Eine Chance für Braunau

Warum eigentlich richten wir in Hitlers Geburtshaus keine Gedenkstätte ein, die die Geschichte des NS-Terrors nacherzählt?

Gesetzt den Fall, das Haus in Braunau in der Salzburger Vorstadt Nummer 15 wird abgerissen und macht einem Neubau Platz. Irgendwann wird sicher jemand auf die Idee kommen und an der Hausmauer eine Marmortafel montieren lassen: „In diesem Hause wurde Adolf Hitler am 20. April 1889 geboren.“ Und wieder werden manche in die Geburtsstadt des „Führers“ pilgern.

Was ändert der Abriss eines aus dem 17.Jahrhundert stammenden, unter Denkmalschutz stehenden Gebäudes an der Tatsache, dass hier einmal einer der größten Verbrecher der Weltgeschichte das Licht der Welt erblickte?

Im Zentrum Budapests gibt es in der Andrássy út 60 ein Ende des 19. Jahrhunderts errichtetes Gebäude im Neorenaissancestil, das von 1937 bis 1944 den Pfeilkreuzlern, also dem ungarischen NS-Ableger, und nach dem Zweiten Weltkrieg dem kommunistischen Staatssicherheitsdienst als Hauptquartier diente. Die Kerkerzellen und Folterinstrumente dienten braunen wie roten Schergen, um unschuldige Menschen zu peinigen.

Hier wurde in Form eines historischen Museums eine Gedenkstätte und Mahnwache eingerichtet, die den Namen Haus des Terrors trägt und in einer bedrückenden Weise die Verbrechen an den Menschen dokumentiert, die von zwei Terrorregimen und deren Handlangern an ein und demselben Platz verübt worden waren.

Sieht man vom KZ Mauthausen und der Figurengruppe vor der Albertina ab, gibt es in Österreich nur noch ein paar weitere kleinere Plätze, Gedenktafeln und Schauräume, die an die NS-Zeit und deren Gräuel erinnern.

 

Verführung und Verblendung

Das Haus des Terrors in Budapest war zunächst vor allem bei vielen linken Gruppen umstritten, die sich dagegen wehrten, dass zwei diktatorische Systeme in einen Topf geworfen werden. Doch es ist eine Tatsache, dass sowohl Hitler als auch Stalin Millionen von Menschen in den Tod getrieben haben, aber die Aufarbeitung des Nationalsozialismus ebenso wie des Kommunismus noch immer Lücken und Mängel aufweist.

Es wäre ernsthaft zu diskutieren, in Hitlers Geburtshaus eine solche Gedenkstätte einzurichten, die die Geschichte des Nationalsozialismus von seiner Entstehung in der Zwischenkriegszeit bis zur Machtübernahme der NSDAP dokumentiert, die letztlich in unbändigen Hass gegen politisch Andersdenkende und Juden sowie einen mörderischen Krieg mündete.

Wo sonst, wenn nicht an einem solchen Platz, sollte man Generationen, die das alles nur aus den Geschichtsbüchern kennen, erklärbar machen, wie ein Einzelner Massen verführen kann und wie Menschen durch Ideologien verblendet werden, die sich dann zu zaghaft und zu spät wehren.

Dass Braunau an der deutsch-österreichischen Grenze liegt, hat vielleicht sogar besondere Bedeutung. Denn man kann sich nicht mit dem Stehsatz zufriedengeben, dass Hitler in Österreich geboren wurde und hier aufgewachsen ist, dann aber in Deutschland Karriere gemacht hat. Braunau wäre ein guter Platz, die gemeinsame Last der Verantwortung aufzuzeigen: also eine gute Möglichkeit, ein grenzüberschreitendes Projekt aufzuziehen und ein dunkles Kapitel der Geschichte beider Länder gemeinsam aufzuarbeiten.

Mag. Herbert Vytiska (*1944) war 15 Jahre lang Sprecher des früheren ÖVP-Chefs Alois

Mock. Heute ist er Politikberater in Wien.

E-Mails an: debatte@diepresse.com

 

("Die Presse", Print-Ausgabe, 21.06.2016)

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