Warum Österreich vom Wachstumspfad abkam

Bei ihrem Expansionskurs nach Mittelosteuropa nach der Öffnung unterliefen österreichischen Unternehmen einige Fehler.

Die jüngsten politischen Umwälzungen in Österreich sind auch durch Österreichs schlechte wirtschaftliche Lage verursacht. Werner Faymann trat als Bundeskanzler zurück und wurde von Christian Kern abgelöst. Der Kandidat der rechtspopulistischen FPÖ, Norbert Hofer, errang fast 50 Prozent der Wählerstimmen bei der Wahl zum Bundespräsidenten, die etablierten Parteien schnitten verheerend ab.

Seit 2012 wächst Österreich nicht mehr so rasch wie Deutschland oder andere Länder der EU. 2015 wuchs die österreichische Wirtschaft um magere 0,7 Prozent. Nur Griechenland und Finnland schneiden noch schlechter ab. Die Arbeitslosenrate ist von fünf Prozent 2010 auf fast zehn Prozent dieses Jahr gestiegen.

In der Vergangenheit wuchs Österreich immer stärker als Deutschland und die EU. Manche bezeichneten Österreich mit seinem außergewöhnlichen Wohlstand gar als das bessere Deutschland. Was aber ist passiert? Warum wächst Österreich nicht mehr so wie früher?

 

Massive Investitionen

Österreichs wirtschaftliche Lage muss im Kontext der Entwicklung in Mittelosteuropa seit dem Fall der Mauer gesehen werden. Die österreichische Wirtschaft profitierte sehr von der Osterweiterung der EU. Der Handel mit dem östlichen Europa boomte, österreichische Firmen haben massiv im Osten investiert, und österreichische Banken eröffneten Niederlassungen, die die dortige Modernisierung mitfinanzierten. Es war ein gutes Geschäft – und auch Österreich boomte in der Folge.

Hinter dieser Erfolgsstory verbarg sich jedoch eine Entwicklung, die so niemand voraussehen konnte. Nach dem Fall der Mauer 1989 bildete sich eine neue internationale Arbeitsteilung in Europa heraus, die im Zuge der Ostöffnung stark einsetzte. Im Zuge dieser Arbeitsteilung verlagerten österreichische Firmen den skill- und forschungsintensiven Teil der Wertschöpfungskette ins östliche Europa. Im Durchschnitt waren die verlagerten Aktivitäten in den Tochterfirmen österreichischer Unternehmen fünfmal so skill-intensiv und um 25 Prozent forschungsintensiver als die der österreichischen Mutterunternehmen.

Relativ zur Gesamtbeschäftigung setzen die osteuropäischen Töchter fünfmal mehr Akademiker in der Produktion ein und stellten um 25 Prozent mehr Forschungspersonal ein als ihre Mütter in Österreich. Wie kann es sein, dass ein hoch entwickeltes Land mit hohem Pro-Kopf-Einkommen gerade den skill- und forschungsintensiven Teil der Wertschöpfungskette in eine Region mit niedrigerem Pro-Kopf-Einkommen verlagert? Nach der Theorie müsste es genau umgekehrt sein.

Der Grund für das ungewöhnliche Verlagerungsmuster liegt im Standortnachteil, den Österreich damals gegenüber Mittelosteuropa aufwies. Dort war man in den 1990er-Jahren viel reicher an Bildungskapital als in Österreich. Österreich hatte einen Akademikeranteil an der Bevölkerung von sieben, Osteuropa von 16 Prozent.

Erstmals ist eine Region mit niedrigem Pro-Kopf-Einkommen reich an Bildung. Weil österreichische Firmen die hoch qualifizierte Arbeitskraft auf dem heimischen Markt nicht finden konnten oder nur zu einem höheren Preis, machten sie Fabriken in Polen, Tschechien und der Slowakei auf, wo diese Qualifikation reichlich und billig verfügbar war. In der Folge wanderten vor allem die skill-intensiven Forschungsabteilungen österreichischer Firmen nach Mittelosteuropa. Denn ein wesentlicher Input für die Forschungsabteilungen von Unternehmen ist das akademisch ausgebildete Personal.

 

Abgewanderte Forschung

Für Österreich hatte diese Abwanderung der Firmenforschung in den Osten langfristig Konsequenzen für das Wachstum. Denn dort, wo die Forschung stattfindet, werden auch die Ideen gewonnen, die dann zum vermarktbaren Produkt führen. Darüber hinaus hat die Forschung „Spillovers“ auf die restliche Volkswirtschaft. Sie kann das Wissen, das in den Tochterfirmen österreichischer Unternehmen entstanden ist, nutzen und darauf aufbauen. Das kam dem Wachstum Mittelosteuropas zugute, wo diese Innovation stattfand. Die geografische Nähe zum Standort der Forschung ist dabei wichtig.

Lässt sich tatsächlich ein höheres Wachstum in Mittelosteuropa feststellen? Ein Blick auf das Pro-Kopf-Einkommensniveau der Metropolen der Region – dem Standort der Forschung ausländischer Tochterfirmen – bestätigt das: Warschau, Prag und Bratislava weisen heute ein höheres Pro-Kopf-Einkommensniveau auf als Wien. Mein Kollege Zsolt Darvas von der Denkfabrik Bruegel in Brüssel hat in einer Arbeit zum Zehn-Jahr-Jubiläum der Osterweiterung 2014 dokumentiert, dass das Pro-Kopf-Einkommen in den mittelosteuropäischen Hauptstädten jenes von Wien bereits 2008 überholt hat, wenn es in realer Kaufkraft gemessen wird. Das ist bemerkenswert, da Wien seit Jahrhunderten Referenzpunkt dieser Städte war.

 

Allmählicher Kontrollverlust

Warum schneidet Österreich schlechter ab als Deutschland? In den 1990er-Jahren hat Österreich fast seine gesamte Auslandsinvestitionstätigkeit nach Mittelosteuropa umorientiert; in Deutschland waren es zum gleichen Zeitpunkt bloß vier Prozent der Auslandsinvestitionen, die in diese Region gingen. Erst um die Jahrtausendwende steigerte Deutschland seinen Anteil auf rund 30 Prozent.

Zwar verlagerten auch deutsche Firmen den skill- und forschungsintensiven Teil der Wertschöpfungskette nach Mittelosteuropa, aber nicht in dem Ausmaß wie österreichische Unternehmen.

Ein weiterer Unterschied zwischen Deutschland und Österreich: Viele der österreichischen Mutterunternehmen, die in Mittelosteuropa investieren, sind selbst Tochterfirmen ausländischer Konzerne, während die deutschen Mutterunternehmen meist deutsche Konzerne sind. Das führte dazu, dass der deutsche Mutterkonzern seine Unternehmenskultur ins östliche Europa mitbrachte.

Dagegen passten österreichische Tochterunternehmen ihre Unternehmenskultur viel stärker an das östliche Marktumfeld an. Damit ging ein stärkerer Kontrollverlust über den Innovationsprozess einher. Es gab keinen Mechanismus, der sicherstellte, dass der Innovationsprozess im österreichischen Tochterunternehmen auch dem Mutterunternehmen in Österreich zugute kommen würde.

 

Neue Einwanderungspolitik

Wie kann Österreich wieder auf den dynamischen Wachstumspfad zurückkehren? Es muss seinen Standort für Innovation wieder attraktiv machen. Dazu benötigt es qualifiziertes Personal, das in der angewandten Forschung eingesetzt werden kann. Eine rasche Maßnahme wäre die Aufnahme qualifizierter Zuwanderer und Flüchtlinge. Auch wäre eine auf hoch qualifiziertes Personal abgestellte Einwanderungspolitik (nach kanadischem Vorbild) anzudenken. Das wird den Innovationsstandort Österreich wieder attraktiv machen – und mit etwas Glück wird seine Wirtschaft wieder wachsen.

Copyright: Project Syndicate, 2016

E-Mails an:debatte@diepresse.com

DIE AUTORIN



Prof Dr. Dalia Marin
studierte Wirtschaftswissenschaften an der Universität Wien, wo sie sich auch habilitierte. Danach Gastprofessuren an US-Eliteuniversitäten. Derzeit ist sie Vorsitzende der Abteilung für Internationale Wirtschaft an der Universität von München und Dozentin bei Breugel, dem wirtschaftswissenschaftlichen Thinktank in Brüssel. [ Uni München ]

("Die Presse", Print-Ausgabe, 11.08.2016)

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