Das Versagen der Meinungsflickschuster

Die Meinungsforscher erlebten erneut einen rabenschwarzen Wahlsonntag. Die Treffergenauigkeit von Nostradamus war wohl nicht wesentlich schlechter als ihre Prognosen zum Abschneiden der Hofburg-Kandidaten.

Angenommen, „das Volk“ wäre nicht bloß eine Fiktion, ein Konstrukt im Dienste völkischen Politklamauks, dann hätte dieses Volk sich am Sonntagabend nach der Hochrechnung müde im Fauteuil zurückgelehnt und verzweifelt geseufzt: „Mein Meinungsforscher versteht mich einfach nicht.“

Erneut lag die Meinungsforschung falsch. Diese anscheinend eher okkulte Wissenschaft erinnert stark an den historischen Materialismus. Zuerst erklärt man, wie es kommen wird, und hinterher, warum es gar nicht so hat kommen können.

Dabei darf man allerdings diejenigen, die vom wissenschaftlichen Interpretieren des Kaffeesuds leben, nicht als die Alleinschuldigen hinstellen. Denn es geht um ein symbiotisches Geschäftsverhältnis. Die veröffentlichten Umfragen werden meist von Medien bezahlt (die von den Parteien beauftragten bekommt die Öffentlichkeit nicht zu sehen).

 

„Wähler verwirrt! Wir auch!“

Nun ist es aber keine brauchbare Meldung, würde ein Medium rapportieren, die Gefühlslage der Wählerschaft sei undeutbar, die Stimmungslage verwirrend und die Leute würden sich erst am Wahltag entscheiden. Aus diesem Gebräu können auch talentierteste Schlagzeilenbastler keinen brauchbaren Aufmacher zimmern. Kann sich jemand vorstellen, dass ein Boulevardblatt schlagzeilt: „Wähler verwirrt! Wir auch!“ Ein paar schlichte Zahlen mit ebensolcher Interpretation, nur das bringt's!

Die Meinungsflickschuster beteuern jetzt, dass sie ohnehin richtige Vorhersagen geliefert hätten. Etwa, dass nur Griss, Van der Bellen und Hofer eine Chance hätten. Aber ehrlich: Dafür hätte es keiner teuren Umfragen bedurft.

Das hätte man auf simplere Weise erfahren können. Ein Bier im Simmeringer Beisl, ein Longdrink in der teuren Innenstadtbar, ein veganer Smoothie am Spittelberg, ein Fluchtachterl im Landgasthaus und auf dem Bauernmarkt einkaufen gehen – dabei immer schön die Lauscher aufstellen. Dazu der Besuch einer Versammlung des Bauernbundes und – eine zugegeben harte Bewährungsprobe – Teilnahme an einem Sektionsabend der SPÖ. Dann hätte man ganz ohne statistische Schwurbelei gewusst, was Sache ist. Ein Beweis mehr für das Ghettodasein der Berufspolitiker, zu solch erkenntnisträchtigen Treffen mit der Realität nicht mehr fähig zu sein.

Immerhin bekannte die Ifes-Geschäftsführerin, Eva Zeglovits, man habe keine Umfrageergebnisse publiziert: „...weil so viele Unentschlossene drin waren, war es zu riskant.“ Da fragt man sich: Warum hört man das erst jetzt?

 

Manipulation oder nicht?

Den Vogel schoss Meinungsforscher Wolfgang Bachmayer vom OGM ab. Bei der ORF-Sendung „Im Zentrum“ ließ er die fürbass erstaunte Öffentlichkeit wissen, er hätte eine „eigene Umfrage“ aus den vergangenen Tagen nicht publiziert, „um nicht in den Wahlkampf einzugreifen. [...] Hofer klar an der ersten Stelle. Mit Respektabstand.“ Preisfrage: Wenn jemand viele Wochen hindurch eher maue Zahlen veröffentlichen lässt und dann drei Tage vor der Wahl eine Umfrage, die alles Bisherige über den Haufen wirft, nicht herausrückt – manipuliert der oder nicht?

Warum werden so gut wie nie die echten Rohzahlen veröffentlicht? Warum wird nie bekannt gegeben, wie viele der ausgewiesenen Prozente Ergebnis des Bauchgefühls sind? Daumen mal Pi zwecks Wählermanipulation? Oder zur Aufrechterhaltung des Geschäftsmodells? Denn man könnte den Auftraggebern ja vorschreiben, die Daten in entsprechender Form zu veröffentlichen. Die für eine sinnvolle Bewertung nötige Datenflut ist halt nicht besonders sexy.

Selbst die Bandbreiten werden nur im Kleingedruckten präsentiert. Ein Kopf-an-Kopf-Rennen ist halt spannender als ein Start-Ziel-Sieg. Keine Umfrage wies auf einen klaren ersten Platz Hofers hin. Im Durchschnitt aller veröffentlichten Umfragen lag Hofer bei 22,3 Prozent, der durchschnittliche Fehler bei plus 12,6 Prozentpunkten. Was wiederum heißt: In Summe sind die Umfragen bei Hofer im Schnitt um 56,5 Prozent daneben gelegen. Die Treffergenauigkeit von Nostradamus war wohl nicht wesentlich schlechter.

Die einfachste Lösung wäre, die Wähler würden Umfragen einfach ignorieren und ihre Kreuzerln nicht taktisch hinmalen, sondern so wählen, wie es ihrer Überzeugung entspricht. Doch so ist der Mensch halt nicht. Er will die prinzipiell unerforschliche Zukunft im Vorhinein kennen und sein Handeln danach ausrichten. Davon leben Horoskoptanten und die eng anverwandte Meinungsforschung.

 

Schweigen über Auftraggeber

Dazu kommt, dass die Meinungsforscher sich gern in Schweigen darüber hüllen, für wen sie so arbeiten. Was soll man davon halten, wenn die Volksbefrager im Fernsehen Einschätzungen abgeben, die ihre eigenen Auftraggeber betreffen? Da würde man doch zumindest gern wissen, welche Geschäftsverbindungen es gibt. Das heißt nicht unbedingt, dass jemand gekauft ist. Aber ein wenig wunderlich ist es schon, wenn bei einer fragwürdigen Live-Umfrage jene beiden Kandidaten am besten abschneiden, von denen der Meinungsforscher auch Aufträge hat.

Ebenso verschwiegen wird, dass die Erhebung repräsentativer Daten inzwischen fast nicht mehr möglich ist. Online- und Handy-Umfragen erreichen nur begrenzte Bevölkerungsschichten. Dazu kommt, dass die Anzahl der Befragten täuscht, denn entscheidend ist die der Antworten. Das Verhältnis zwischen versuchten und realisierten Befragungen ist meist extrem schlecht, was aber für Außenstehende nicht erkennbar ist.

 

Hofingers rührendes Plädoyer

Eine gute Lösung wäre es, mindestens vier, besser sechs Wochen vor Wahlen keine Umfragen mehr veröffentlichen zu dürfen. Sora-Chef Christoph Hofinger lehnt das mit dem Hinweis ab, dann hätte man „nur die Umfragen, die noch veralteter sind“. Ein Scheinargument, denn bei entsprechend langer Sperrfrist wäre jedem Menschen klar, dass die Zahlen nebulos sind.

Das Plädoyer von Hofinger „für mehr Transparenz, vorsichtige und vielschichtige Interpretation durch Forscher und Forscherinnen und Medien“ ist nur noch rührend. Auch seine Sehnsucht nach „skeptischen Bürgern und Bürgerinnen, die sich der Grenzen auch gutgemachter Umfragen bewusst sind“ wird sich nicht erfüllen. Die Verlockung für den Einzelnen, durch taktisches Wählen doch noch irgendwie das Wunschergebnis zu erzielen, ist zu groß, solange es verlockend raunende Zahlen gibt.

Niemand weiß, in welche Richtung Umfragen das Wahlverhalten beeinflussen. Aber dass sie es beeinflussen, steht außer Zweifel. Da ist der Gesetzgeber gefragt. Man kann aber auch alles so lassen, wie es ist. Denn aus Sicht der Meinungsforschung ist das wirkliche Ergebnis einer Wahl nur eine ziemlich unrealistische Momentaufnahme zu einem noch dazu recht willkürlich gewählten Zeitpunkt.

E-Mails an: debatte@diepresse.com

DER AUTOR



Michael Amon
(*1954 in Wien) lebt als freier Autor in Gmunden und Wien. Der Romancier und Essayist ist außerdem geschäftsführender Gesellschafter einer kleinen Steuerberatungskanzlei. Der vierte Band seiner „Wiener Bibliothek der Vergeblichkeiten“ (Echomedia Buchverlag), „Der Preis der Herrlichkeit“, wird im Spätsommer erscheinen. Sein jüngstes Buch: „Panikroman“, das Psychogramm eines Börsenhändlers. [ Privat ]

("Die Presse", Print-Ausgabe, 27.04.2016)

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