Alles anders seit dem Tag X?

Auch nach dem Sommer 2015 führen die meisten Menschen ihr normales Leben weiter. Nur die Angst ist größer geworden.

Rainer Nowak meint in seinem Kommentar „Als Mitteleuropa die Kontrolle verlor“, dieser eine Tag, als die Grenzen geöffnet wurden, hätte uns alle verändert.

Uns alle? Das schließt dann wohl auch mich selbst ein. Und auch meinen Freundeskreis, meine Familie, meine Bekannten, meine Kolleginnen und Kollegen. Aber nein, ich sehe bei niemandem eine Veränderung aufgrund von Asylsuchenden in Österreich. Der eine oder andere hat einmal Hilfsdienst geleistet oder sein altes Fahrrad gespendet, aber ganz nebenbei leben wir alle unseren Alltag weiter. Wir haben unsere Jobs, wir leben am gleichen Ort, wir bekommen ärztliche Hilfe, wenn wir diese brauchen, wir machen uns einmal darüber Sorgen, ob es allen gut geht, feiern gemeinsam Feste – ein normales Leben mit all seinen dazugehörigen Hochs und Tiefs.

Natürlich, die politische Einstellung etlicher Wählerinnen und Wähler hat sich durchaus verändert. Ein Bild der Angst wird über Medien und rechte Parteien sukzessive verbreitet und sickert so langsam in die Köpfe vieler Menschen. Meist unbemerkt und meist auch unbegründet. Die größeren Städte mit mehr Zuzug werden gern als gefährliche Orte dargestellt, und wer dort nicht wohnt oder arbeitet, macht sich nur selten selbst ein Bild von der realen Situation.

So wählten bei der ersten Stichwahl zum Bundespräsidenten in den Städten die Wahlberechtigten mehrheitlich Alexander Van der Bellen, auf dem Land ist oft Norbert Hofer im Vorteil. Klar, wenn man die Städte hauptsächlich anhand der Schreckensmeldungen aus Medien kennt, bekommt man es schnell mit der Angst zu tun. Angst, die für vieles empfänglich macht, ohne groß darüber nachzudenken. Dass eine Registrierung der ankommenden Menschen notwendig ist, diese Meinung herrscht auch in linken Parteien vor – ohne Panikmache.

Aber was passiert mit Menschen, die wir an irgendeiner Grenze stranden lassen, geflüchtet aus Kriegsgebieten und ohne Perspektive auf Leben? Wo ist dabei die Lösung? Gewalttätig wird der, der keine Zukunft für sich oder seine Angehörigen sieht, nicht der, der Freundschaften aufbauen darf, zum System beitragen darf und seine Familie versorgen kann. Dazu muss viel Geld in die Bildung fließen – aber dieses Thema ist ohnehin schon jahrelang fällig, es wäre ein guter Anlass, den Bildungsbereich nun endlich aufzuwerten, anstatt Zuwanderung als einfache Ausrede für diverse Mängel im Schulsystem zu verwenden.

Ich gebe Ihnen Recht, Journalisten sollten kühl und analytisch sein, denn sie färben die Stimmung in der Bevölkerung intensiver mit, als ihnen vielleicht lieb ist. Es ist auch immer eine Sache der Entscheidung: Was soll in der Zeitung erzählt werden und was nicht? Wo werden die einen Themen positioniert und wo die anderen?

Erzählen Sie doch einmal mehrheitlich von den schönen Ereignissen, denn diese gibt es zuhauf – auch in Zusammenhang mit Zuwanderung. Fern vom Motto „Bad news are good news“. Einzelne Beispiele zeigen, dass dies möglich ist.

Die Autorin ist Pädagogin, Kultur- und Sozialanthropologin, Initiative Teilnehmende Medienbeobachtung (univie.ac.at/tmb).

E-Mails an:debatte@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 29.08.2016)

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