Suche nach neuem Professor und die alten Seilschaften

Zur „Germanisierung“ der Zeitgeschichte an der Grazer Universität.

Die Neubesetzung des Lehrstuhls für Zeitgeschichte an der Universität Graz wird von Misstönen begleitet, die seit einigen Wochen auch öffentlich artikuliert werden. So wird behauptet, dass nicht die besten Kandidatinnen und Kandidaten zu den Berufungsvorträgen eingeladen worden seien.

Der Vorwurf ist schwerwiegend und muss ernst genommen werden. Er richtet sich an die Berufungskommission ebenso wie an die Leitung der Universität. Ob er berechtigt ist, kann in einer öffentlichen Debatte allerdings nicht geklärt werden. Viele Faktoren spielen bei der Auswahl von Bewerbern für eine Professur nämlich eine Rolle. Der wissenschaftliche Output ist dabei nur ein Kriterium.

Wichtig ist oft auch, ob dem Kandidaten zugetraut wird, dem Lehrstuhl über die nächsten Jahrzehnte hinweg ein unverwechselbares Profil zu geben. Die Forderung seitens der Kritiker des Auswahlverfahrens, dass die Bewerber für die Professur eigenständige Publikationen zur österreichischen Zeitgeschichte vorweisen sollten, um sicherzustellen, dass sie zu diesem Thema auch lehren können, würde dazu wohl wenig beitragen. Eine solche Schwerpunktsetzung gibt es bereits an anderen Unis. Damit würde lediglich jene „universitäre Gleichschaltung“ prolongiert, die im Ausland in der Vergangenheit zu Recht belächelt worden ist.

Problematisches Unbehagen

Auch das in diesem Zusammenhang vorgebrachte Argument, dass nur dadurch studentische Abschlussarbeiten zur jüngeren österreichischen Vergangenheit betreut werden können, verfängt nicht wirklich. Denn auch bisher wurden an der Grazer Zeitgeschichte Diplomarbeiten und Dissertationen zu Themen geschrieben, über die der emeritierte Lehrstuhlinhaber nicht geforscht hatte. Oft wurden daraus ausgezeichnete Arbeiten, und über schlechte Betreuung hat sich niemand beklagt. Dass aber die Kritik an der Auswahl der Kandidaten für die Berufungsvorträge von einem Unbehagen vor allem gegenüber deutschen Bewerbern und ganz allgemein gegenüber deutschen Professoren an der geisteswissenschaftlichen Fakultät begleitet wird, verwundert und ist problematisch.

Die „Tübinger Runde“

Falls jene Schweizer Bewerberin, die zum engeren Favoritenkreis für den Lehrstuhl gehört, die österreichische Debatte verfolgt, erinnert sie sich wohl an eine ähnliche Diskussion in ihrem Land, die vor einigen Jahren vom Rechtspopulisten Christoph Blocher entfacht wurde. Damals wurde von deutschen Netzwerken an den Schweizer Unis gesprochen, heute über die „Tübinger Runde“ in Graz.

Die Kritiker des Auswahlverfahrens hinterfragen die Tauglichkeit der aus dem Ausland stammenden Kandidaten für den Grazer Lehrstuhl auch mit dem Hinweis auf deren wissenschaftliche Sozialisation und Netzwerke. Damit wird mit einem kulturalistischen Argument allen Nichtösterreichern die Eignung für die Professur von vornherein abgesprochen. Es sei denn, dass sie zuvor an einer hiesigen Universität studiert oder geforscht haben. Nicht alle setzen einen solchen Berufsweg allerdings mit einer fachlichen Auszeichnung gleich.

Die Berufung eines sogenannten ausländischen Kandidaten mit eigenständigen Netzwerken könnte sich auf die wissenschaftliche Forschung aber durchaus positiv auswirken. Vor allem dann, wenn damit alte Seilschaften gekappt werden. Seilschaften, von denen in der Vergangenheit zwar einzelne Wissenschaftler, aber ganz gewiss nicht die österreichische (Geschichts-)Wissenschaft als Ganzes profitiert haben.

Univ.-Doz. Dr. Klaus Hödl ist Historiker und Mitarbeiter am Centrum für Jüdische Studien an der Karl-Franzens-Universität.

E-Mails an: debatte@diepresse.com

 


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(Print-Ausgabe, 16.02.2017)

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