Was muss noch passieren?

In Dresden wurde eine junge Frau ermordet. Der Grund: Islamhass. Doch Medien und Politik ignorieren islamfeindliche Tendenzen.

Die Vorgeschichte: Marwa El-Shirbini, in Dresden lebende Apothekerin, Sportlerin, selbstbewusste Mutter des dreijährigen Mustafa, schwanger mit dem zweiten Kind und Ehefrau eines wie sie selbst aus Ägypten stammenden Doktoranden, wurde am 1.Juli im Gerichtssaal von Alex W. kaltblütig mit 18 Messerstichen ermordet. Der Hintergrund: Der Täter kennt die Frau nicht. Ihr „Vergehen“ ihm gegenüber ist, dass sie ihn im Jahr zuvor bat, die Schaukel auf dem Spielplatz ihrem Sohn zu überlassen. Das von einer Muslimin und Kopftuchträgerin zu hören war für Alex W. nicht aushaltbar. Er beschimpfte sie wüst als Terroristin, Islamistin und Schlampe.

Die Frau klagte auf Beleidigung und erhielt recht. Bei der von der Staatsanwaltschaft beantragten zweiten Verhandlungsrunde kam es zum Mord – offenbar und unmissverständlich aus islamfeindlichen Motiven. Es ist der im deutschsprachigen Raum erste aus Islamhass verübte Mord.


Absage an Rachegedanken

In Ägypten ist die Empörung groß. Die Nachricht ist bei verschiedenen arabischen Nachrichtenagenturen und Satellitensendern seit Tagen an oberster Stelle zu finden. Von der Märtyrerin Marwa ist die Rede, in ihrer Heimatstadt Alexandria werden eine Straße und ein Sportklub ihren Namen als Erinnerung tragen. Aber in Deutschland scheint dieser Mord nur wenige wirklich zu berühren. Hier ist höchstens der Aspekt, wie es in einem Gerichtsgebäude zu dem Mord kommen konnte, als Sicherheitsfrage von Interesse. Der nach Deutschland geeilte Bruder der Verstorbenen wurde laut seiner Aussage von keinem deutschen Politiker kontaktiert. Kein Mensch aus der hohen Politik fand es angemessen, zu den trauernden Muslimen beim Totengebet in der Berliner Salam Moschee zu kommen, was die ägyptische diplomatische Vertretung mit Befremden zur Kenntnis nahm. Der Imam der Moschee ersuchte eindringlich die trauernden Gläubigen, Ruhe zu bewahren und islamisches Verhalten im Sinne von Geduld an den Tag zu legen. Mahnend erteilte er eine klare Absage an jegliche Rachegedanken.

Und was ist mit Deutschlands Medien los? ARD und ZDF glänzten in dieser Angelegenheit durch Abwesenheit – eine Abwesenheit, die in der arabischen Welt penibel als handfester Beweis für die These der „doppelten Standards“ registriert wird. Systematisch wurde die Nachricht zuerst unterdrückt, und jetzt wird sogar versucht, eine Art Täter-Opfer-Umkehr zu gestalten. Die „Welt“ schreibt: „Tote Ägypterin: Islamisten fordern Vergeltung“ und ignoriert alle muslimischen Stellungnahmen, die zu Besonnenheit aufrufen. Die deutsche Bundesregierung wies die Kritik von muslimischen und jüdischen Vertretern an den „spärlichen Reaktionen“ zurück und will noch immer nicht sehen, dass es sich hier um Rassismus und Islamfeindlichkeit handelt. Die Frage an Bundeskanzlerin Merkel und Außenminister Steinmeier lautet: Was muss noch passieren, damit die Politik einsieht, dass Rassismus und Islamfeindlichkeit auch töten können? Was muss der Täter noch von sich geben, damit die Politik begreift, welches ernste gesellschaftspolitische Problem sich hier aufbaut?

Renommierte Wissenschaftler und Vertreter der Zivilgesellschaft in Deutschland beklagen, dass über das Phänomen Islamfeindlichkeit trotz Zunahme in den letzten Jahren in der Öffentlichkeit kaum debattiert wird. Auch in Österreich dürfen wir uns nicht zurücklehnen und auf Deutschland zeigen. Wir sitzen diesbezüglich im Glashaus: In Mauthausen wurde vor Kurzem professionell eine Mauer mit dem Slogan „Was unseren Vätern war der Jud', ist für uns die Moslembrut“ beschmiert. Ein ähnlicher Spruch wurde unlängst im Westbahnhof gesehen. Die Tat wurde nicht als islamfeindlich verurteilt, es wurden darin nur Antisemitismus (was natürlich hundertprozentig stimmt) und Fremdenfeindlichkeit entdeckt.

Muslime sind aber längst ein Teil Österreichs geworden und besitzen zu einem hohen Anteil die österreichische Staatsbürgerschaft. Sogar eine Integrationspolitikerin wie Stadträtin Sandra Frauenberger findet es in Ordnung, wenn Islamfeindlichkeit unter dem Titel Fremdenfeindlichkeit behandelt wird. Und gerade eine solche Verkennung der Lage ist alarmierend. Politik, Medien und Gesellschaft sind gefordert, jegliches Klima der Ausgrenzung aufzuhalten.


Klare politische Sprache

Atmosphärisch muss einiges geschehen; und hier sind alle gefordert – auch und vor allem Muslime –, sich positiv, aktiv, selbstbewusst, offen und tolerant zu zeigen. Bei den kommenden Wahlen ist eine rot-grün-schwarze klare Absage an Rassismus, Islamfeindlichkeit und Antisemitismus von Nöten. „Daham statt Islam“ und „Abendland in Christenhand“ sowie rassistische Märsche gegen Moscheen können nicht länger halbherzig und schielend auf irgendwelche Koalitionsmöglichkeiten verharmlost werden. Auch politisch erwarten die Menschen eine klare und nicht verklausulierte Sprache. Die Spanne von verbaler zu physischer Gewalt ist nicht lang. Wer bei Ersterem schweigt, trägt bei Zweiterem Verantwortung.

Dipl.-Ing. Tarafa Baghajati ist Obmann der Initiative muslimischer ÖsterreicherInnen und Vorstandsmitglied der „Platform for Intercultural Europe PIE“.


meinung@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 08.07.2009)

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