Mit Trump vorwärts in die Vergangenheit?

Donald Trump hat dem globalen Wettbewerb ein trotziges, mit Minderheiten-, Fremden- und Frauenfeindlichkeit versetztes „Make America Great Again“ entgegenschleudert: eine Botschaft, die bei den Wählern ankam.

Wir stehen an einer Zeitenwende. Die Tage des selbstregulierenden Marktes, der im Bündnis mit dem „Nachtwächterstaat“ der Gesellschaft seine Logik aufzwingt, sind gezählt. Gegenbewegungen formieren sich, um die entfesselten Märkte wieder an die staatliche Kandare zu nehmen. So finden auch faschistische Demagogen mit ihrem Versprechen, nationale Ordnung ins Chaos des globalen Kapitalismus zu bringen, regen Zulauf.

Was wie ein Kommentar zum Sieg Donald Trumps bei der US-Präsidentenwahl klingt, wurde sinngemäß vor mehr als 70 Jahren gedacht, gesagt und geschrieben. Karl Polanyi beantwortete 1944 in seinem Buch „The Great Transformation“ eine der drängendsten Fragen jener Zeit: den Aufstieg des Faschismus, der – zusammen mit dem Kommunismus – dem 20. Jahrhundert den Stempel „Zeitalter der Extreme“ (Eric Hobsbawm) aufgedrückt hat.

 

Weltbürger wider Willen

Polanyi, 1886 in Wien als Sohn jüdischer Eltern geboren, war Weltbürger wider Willen. Er verlegte mehrmals seinen Lebensort: Nach dem Ersten Weltkrieg von Budapest ins Rote Wien, wo er sich wissenschaftlich und journalistisch engagierte; 1933 nach London, wo er in der Arbeiterbildung wirkte; 1940 nach Vermont, wo er an einem College lehrte und sein Buch fertigstellte. „The Great Transformation“ ging nach Polanyis Tod 1964 in den Kanon der Wirtschaftsgeschichte, Wirtschaftssoziologie und -ethnologie ein.

Grenzüberschreitend wie das Leben des Autors ist auch der Horizont des Buches: „Wenn wir den deutschen Faschismus verstehen wollen, müssen wir uns dem England Ricardos zuwenden.“ Diese entfernten Schauplätze korrespondieren in der Doppelbewegung des langen 19. Jahrhunderts.

Auf der einen Seite formieren Staaten unter Führung Großbritanniens weltumspannende Märkte, die sich gemäß der Utopie des Freihandels aus gesellschaftlichen Abhängigkeiten lösen („entbetten“). Auf der anderen Seite formieren sich (staats)protektionistische Gegenbewegungen, um die gesellschaftsschädigenden Marktkräfte zu zähmen („einzubetten“). Polanyi begreift den Faschismus, vor allem den deutschen, als Extrem der Gegenbewegung zur britisch-zentrierten Globalisierung avant la lettre.

Ist der neue US-Präsident ein Faschist, wie Heißsporne von links der Mitte argwöhnen? Oder trifft die Faschismuskeule bloß einen Vertreter des „Volkswillens“, wie rechte Kreise raunen? Weder die eine noch die andere Ansicht vermag zu überzeugen.

Wer Trump in eine Reihe mit Mussolini oder gar Hitler rückt, verharmlost den Faschismus, vor allem den Nationalsozialismus. Wer den polternden Milliardär als „Stimme des Volkes“ gegen die politischen und ökonomischen Eliten sieht, verkennt – oder anerkennt – die populistische Ideologie.

Polanyi wäre über Trumps Wahlerfolg wohl kaum überrascht gewesen. Er wusste aus eigener Anschauung, dass die marktfundamentalistisch-staatsprotektionistische Doppelbewegung nicht zwingend der Linken nützt.

Wenn Trump dem globalen Wettbewerb ein trotziges, mit Minderheiten-, Fremden- und Frauenfeindlichkeit versetztes „Make America Great Again“ entgegenschleudert, inszeniert er sich als Rechtspopulist. Der Erwartungshorizont der Wiedergewinnung nationaler Größe beschwört einen vor der „neoliberalen Revolution“ (Manfred Steger) liegenden Erfahrungsraum, in dem das Leben noch in geordneten Bahnen verlief – zumindest für weiße, heterosexuelle Männer mit fixen Blue- und White-Collar-Jobs.

 

Feindbild (Finanz-)Markt

Durch Polanyis Brille können wir Trumpismus – als Spielart des im Westen grassierenden Nationalpopulismus – und Faschismus vergleichen, ohne den einen mit dem anderen gleichzusetzen. Beide Bewegungen verschmelzen verschiedene Gruppen zum „Volk“ – einer schillernden Allianz von oben, Mitte und unten – unter Ausgrenzung der „anderen“. Ein Kernsegment bilden vermeintliche oder tatsächliche Globalisierungsverlierer, die gegen die Erosion nationalen Zusammenhalts – fassbar am Auseinanderdriften von Reich und Arm – protestieren. Ein zentrales Feindbild ist der entfesselte, gemeinschaftszersetzende (Finanz-)Markt, personifiziert etwa im „raffenden Judentum“.

Eine entfernte Verwandtschaft verbindet historischen Faschismus und aktuellen Nationalpopulismus. Diese mehrdimensionalen Phänomene zeigen sich in der Polanyi-Dimension als Antiglobalisierungsbewegungen: die ältere gegen die liberale Globalisierung des späten 19. und frühen 20. Jahrhunderts, die jüngere gegen die neoliberale Globalisierung des späten 20. und frühen 21. Jahrhunderts.

Polanyi hätte nicht nur der Sieg des Republikaners, sondern auch die Niederlage der demokratischen Kandidatin wenig überrascht. Hillary Clinton stand für more of the same, für einen zwar durch Umverteilung abgefederten, aber im Kern neoliberalen Kurs.

Es war ihr Ehemann Bill Clinton, der als US-Präsident das seit der Großen Depression der 1930er-Jahre geltende Spekulationsverbot für Geschäftsbanken aufhob – und damit einen Weg zur Finanz- und Wirtschaftskrise ab 2007 ebnete. Trump hingegen kündigte im Wahlkampf an, dieses Verbot wiedereinzuführen – ein deutliches Signal an Globalisierungsskeptiker.

Das Endergebnis der US-Präsidentschaftswahl war bereits in der Ausgangskonstellation vorgezeichnet: Wer Freihandel, Konzernmacht und Börsenspekulation ablehnte, konnte nur den rechtspopulistischen Kandidaten wählen. Eine linkspopulistische Alternative, die etwa der in den Vorwahlen unterlegene Bernie Sanders verkörperte, stand nicht zur Wahl.

 

Doch, es gibt Alternativen

Über den Erfolg von Sanders lässt sich freilich nur spekulieren; vielleicht wären ihm mehr wahlentscheidende Staaten im entindustrialisierten Mittleren Westen zugefallen. Jedenfalls hätte er Globalisierungsskeptikern, für die Hillary Clinton unwählbar war, eine Alternative zur Trump-Wahl oder Nichtwahl geboten.

Das Werk Polanyis ist aktueller denn je. Es eröffnet Perspektiven nicht nur auf historische, sondern auch auf aktuelle Globalisierungen und deren Gegenbewegungen. Mit Polanyi lässt sich dem neoliberalen TINA-Prinzip (Margaret Thatcher: „There is no alternative“) entgegnen: Es gibt Alternativen jenseits des Gegensatzes von marktfundamentalistischem Globalismus und nationalpopulistischem Antiglobalismus.

Ein Alternativkurs könnte etwa das Ziel ökonomischer Wertschöpfung mit außerökonomischen, doch für die Wirtschaft relevanten Zielen – kultureller Offenheit, sozialer Gerechtigkeit, politischer Beteiligung und ökologischer Verträglichkeit – ausbalancieren. Ein solcher Balanceakt erfordert eine entsprechende Politik, bekanntlich ein „starkes langsames Bohren von harten Brettern mit Leidenschaft und Augenmaß zugleich“ (Max Weber). Aber dies ist wohl Trumps Sache nicht.

E-Mails an: debatte@diepresse.com

DER AUTOR



Ernst Langthaler
(* 1965 in St. Pölten) ist Professor für Sozial- und Wirtschaftsgeschichte an der Johannes Kepler Universität Linz, wo er u. a. zur Geschichte der Globalisierung forscht und lehrt; Vorstand des Instituts für Geschichte des ländlichen Raumes in St. Pölten. Aktuelles Buch: „Schlachtfelder. Alltägliches Wirtschaften in der nationalsozialistischen Agrargesellschaft 1938–1945“ ((Böhlau Verlag). [ André Luif ]

("Die Presse", Print-Ausgabe, 25.11.2016)

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