Peinliche Affäre rund um Österreichischen Staatspreis

Wie slowenischsprachigem Autor eine verdiente Würdigung versagt wurde.

Ein Jahreswechsel bedeutet ja immer auch Rückblick und Blick nach vorn in einem. Dabei dient der Rückblick außer der Freude über Gelungenes auch dem rücksichtslosen Aufzählen des Misslungenen, Versäumten und Verpatzten. Wobei all das, was sich noch nachholen oder verbessern lässt, nicht im Poesiealbum der guten Vorsätze stecken bleiben, sondern mit Entschlossenheit angegangen werden sollte.

Mit dieser etwas oberlehrerhaften Einleitung begebe ich mich zu einem schändlichen Vorfall in der österreichischen Kulturszene in der Hoffnung, dass die Verantwortlichen die Bereitschaft zur Korrektur mobilisieren. Es geht um den mit 30.000 Euro dotierten Großen Österreichischen Staatspreis für Literatur: die höchste Auszeichnung, die das Land für Schriftsteller zu vergeben hat. Er wird einmal im Jahr im Wechsel mit den Sparten Musik, Architektur und bildender Kunst verliehen, und 2016 war wieder die Literatur dran.

Der Preis wird an österreichische Künstler vergeben, wobei die Jury aus den bisherigen noch lebenden Preisträgern besteht; in der Literaturabteilung sind das derzeit Friederike Mayröcker, Gerhard Rühm, Peter Handke, Josef Winkler und Peter Waterhouse.

 

Unfassbares Argument

Vorgeschlagen wurde heuer der bedeutendste slowenischsprachige Autor Österreichs, Florjan Lipuš, der seit 1981 in der Übersetzung von Peter Handke und Helga Mracnikar auch auf Deutsch zu lesen ist und stets großes und zustimmendes Aufsehen erregte und auf einen bedeutenden österreichischen Autor aufmerksam machte, der auch in den folgenden Jahren etliche sehr wesentliche Werke in beiden Sprachen veröffentlichte.

Nachdem bei der entscheidenden Jurysitzung eines der Mitglieder nicht dabei sein konnte, aber nur die Stimmen Anwesender gezählt werden, hätten sich mindestens drei der Genannten für diesen Vorschlag aussprechen müssen. Es war aber so, dass zwei der Anwesenden den Vorschlag entschieden ablehnten, und zwar unfassbarerweise mit dem Argument, der Autor schreibe ja nicht auf Deutsch.

 

Selbstverständlicher Kandidat

Nicht nur ist dieses Argument heute jenseits aller zivilisatorischen Übereinkommen, es ist auch juristisch vollkommen inakzeptabel: Florjan Lipuš ist österreichischer Staatsbürger und Slowenisch eine der mehreren Sprachen, die in Österreich gesprochen und geschrieben werden. Seit dem unsäglichen Ortstafelstreit sollte die Diskussion darüber eigentlich erledigt sein.

Lipuš ist also ein selbstverständlicher Kandidat für den Staatspreis – und diese Sache sollte möglichst umgehend zurecht-, das heißt, ins Recht gerückt werden. Die Jury einigte sich daraufhin auf Gerhard Roth, der diesen Preis ebenfalls schon lang verdient hat.

Was tun? Was geschehen ist, ist geschehen. Aber nachdem der Staatspreis auch dieses Jahr vergeben werden wird (und auch schon in früheren Zeiten die Literatur in zwei Folgejahren dran gewesen ist), sollte der Unterrichtsminister auch in diesem Jahr der Literatur die Vergabemöglichkeit einräumen oder, wenn nötig, ausnahmsweise einen zweiten Staatspreis für das Jahr 2017 finanziell ermöglichen. Mithilfe des neuen Preisträgers wird das Problem rasch gutzumachen sein.

Ich gebe zu, dass es mir nicht leichtfällt, diesen schändlichen Sachverhalt öffentlich zu machen, da er bedeutende Autoren bloßstellt. Aber zum einen ist es nicht so, dass noch niemand davon gehört hätte, und zum anderen sollte auch Österreich imstande sein zu zeigen, dass es als Rechtsstaat und literaturstolzes Land weiß, was sich und was zu ihm gehört.

Dr. phil. Jochen Jung (*1942) ist Verleger und Schriftsteller. Bis 2000 war er der Chef des Residenz-Verlags. Danach gründete er den Jung-und-Jung-Verlag, Salzburg.

E-Mails an: debatte@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 04.01.2017)

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