Wie aus Orientfrage der Nahostkonflikt wurde

Vor 100 Jahren wurde die Geheimkorrespondenz zwischen Sykes und Picot zur Neuaufteilung des Nahen Ostens geführt. Aber die heutigen Grenzen in der Region folgten vielmehr einem 1923 geschlossenen Abkommen.

Mit Sprüchen wie „Sykes-Picot haben wir abgeschafft!“ präsentierten sich im Sommer 2014 die schwer bewaffneten Vertreter der Kommunikationsabteilung des Kalifats des Islamischen Staats jubelnd in ihren Propagandavideos. Schießend und kreischend rennen sie auf diesen Bildern zwischen Grenzsteinen im syrisch-irakischen Grenzraum umher. Diese Grenzdemarkation errichtete freilich eine britisch-französische Kommission, die nichts mit dem Sykes-Picot-Abkommen zu tun hatte.

Die Geheimkorrespondenz, die Georges Picot in Paris und sein britischer Kollege Mark Sykes rund um die Orientfrage geführt haben, um die osmanische Konkursmasse unter sich aufzuteilen, bildet jedoch bis heute einen Mythos östlich und westlich von Suez. Dabei wurde dieser Briefwechsel stets überschätzt, was seine Relevanz für die Grenzziehungen zwischen dem östlichen Mittelmeer und dem Persischen Golf anbelangt.

 

Aufteilung im Namen des Öls

Die beiden Kolonialmächte Großbritannien und Frankreich teilten zwar die Überreste des Osmanischen Reichs nach dem Ersten Weltkrieg untereinander auf, doch die Karte unterschied sich fundamental von jener der Sykes-Picot-Korrespondenz. Im Frühjahr 1920 trafen einander die Ölbarone, nicht Diplomaten und Politiker in San Remo an der italienischen Riviera. Wesentliche Referenz für die zukünftigen Grenzen zwischen den britischen und französischen Mandaten sollte die Pipeline Mosul–Haifa bilden.

Die Briten hatten die Hand auf Nordmesopotamien und seine bekannten Erdölfelder gelegt. Das im britisch kontrollierten Palästina gelegene Haifa sollte zum wesentlichen Umschlagplatz der mesopotamischen Ölexporte nach Europa werden. Denn eines war den Siegern wie den Verlierern des Ersten Weltkriegs gleichermaßen klar geworden: Erdöl war zum strategischen Rohstoff geworden. Fortan würden im Namen des Öls gleichermaßen Allianzen gebildet und Kriege geführt werden.

Der Irak-Krieg von 2003 und in gewissem Umfang der Stellvertreterkrieg in Syrien seit 2011 sowie der finanzielle Aufstieg der Bewegung Daesh, die im Sommer 2014 den grenzüberschreitenden Islamischen Staat zwischen Syrien und Irak proklamiert hat, gründen auf Ölinteressen. Aus der Orientfrage wurde der Nahostkonflikt mit seinen vielen Facetten.

Nationale Agenden degenerierten zusehends zu religiösen Konfrontation mit dem jeweiligen Anspruch auf absolute Wahrheit. Die westlichen Interventionen, im Namen von Demokratie und Humanität, führten zu Staatenzerfall und Gewalt. Der Nahe Osten ist uns nun mit der Flüchtlingskrise und der Willkommenskultur, die nicht zwischen Kriegsvertriebenen und Wirtschaftsmigranten zu unterscheiden weiß, verdammt nahegerückt. Während Europa an der Flüchtlingskrise politisch zu zerbrechen scheint, ziehen sich die USA zusehends aus der Region zurück, und asiatische Interessen dringen wirtschaftlich ein.

 

Naher Osten blickt ostwärts

Für die westlichen Konsumenten, allen voran die USA, ist das nahöstliche Erdöl immer weniger bedeutsam. Die Pipelines und Tanker drehen vielmehr auf Ost-Süd-Ost. Die asiatischen Käufer bestimmen den Verlauf der Routen. Der Mercedes als „Araberauto“ dominiert nicht mehr das Straßenbild, asiatische Fahrzeuge sind populärer. Zudem macht man lieber Geschäfte etwa mit Südkorea als mit einem europäischen Konzern, da die Ostasiaten nicht gleich mit Sanktionen drohen, wenn es zu Verstimmungen kommen sollte.

Beim Wiederaufbau in Syrien werden westliche Bewerber den Kürzeren ziehen. Die EU als Gouvernante, die dem Orient erklärt, wo es langgeht, hat ausgedient. Zwar wird der Ruf nach einem Marshallplan für die arabische Welt neuerlich erhoben. Bloß gab es Ähnliches in Form des Barcelona-Prozesses schon vor über 20 Jahren. Schlechte Rekrutierung und miserables Monitoring führten alle Brüsseler Pläne vorbei an der Wirklichkeit. Europa hat alle Glaubwürdigkeit verloren.

Als die Rolle europäischer Regierungen bei den Folterflügen während des „war on terror“ dank des Schweizer Parlamentariers Dick Marty 2004 bekannt wurde, entgegneten arabische Intellektuelle: „Bitte Europa, komm uns nie mehr mit deinen Menschenrechten“. Denn Verdächtige flog man auf Militärbasen aus, ließ sie unter ärztlicher Aufsicht in arabischen Diktaturen foltern.

 

EU verrät ihre Werte

Im Frühjahr 2011 waren alle westlichen Regierungen mit dem Wutausbruch der jungen Araber und dem Sturz der Präsidenten überfordert. Bei den Wahlen legten sich die USA und EU mit den neuen islamistischen Machthabern sogleich ins Bett. In Ägypten ging dies schief. In der Türkei verrennt sich die EU unter Verrat an allen ihren Werten in einen Abgrund. Im Herbst 2015 meinten dann manche Befürworter offener Grenzen, dass nun eine neue Ära anbreche: Orient trifft Okzident in Berlin. Am digitalen Dorfbrunnen überboten sich die Träumer von demografischer und kultureller Bereicherung.

Doch fand hier nicht die Hochzeit zwischen griechischen Soldaten und persischen Prinzessinnen statt, die Alexander der Große vor über 2300 Jahren in Susa veranstalten ließ. Weniger würde ein neuer Hellenismus aus der Verschmelzung der Kulturen entstehen, sondern vielmehr wachsen Misstrauen und Terrorismus. Man muss sich um Europa mehr Sorgen machen als um den Nahen Osten.

 

Europa als hilfloser Beobachter

Die Syrer werden ihre Städte wieder aufbauen, wie es in Homs seit Monaten und nun auch in Palmyra geschieht. Mit dauernden Stromausfällen und der Sorge um die Zukunft haben die Menschen zu leben gelernt, ohne zu zerbrechen. Doch Europas Gesellschaften sind weniger belastbar. Weitere schwere Terroranschläge können ebendiese Gesellschaften zum Kippen bringen. Frankreich im Ausnahmezustand zeigt diese Niederlage.

Zwar mischten die europäischen Staatskanzleien vor 100 Jahren emsig an der Neuaufteilung der nahöstlichen Welt mit. Doch heute sind die einstigen Kolonialmächte, die stets ihren Sonderweg in der UNO und der EU behauptet haben, nur mehr ohnmächtige Beobachter. Die restlichen EU-26 versuchen auf jeweils bilateralem Weg mit den Folgen der Kriege und der Flucht zurande zu kommen.

Statt weiter von der europäischen Lösung zu träumen und wertvolle Zeit zu verlieren, bemühen sich einige europäische Regierungen um Lösungsversuche. Denn die eine, zentral verordnete Patentlösung gibt es nicht. Die Geografie sei die Konstante der Geschichte, stellte der Realpolitiker Bismarck einst fest. Einige Staaten sind näher am Nahen Osten, andere sind weiter weg. Die Balten sorgen sich mehr um Russland, die Italiener mehr um Libyen. Diese Logik bestimmt alles Handeln.

Nicht umsonst heißt die Region im Englischen Middle East. Denn für London und Washington ist sie recht weit weg.

E-Mails an: debatte@diepresse.com

DIE AUTORIN



Karin Kneissl
(*1965 in Wien) studierte Jus und Arabistik in Wien. Sie war 1991/1992 Studentin an der ENA. 1990 bis 1998 im diplomatischen Dienst, danach Lehrtätigkeit. Zahlreiche Publikationen, darunter: „Die Gewaltspirale. Warum Orient und Okzident nicht miteinander können“ (2007), „Mein Naher Osten“ (Braumüller 2014) . [ Privat]

("Die Presse", Print-Ausgabe, 18.05.2016)

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