Jihad und Mode: Die neue Freiheit, die gar keine ist

Wenn Designerfirmen damit beginnen, ein religiöses System zu behübschen.

Stimmt es nicht nachdenklich, wenn zeitgleich zu den Anschlägen in Paris und den Ereignissen in Köln westliche Modelabels ihre verschleierten Models auf Instagram posten? Soll man die neue Kopftuchmode von Dolce & Gabbana begrüßen? Oder, etwas weniger flapsig ausgedrückt: Das italienische Modelabel hat seine erste Kollektion von Hijabs (Kopfschleiern) und Abayas (den Körper verhüllenden Mänteln) auf den Markt gebracht – ist das ein Ausdruck von Weltoffenheit und Diversität?

„Die Idee ist so genial, dass man sich wundern muss, warum nicht schon viel, viel mehr Labels darauf gekommen sind“, jubelt etwa die deutsche „Welt“ in ihrem Trend-Blog. Auch aus anderen Lifestyle-Redaktionen hört man dazu nur Positives. Bevor wir uns jetzt alle in die Arme fallen und ganz lieb haben: Ja, wir haben die Bomberjacken und Springerstiefel den Skinheads weggenommen, die Tarnmuster den Militärs – die Entzauberung gesellschaftlicher Codes hat in der Mode eine lange Tradition. Trotzdem sollte man die Enttabuisierung fundamentalistischer und antifeministischer Zeichen – gerade in Zeiten wie diesen – zumindest für bedenklich halten. Indes, der Aufschrei blieb bisher aus.

 

Missbrauchte Popinstrumente

Popkultur hat ursprünglich viel mit Themen wie Weltoffenheit, Toleranz, sexueller Freiheit, Selbstbestimmung von Frauen, Spaß und der Verteidigung demokratischer Werte zu tun. Der Erfolg des Jihad, in dessen Namen täglich neue Gräueltaten geschehen, beruht auch darauf, sich der wichtigsten Instrumente des Pop zu bedienen: Hochglanzvideos, Hochglanzmagazine und Massenverbreitung durch soziale Netzwerke. Dazu kommen Mörder, die durch die mediale Verbreitung ihrer Konterfeis und Taten unter ihren Anhängern zu „Superstars” werden.

Natürlich ist Dolce & Gabbana nicht das erste Label, das sich der traditionsbewussten Araberin andient – und das wohl eher nicht aus Respekt vor ihrer Religion: Vor ihm haben das auch schon Marken wie H&M, Mango oder Tommy Hilfiger getan. Dubai, Saudiarabien, Vereinigte Arabische Emirate und der Iran – das ist für Modeproduzenten ein riesiger Markt.

 

Worüber man streiten muss

Laut einer Studie von Thomson Reuters haben muslimische Kunden 2013 weltweit 266 Milliarden US-Dollar für Kleidung und Schuhe ausgegeben; bis 2019 werden es schätzungsweise 484 Milliarden US-Dollar sein. Es gibt Stimmen, die glauben, dass diese (vom Westen infiltrierte) Kleidung gerade in Ländern wie dem sich zaghaft öffnenden Iran zur Beschleunigung einer Modernisierung beitragen wird. Darüber kann man streiten.

Worüber man auf jeden Fall streiten muss, ist die Frage, wie viel Toleranz und Laissez-faire gegenüber archaischen und patriarchalen Wertvorstellungen unsere westliche Welt noch verträgt. Auch wenn das eine nichts mit dem anderen zu tun hat: Man darf schon darüber nachdenken, wenn zeitgleich zu Paris und Köln Designfirmen ihre verschleierten Models posten? Also ein religiöses System behübschen, in dem die Frau ganz klar dem Mann unterworfen ist?

Mode war ursprünglich immer Avantgarde. Ihre Aufgabe war es zu irritieren und aufzuwecken. Ihre talentiertesten Vertreter sind der Welt bis heute immer um einen Schritt voraus.

Mit kreativem Talent haben die Schachzüge der neuerdings so moslemfreundlichen Modelabels allerdings wenig zu tun. Dass die erfolgreiche Anbiederung an Märkte heute bereits als große Leistung gilt, beweist, dass der Kapitalismus vor allem damit beschäftigt ist, sich selbst zu verschlingen.

Ela Angerer (geboren 1964 in Wien) arbeitet als Schriftstellerin, freie Autorin und Fotografin. Im Herbst 2014 erschien ihr Roman „Bis ich 21 war“ (Deuticke Verlag).

E-Mails an:debatte@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 19.01.2016)

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