Opportunismus anstatt Theologie der Befreiung

Die Innsbrucker Theologische Universität geht einen anderen Weg, als ihn Papst Franziskus eingeschlagen hat.

Die 1938 von den Nazis aufgelöste und 1945 wieder aktivierte Innsbrucker Katholisch-Theologische Fakultät ist heute mit insgesamt 650 eingeschriebenen Studenten in Bezug auf Zahlen der Gesamtuniversität die kleinste der insgesamt 16 Innsbrucker Fakultäten. Sie residiert ziemlich luxuriös auf einer Gesamtmietfläche von 9927 Quadratmetern inmitten des Stadtzentrums.

Der langjährige Theologendekan Józef Niewiadomski meint festschriftlich, die vielen Fenster des Gebäudekomplexes würden wegen ihres Blicks in die außeruniversitäre Welt eine weitblickende theologische Kultur ermöglichen. Nun gut, naturwissenschaftliche Labors müssen auf eine solche Aussicht verzichten, nehmen aber doch angemessenen Anteil am wissenschaftlichen Fortschritt.

Im gesamtuniversitären Curriculum hat die Innsbrucker Theologie eine Bedeutung, die ihr rational nicht zukommen dürfte. Bis vor wenigen Jahren waren die Professoren an der Innsbrucker Theologie Mitglieder der Gesellschaft Jesu. Unter ihnen ragen als christliche Außenseiter Karl Rahner und der dann wegen seiner marxistischen Analysen vertriebene Johannes Kleinhappl heraus.

 

Verschleierte Interessen

Die Fakultät war an ihre Aufgabe, der römischen Kirche dienlich zu sein, strikt gebunden. Damit stand nach 1945 eine stark antikommunistisch orientierte Ausbildung des aus den sozialistischen Ländern nach Innsbruck entsandten Priesternachwuchses im Einklang.

Die Innsbrucker Theologentradition hat sich in den letzten Jahren geändert, allerdings nicht im Sinne eines erkennbaren Fortschritts – hin zu einem prophetischen Christentum. Vor allem hat sich die Innsbrucker Theologie nach 1989 mit der Wiederkehr des Kolonialismus und der Kriegswelt arrangiert. Anstatt durch Aufklärung und mit christlichem Engagement gegen die Mystifikation von Gewalt und Krieg aufzutreten, verschleiert die Innsbrucker Theologie durch führende Figuren ihres Instituts für Systematische Theologie die dahinterstehenden Interessen.

Gelehrte Kulisse bietet die Wiederentdeckung der Satanologie mit dem im Vorjahr verstorbenen Innsbrucker Ehrendoktor der Theologie, René Girard. Der hat als privilegierter US-Universitätsprofessor in Stanford das mimetische Begehren des Menschen unter Ausblendung der materiell historischen Zusammenhänge in die universitären Seminardiskurse über Opfer und Gewalt eingeführt. Sein weit verbreitetes Buch „Ich sah den Satan von Himmel fallen wie einen Blitz“ rechtfertigt mit verquerer katholischer Ideologie die „Mächte“, „obwohl sie stets mit Satan verbunden sind und auf der Transzendenz Satans gründen“.

An der Innsbrucker Theologie wird mit viel Selbstbeglückwünschung Girard gar als ein von Gott im Mutterleib Auserwählter angeboten: „. . . deswegen beten auch wir für unseren verstorbenen Bruder René: Gott selber, der ihn im Mutterleib erwählte, dieser Gott, der ja die Liebe ist, der Inbegriff der Vergebung, Er möge das Leben von René zum versöhnten, ewigen Leben verwandeln.“ Das mag surreal klingen, ist aber so auf dem offiziellen Internetportal der Innsbrucker Universität nachzulesen (9. Dezember 2015).

In seinem dort publizierten Weihnachtsbrief (19. Dezember 2015) hat der Theologendekan Wolfgang Palaver die Welt-Haltung des von der katholischen Kirche in ihren Katalog der Heiligen aufgenommenen Franz von Assisi opportunistisch interpretiert. Mit Franz von Assisi gelinge es, so der Theologendekan, unsere Herzen für jene Menschen zu öffnen, „die heute auf der Flucht vor Hunger, Krieg und Gewalt eine neue Heimat suchen“. Franz von Assisi sei ein Beispiel für die Begegnung mit Muslimen.

 

Im dunklen Nebel der Begriffe

„In Nachahmung des demütigen Jesus begegnete er den Muslimen in geschwisterlicher Unterordnung, einer Haltung, die sich auch in seiner oft gepriesenen Höflichkeit gegenüber anderen Menschen ausdrückte. Wir brauchen seine universale Geschwisterlichkeit für den Dialog zwischen Religionen, Kulturen und Weltanschauungen. Beachtenswert ist auch seine Ausweitung der Geschwisterlichkeit auf den ganzen Kosmos, wie das am schönsten in seinem Sonnengesang zum Ausdruck kam.“ Papst Franziskus habe diese „kosmische Geschwisterlichkeit“ ins Zentrum seiner Enzyklika „Laudato si“ gestellt und so zu einem neuen Umweltbewusstsein aufgerufen.

„Dialog zwischen Religionen, Kulturen und Weltanschauungen“, „Kosmische Geschwisterlichkeit“ und so weiter – niemand, naturgemäß auch nicht Seine Spectabilität, kann erläutern, was das konkret heißt. Im dunklen Nebel dieser Begrifflichkeit spiegeln sich aber der Klassencharakter und die Klassenideologie der an der Innsbrucker Universität vertretenen Theologie, die als Theologie des Opportunismus gekennzeichnet werden muss.

 

Keine „Herzerl-Öffner“

Jedenfalls steht diese Theologie in einem eklatanten Widerspruch zu den tatsächlichen Interventionen des an Franz von Assisi anknüpfenden Papstes Franziskus und der Vertreter der im korrumpierten Europa als erledigt geltenden Theologie der Befreiung.

„Die Befreiung versteht sich daher als Befreiung von Unterdrückung jeder Art und als Befreiung für eine mit allen geteilte Freiheit, die keine Herrschaftsformen zuläßt“ – so hat Ignacio Ellacuría SJ deutlich gemacht, was die Theologie in der Nachfolge von Jesus Christus hervorbringen soll.

Papst Franziskus und die Befreiungstheologen sind keine „Herzerl-Öffner“, wie sie von der Innsbrucker Theologie gerne angeboten werden möchten. Es geht Papst Franziskus und den Befreiungstheologen auch nicht um die Aufteilung ideologischer Machtverhältnisse zwischen Katholiken und Islamisten in „aufmerksamer“ Übereinstimmung mit den wirtschaftlichen und militärischen Mächten, vielmehr geht es ihnen um jene tatsächliche Befreiung des Menschen, wie das Ellacuría SJ ausgedrückt hat: „Frei sein soll die Menschheit, nicht ein paar privilegierte Mitglieder der Menschheit, ob Individuen, Gesellschaftsklassen oder Nationen.“

Die Innsbrucker Theologie bleibt gegenüber der mit Papst Franziskus zu ihren geistigen Ursprüngen zurückkehrenden Kirche mehr oder weniger gleichgültig.

 

Gedenkvorlesung abgelehnt

Das ist der Hintergrund dafür, dass die Innsbrucker Theologische Fakultät mit Dekan Wolfgang Palaver und ihrem Dogmatikprofessor Roman Siebenrock den konkreten Vorschlag, eine regelmäßig wiederkehrende Gedenkvorlesung für ihre 1989 als Befreiungstheologen barbarisch ermordeten Absolventen Ignacio Ellacuría SJ und Segundo Montes SJ einzurichten, abgelehnt hat. Dies, obwohl die Erstfinanzierung durch Drittmittel zugesagt werden konnte.

Stattdessen wird an der Innsbrucker Theologie und Universität eine islamische Religionspädagogik mit Pomp installiert und deren islamischer Universitätsprofessor, Zekirija Sejdini, zur Zelebration seiner Antrittsvorlesung in die Aula des Hauptgebäudes der Universität am 13. Jänner gebeten.

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DER AUTOR



Univ.-Prof. i. R. Gerhard Oberkofler
(geboren in Innsbruck) studierte Geschichte und Kunstgeschichte, ist Wissenschaftshistoriker und leitete 19 Jahre lang bis zu seiner Pensionierung das Innsbrucker Universitätsarchiv. Der Autor ist bekennender Marxist. Zahlreiche Publikationen, zuletzt ein Buch über das Denken und Handeln des Schweizer Marxisten Konrad Farner. [ Internet ]

("Die Presse", Print-Ausgabe, 12.01.2016)

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