Brexit, Trump und viele tote Helden: Vergesst 2016!

Was war das für ein bescheidenes, unerfreuliches Jahr, das morgen zu Ende geht. Eigentlich kann es 2017 nur besser werden.

Es gibt Jahre, die würde man am liebsten aus dem Kalender streichen. Die Rede ist vom Jahr 2016. Was für ein bescheidenes Jahr. Man kann diese zwölf Monate unter sehr unterschiedlichen Aspekten bewerten: Vom persönlichen Wohlgefühl bis zum Zustand der Welt im Allgemeinen reicht das mögliche Spektrum.

Man kann das Jahr von einem politischen Standpunkt aus als extrem verheerend einschätzen: Brexit, Trump und der deutschnationale Mantel-und-Degen-Held Norbert Hofer als neuer Fixstern am Polithimmel des kleinen Österreich. Ob man die Möglichkeit, hierzulande mehrmals zu einer Bundespräsidentenwahl zu schreiten, als Belastung einstuft oder als kleine Entschädigung dafür, dass die Damen und Herren Abgeordneten zum Nationalrat sich vor einiger Zeit eine Verlängerung ihres Arbeitsvertrages (genannt Legislaturperiode) um ein Jahr genehmigt haben, ist Mentalitätssache.

Wahltechnische Kompensation

Immerhin konnte der so im Laufe seines Lebens um ungefähr drei bis vier Wahlgänge betrogene Bürger in kurzer Zeit beinahe völlige wahltechnische Kompensation erlangen. So er jedes Mal zur Urne schritt, um dortselbst seine Stimme zu beerdigen.

Dass viele Bürger sich nur noch bis zum nächsten Postkasterl anstatt zur Wahlurne schleppten, ist eine der großen Innovationen, die wir 2016 erleben durften, stößt nun aber einigen sauer auf. Etwa der FPÖ, deren Wähler teilweise bereit sind, an alle möglichen Verschwörungstheorien von Chemtrails bis Zaubertinten zu glauben, es aber mit dem Ausfüllen von Wahlkuverts nicht so haben. Ob die postalische Abstinenz durch eine bildungsbedingte Briefallergie oder eher durch höhere Sportlichkeit (Fechten hält fit) gegenüber den bekannt verweichlichten Linken von ÖVP, SPÖ, Neos und Grünen bedingt ist, soll an dieser Stelle nicht entschieden werden. Das Problem der Briefwahl wird sich durch die weitere Schließung von Postämtern ohnehin von selbst lösen.

Und Positives? Dass ein Role Model der Austria Tabak ab 2017 wie eine Dampflok durch die Welt schmauchen und Österreich vertreten wird, wird von einer Mehrheit der Landsleute goutiert, sonst wäre VdB nicht gleich mehrmals gewählt worden. Noch mehr Österreicher machte die Tatsache, dass Werner Faymann als Bundeskanzler zurückgetreten wurde, zumindest für kurze Zeit glücklich.

Allerdings steht ein beunruhigendes Menetekel an die Wand geschrieben: Faymann schleimt sich quer durch Europa in der Hoffnung, einen lukrativen Posten in Brüssel zu ergattern. Dass „du sagen, ich fahren“ eine ausreichende Qualifikation für Spitzenjobs in der EU ist, steht ohnehin außer Zweifel, wenn man sich so manche wankende Gestalt der europäischen Spitzenpolitik ansieht.

Es gibt natürlich Dinge außerhalb Österreichs, über die sich schwer bis gar nicht scherzen lässt. Terror, Krieg und Massenflucht – die Welt war schon lang nicht mehr in einem so unerfreulichen Zustand. Kein Wunder, dass wir in Europa das Gefühl nicht loswerden, vom außenstehenden Krisenbeobachter zum Betroffenen mitten im Krisengeschehen geworden zu sein. Zukunftsangst macht sich breit. Die europäischen Institutionen erwiesen sich 2016 einmal mehr als nicht handlungsfähig und völlig erneuerungsresistent.

Nationalismus und autoritäre Staatsmodelle feiern unfröhliche Urständ. Das Modell der westlichen, liberalen Demokratie verliert spürbar an Attraktivität. Viele suchen das Heil wieder einmal bei irgendeinem „starken Mann“ und geben damit – ohne es zu bemerken – den Weg frei zu einem autoritären Kapitalismus, in dem ihnen, den Wählern gegen das „Establishment“, erst recht von genau diesem „Establishment“ das Fell über die Ohren gezogen werden wird. Das Milliardärskabinett von Trump ist ein exzellentes Beispiel dafür, wie Rechtsradikale und Populisten ihre eigene Wählerschaft verhöhnen.

Flucht in den Sarkasmus

Beispiel Nummer zwei: der Politzinnober, den eine Kaste zynischer britischer Politiker jetzt rund um den Brexit aufführt – das Schicksal eines ganzen Landes als makabere Politwette dekadenter Oberklasse-Schnösel in einem altenglischen Herrenklub. Nein, die politischen Ereignisse des Jahres 2016 geben nicht viel Anlass für ein positives Resümee.

Trotzdem könnte man auch zu einer optimistischen Einstufung des Jahres kommen. Das aber ist nicht wirklich die Sache des Schreibers dieser Zeilen. Dem bleibt auch angesichts persönlichen Erlebens nur die Flucht in den Sarkasmus. Denn noch mehr als die großen, politischen Verwerfungen, vor denen sich unser kleines Leben abspielt, sind es die ganz individuellen Einschläge links und rechts der eigenen Existenz, die bestimmen, wie man ein Jahr erlebt.

Eine All-Star-Band im Jenseits

In meinem Fall: Helden meiner Jugend starben heuer in einem Tempo weg, dass man sich morgens vor den Nachrichten fürchtete. Ich erspare mir die Aufzählung der 2016 hinweggerafften Musiker, die den Soundtrack geliefert hatten zu vielen Stationen unseres Lebens. Glaubte ich an ein Jenseits, stellte ich mir die Frage, welcher skrupellose Typ sich da oben eine erstklassige All-Star-Band zusammenstellt. Schande über ihn!

Heuer hat es einige wirklich Große erwischt, jetzt also doch Namen, von Bowie über Prince und Cohen bis hin zu weniger bekannten Leuten wie Paul Kantner, Otis Clay oder Mose Allison. Die Helden gehen, wir bleiben noch ein Weilchen. Wir müssen ohne sie ein paar weitere Runden drehen. Es wird Zeit, erwachsen zu werden!

Ein positiver Ausblick auf 2017? Mein Horoskop verspricht mir „den Himmel auf Erden“, und dass, was immer ich anpacke, in meinen „Händen zu Gold wird“. Sogar von einer „überraschenden Beförderung“ ist die Rede. Was bei einem Freiberufler wie mir wohl sehr überraschend wäre. Aber vielleicht ist es bloß eine gesponserte Vorhersagedes Transportwesens.

Wichtiger aber für mich ist, dass die Rolling Stones noch ein Weilchen über die Bühne staksen und Mick Jagger noch ein paar Jahre vor dem Mikrofon herumhüpft, auch wenn seine Bewegungen langsamer und seine während der Konzerte absolvierte Laufstrecke stetig kürzer werden. Vielleicht klappt es 2017 sogar mit dem Chemie-Nobelpreis für Keith Richards. Der Mann hat es sich verdient. Niemand hat mehr zu unserem Wissen über die Möglichkeiten beigetragen, den Einsatz von Pharmazeutika zu überleben.

Dann könnte aus 2017 sogar ein halbwegs passables Jahr werden – so auf der ganz persönlichen Ebene. Für den Globus insgesamt aber sehe ich schwarz, solange die Menschheit es schafft, schneller Ursachen zu schaffen, als deren Wirkungen zu begreifen.

E-Mails an: debatte@diepresse.com

DER AUTOR

Michael Amon (* 1954 in Wien) lebt als freier Autor in Gmunden und Wien. Der Romancier und Essayist ist außerdem geschäftsführender Gesellschafter einer kleinen Steuerberatungskanzlei. Der vierte Band seiner „Wiener Bibliothek der Vergeblichkeiten“ (Echomedia-Buchverlag), „Der Preis der Herrlichkeit“, erscheint im Frühsommer 2017. Zuletzt erschienen: „Panikroman“ (Klever-Verlag), Psychogramm eines Börsenhändlers.

 

 


[N75KU]

(Print-Ausgabe, 31.12.2016)

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