Pflege: Begrüßen Kontrolle, vermissen aber die Fairness

Gastkommentar. Altenpflege: Warum werden Heime überwacht, nicht aber mobile Dienste?

Der Bund gibt für das Pflegegeld im Jahr mehr als 2,5Milliarden Euro aus“, weiß Ex-Rechnungshof-Präsident Josef Moser im Radiointerview. Befragt zum Bericht der Volksanwaltschaft über die in den Medien kolportierten Missstände in Pflegeheimen setzt er nach: „Dafür hätte der Bund auch die Möglichkeit, klare Ziele vorzugeben, Qualitätsstandards vorzugeben. Das tut er nicht. Das heißt, er gibt Geld, ohne zu schauen, was damit passiert. Und das ist nicht verantwortungsvoll.“

Man muss Moser recht geben. So schwer seine Kritik an fehlender Kontrolle wiegt, so leicht kann sie missverstanden werden. Vor dem Hintergrund der breiten Berichterstattung über Pflegeheime entsteht schnell der völlig falsche Eindruck, diese würden Milliarden kassieren. Hochgerechnet aus der Faktenlage in Oberösterreich wird ihnen in Wirklichkeit gerade einmal ein Fünftel (21 Prozent) jener 2,5 Milliarden Euro Pflegegeld zugestanden. Der Löwenanteil – also erstaunliche zwei Milliarden Euro –fließt in die häusliche Pflege durch Angehörige, mobile Dienste oder 24-Stunden-Betreuung.

Genauso falsch ist auch der Eindruck, Pflegeheime würden nicht kontrolliert werden. Das Gegenteil ist der Fall. Pflegeheime werden regelmäßig und lückenlos kontrolliert. Das ist gut. Gerade deshalb gibt es leider regelmäßig Berichte über Missstände.


Schonungslose Aufklärung

Ich will die aufgezeigten Missstände weder relativieren noch kleinreden. Ich bin für genaue Kontrollen und schonungslose Aufklärung. Das sind wir unseren Bewohnern schuldig – und auch unseren Mitarbeitern. Denn die jüngsten Berichte stellen rund 40.000 Pflegefachkräfte in Heimen unter Generalverdacht.

Dabei waren die Standards in den Häusern noch nie so hoch, war die Pflege noch nie so penibel dokumentiert. Und noch nie waren unsere Pflegekräfte so gut ausgebildet. So geben etwa Häuser in Oberösterreich rund 75Prozent der Personalkosten für hoch qualifizierte Pflegefachkräfte aus.


Ungleichbehandlung verstört

Diese Pflegerinnen und Pfleger betreuen oftmals demenziell erkrankte, multimorbide, hochgradig inkontinente Menschen, die auf diese professionelle Pflege angewiesen sind. Eine Pflege, die selbst aufopfernde Familienmitglieder ohne entsprechende Ausbildung heillos überfordern würde.

Das ist die eine Seite. Die andere Seite sind jene alten Menschen, die durch mobile Dienste, eine 24-Stunden-Betreuung oder Angehörige versorgt werden. Zwei von drei dieser Pflegegeldbezieher steht keine professionelle Betreuung zur Verfügung. Die Qualität ihrer ärztlichen und pflegerischen Betreuung entzieht sich jeglicher Kontrolle. Ausgerechnet dort, wo qualifizierte Fachkräfte fehlen, gibt der Bund wirklich Geld aus, ohne zu schauen, was damit passiert.

Dass sich rund 40.000 Pflegekräfte in Heimen durch diese Ungleichbehandlung pauschal desavouiert fühlen, ist verständlich. Viele fragen sich: Warum werden wir regelmäßig schlechtgemacht, obwohl wir in unseren Häusern eine allgemein zugängliche Pflegequalität sicherstellen, die nirgendwo sonst möglich ist? Und das zu geringeren Kosten als in anderen Pflege- und Betreuungsmodellen.

Allerdings wird Pflege durch Angehörige, mobile Dienste oder 24-Stunden-Betreuung oft zu einem wesentlich höheren Teil privat mitfinanziert. Für die öffentliche Hand macht das häusliche Betreuung natürlich billiger – und attraktiver? – als die kontrollierte Pflegequalität in den Heimen. Das wirft eine interessante Frage auf: Wird mit der auf Pflegeheime beschränkten Kontrolle ganz bewusst Stimmung gemacht?

Dr. Irmtraud Ehrenmüller ist Geschäftsführerin der Kreuzschwestern Sierning GmbH und verantwortet in vier Pflegeheimen in OÖ.

E-Mails an:debatte@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 18.05.2017)

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