuschauen gehört nicht zum Kern des christlichen Glaubens.

Die Frohe Botschaft werde schamhaft verschwiegen, Kreuze würden abmontiert, das Christentum trete den Rückzug an, schreibt Gudula Walterskirchen in ihrem „Quergeschrieben“ („Presse“ vom 21. Dezember). Als Beleg dient ihr eine Geschichte, die seit Wochen durchs Internet geistert. Eva Brunne, die Bischöfin von Stockholm, habe gemeint, „man solle die Kreuze an der Seemannskirche in Stockholm entfernen, da sie eine ,Beleidigung‘ für die muslimischen Mitbürger seien“.

Eine schaurig-schöne Geschichte, die zeigen soll, wie schwach das Christentum geworden sei – bis hin zur Selbstaufgabe, angesichts der „Flüchtlingsströme“, die Schweden dank kirchlicher Naivität so bereitwillig aufnimmt. Wie so viele schaurige Geschichten aus den Tiefen des Internets ist sie aber nicht wahr.
Zum einen geht es nicht um Flüchtlinge, zum anderen sind keine Muslime beleidigt. Im Gegenteil: Der Vorstand der Seemannskirche hatte die Bischöfin gefragt, wie man mit Anfragen muslimischer Seeleute umgehen solle, die einen Raum für ihr Gebet suchten. Brunnes Vorschlag war, den Kirchenraum bei Bedarf muslimischen Matrosen temporär zugänglich zu machen, indem er interreligiös gestaltet wird. Das bedeutet, die Gebetsrichtung nach Mekka anzuzeigen und christliche Symbole für die Dauer des Gebets zur Seite zu rücken.

 

Interreligiöse Gebetsräume

Gebetsräume interreligiös zu nutzen ist nichts Neues. Solche Räume gibt es in unzähligen Krankenhäusern und Flughäfen der Welt. „Es ist wichtig, dass es Orte zum Beten gibt!“ Es gehöre zum christlichen Glauben, dass es „Gastfreundschaft und Toleranz“ gebe. „Betende Menschen unterschiedlicher Überzeugungen müssen in der Lage sein, einander zu treffen und sich gegenseitig zu helfen“, begründete die Bischöfin ihren Vorschlag. Und es geht ihr nicht darum, den eigenen Glauben zu verschweigen.

Gastfreundschaft gegenüber anderen Religionen kann verschiedene Motive haben. Vor mehr als zehn Jahren war ich überrascht, als ich im Norden Harlems eine jüdische Synagoge besuchte. Nach dem Schabbatgottesdienst wurden die Thorarollen hinaus- und der Altar für den christlichen Sonntagsgottesdienst hereingefahren. Die Antwort auf meine verwunderte Frage war einfach und überzeugend. Man teile sich die Kosten.

 

Ein unverständliche Frage

Gastfreundschaft gehört zum Kern des christlichen Glaubens. Religionsfreiheit ist ein Menschenrecht, für das die evangelischen Kirchen besonders gekämpft haben. Anderen dabei zu helfen, ihre Religion in Freiheit leben zu können, in Ruhe und Sicherheit ihr Gebet sprechen zu können, gehört zum christlichen Glauben. Nicht zum Kern des Glaubens gehört es, auf andere Religionen herabzuschauen.

Genauso gehört es zum Kern des Glaubens, sich der Menschen auf der Flucht anzunehmen. Daran eben erinnert uns gerade das Weihnachtsfest durch die Geschichte der Heiligen Familie.

Wie Frau Walterskirchen dazu kommt zu fragen: „Warum verbergen Christen und christliche Organisationen ihren inneren Kern und ihre religiöse Motivation?“, bleibt unverständlich. Legen doch die Kirchen und ihre Organisationen seit Monaten öffentlich Zeugnis davon ab, was den christlichen Glauben ausmacht. Sie legen Zeugnis davon ab, dass Gott Mensch geworden ist, Mensch unter Menschen und uns in denen begegnet, die auf der Flucht sind, die hungern und dürsten und die Hilfe brauchen.
Sie tun das genauso selbstverständlich, wie sie sich für die einsetzen, die in Österreich unter die Räder zu geraten drohen. Und das nicht nur zu Weihnachten.

Michael Chalupka (geboren 1960 in Graz) ist evangelischer Pfarrer und Direktor der Diakonie Österreich und Vorsitzender des Diakonie-Flüchtlingsdienstes.

E-Mails an: debatte@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 24.12.2015)

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