Es dürfen nicht die Täter mit den Opfern verwechselt werden

GastkommentarNach dem Nizza-Massaker: Anstatt sich wieder in Ritualen zu üben, ist Handeln jenseits des Ausnahmezustands geboten.

Im September 2014 verlautbarte die Kommunikationsabteilung des Kalifats des Islamischen Staates in mehr als zwei Dutzend Sprachen die Weisung, die Ungläubigen mit einem Auto niederzufahren, wenn keine Feuerwaffen oder kein Messer vorhanden seien. Der Einsatz von Fahrzeugen für Terrorakte war bereits zuvor in Israel mehrfach erfolgt. So fuhren Attentäter, teils spontan teils geplant, mit Autobussen und Baggern, oder eben „nur“ mit einem PKW mitten in Menschenansammlungen hinein.

So mancher Unfall musste nachträglich als Anschlag gelistet werden. In Frankreich, Kanada und wohl auch in Graz im Juni 2015 wurde die Amokfahrt zum „Verbrechen mit terroristischem Charakter“, wie der französische Staatspräsident François Hollande in einer ersten Stellungnahme verkündete. Das Massaker am französischen Nationalfeiertag in Nizza erreicht eine neue Kategorie der Brutalität mit dem Fahrzeug als Waffe. Ein Franko-Tunesier fuhr mit einem gemieteten Kühlwagen Hunderte Meter an der Uferpromenade mitten in die Menge der feiernden Menschen. Die Bilanz der Toten und Verletzten ist höher als die jüngsten Anschläge mit Sprengstoff an den Flughäfen von Istanbul und Brüssel.

Eine erschöpfte Polizei

Frankreich ist bereits seit den 1980er Jahren mit islamistischem Terror konfrontiert. So schwappte der algerische Bürgerkrieg, der offiziell von 1990 bis 1999 zwischen dem allmächtigen Militärapparat und den Islamisten tobte, auch auf Paris über.

Die ersten großen Anti-Terror-Einsatzpläne unter dem Titel „Vigipirate“, die von der Metro Station bis zu den Flughäfen sowie Menschenansammlungen aller Art sichern sollten, wurden damals aktiviert und seither laufend evaluiert und verbessert. Bloß die Skala der Täterprofile hat sich exponentiell vergrößert. Zwar gab es in Frankreich auch Ende der 1990er Jahre bereits „foreign fighters“, die damals aus dem Bosnienkriegs heimkehrten – unter ihnen Franzosen, die zum Islam konvertiert waren. Letztere konzentrierten sich auf brutale Raubüberfälle und Polizistenmorde.

Nun ist eine andere Generation an Kämpfern in Europa angelangt, die – ob aus Syrien oder ob aus Mali kommend – im Gefecht erfahren ist und die Exekutive nicht nur in Frankreich vor völlig neue Situationen stellt. Hinzu kommen die vielen Einzeltäter, die sich oft am digitalen Dorfbrunnen der sozialen Netzwerke radikalisieren.

Ein Gerücht ergibt das andere, wie zu allen Zeiten an den Dorfbrunnen der Welt. Sie zehren von Verschwörungstheorien und sehen sich als Opfer einer ungerechten Welt. Bloß, wenn alle Verzweifelten rund um den Globus zu solcher Gewaltanwendung schritten, würde weltweit das Chaos regieren. Möge bei der aktuellen Aufarbeitung nicht wieder die fast zum Ritual erstarrte Debatte um bessere Integration aufkommen. Es dürfen nicht die Täter mit Opfern verwechselt werden, denn für eine solche Tat bedarf es des Vorsatzes.

Der zuständige Regionalpräsident Christian Estrosi hatte am Vortag des Anschlags einen offenen Brief an den Staatspräsidenten gerichtet, indem er auf die dramatische Situation der überstrapazierten Polizei und Gendarmerie hinwies und konkrete Verbesserungen von Ausrüstung über Personenschutz für Ermittler bis zu besserer Bezahlung machte. Es war laut einigen Meldungen der Mut einer Polizistin, die offenbar auf die Fahrerkabine sprang und so den LKW zum Stoppen brachte. Hätten noch mehr Polizisten und Soldaten auf Patrouille das Massaker verhindern können?

Verwundbare Gesellschaften

Nicht nur Frankreich debattiert eine Rückkehr zur allgemeinen Wehrpflicht, da für die vielen Kontrollgänge auf gefährdeten Plätzen das Personal fehlt. Pensionierte Gendarmen sollen laut einem Regierungsvorschlag wieder in den Dienst geholt werden, um die vielen Lücken infolge von Überstunden zu schließen. Es geht um viel mehr als nur darum, den umstrittenen Ausnahmezustand aufrechtzuerhalten. Wie verwundbar die europäischen Gesellschaften sind, zeigt jeder Anschlag aufs Neue.

In Beirut oder Bagdad lebt man mit der täglichen Bedrohung auf andere Weise. Die Angst, dass Frankreich libanesische Zustände drohten, kursiert unter vielen Menschen. Denn von einer Libanisierung infolge ethnischer Spannungen sei man nicht allzu weit entfernt. Und das Drama des Libanon verfolgte Paris aus vielen historischen Gründen immer sehr genau.

Der Mord an einem Anti-Terror-Spezialisten und seiner Frau Mitte Juni in einem Pariser Vorort drückt zudem auf die Moral in der französischen Polizei. Der Täter verlas vor Erstürmung des Hauses der Getöteten noch ein Manifest seines Weltbildes, voller Literaturhinweise in perfektem Französisch und gespickt mit Zitaten in klassischem Arabisch. Er kündigte zugleich die Ermordung von Uni-Professoren und Journalisten an, deren Arbeit ihm nicht gefiel.

„Halal“ und „Haram“

Der Mörder machte hierbei einen umfassend gebildeten Eindruck und legte einen Eifer an den Tag, der an harte Thriller erinnerte. Es lebte noch das Kind des Polizistenpaares; die Mutter hatte er zuvor geschächtet. Beim Studium dieses Video fragt man sich, in welches Psychogramm so ein Mensch fällt und welcher Anspruch auf die eine wahre Lebensform des Gläubigen ihn antreibt.

Lange bevor es zur Tat kommt, baut sich eine tiefe Verachtung des Täters für „die anderen“ auf.Wer als Ungläubiger gilt und damit vernichtet gehört, bestimmt der „wahre Gläubige“, der vermeintlich Halal, also das Reine, von Haram, also dem religiös Verbotenen, unterscheiden kann. Taub für alles kritische Hinterfragen erhebt sich dieser über all die Ungläubigen. Diesen Islam fördern TV-Prediger von Riad bis Doha. Ihr Gedankengut unterscheidet sich kaum von den Manifesten des IS.

Was immer bei den Recherchen und Analysen zu diesem jüngsten Anschlag herauskommt: Es wird neuerlich klar, dass Europa das neue Einsatzgebiet des Terrorismus ist, wie ihn Nigeria oder der Irak leidlich kennen.

Droht Frankreich Bürgerkrieg?

Oft half Kommissar Zufall, um ein Desaster zu verhindern. Für Mai 2015 waren Anschläge auf Kirchen im Raum Paris geplant. Wäre dieser Plan nicht vereitelt worden, hätte eventuell ein Massaker an Hunderten Menschen während der Sonntagsmesse dazu geführt, dass Nachmittags die Moscheen gebrannt hätten. Ähnliche Zustände erlebten die Niederlande vor einigen Jahren.

Premier Manuel Valls hat mehrfach vom Bürgerkrieg gesprochen, doch meist mit Verweis auf einen möglichen Wahlsieg des Front National. Die Nerven liegen blank und nebst diverser Kritik an der Regierung seitens potenzieller Präsidentschaftsbewerber, wie dem Konservativen Alain Juppé, üben sich alle in Appellen an die nationale Einheit. Es geht aber um viel mehr: den republikanischen Konsens jenseits aller religiösen Kategorien. Und die Verachtung für den Andersgläubigen sitzt gefährlich tief, wie sich täglich auf Schulhöfen beobachten lässt.

 

Zur Person

Karin Kneissl (* 1965 in Wien) studierte Jus und Arabistik in Wien. Sie war 1991/92 Studentin an der ENA, von 1990 bis 1998 im diplomatischen Dienst, danach Lehrtätigkeit. Zahlreiche Publikationen, darunter: „Die Gewaltspirale. Warum Orient und Okzident nicht miteinander können“ (2007), „Mein Naher Osten“ (Braumüller, 2014) .

E-Mail an: debatte@diepresse.com
[MJWO9]

(Print-Ausgabe, 16.07.2016)

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