Gastkommentar

Das Vabanquespiel mit der Aufklärung

Drei Beispiele für Unvernunft: Deutschlands konzeptloses Sozialexperiment mit der Massenimmigration, Großbritanniens verlorene Wette hinsichtlich eines lukrativen Verbleibs in der EU, Amerikas real gewordene Millionenshow.

Als Immanuel Kant 1784 in seinem Essay „Was ist Aufklärung“ seine berühmten Sätze von der „selbst verschuldeten Unmündigkeit“ des Menschen schrieb, hatte er sicher nicht den von allen moralischen Kriterien befreiten Homo ludens im Sinn. Dessen Unmündigkeit wird nicht, wie Kant vermuten würde, von Feigheit und Faulheit genährt, sondern von der skrupellosen Lust am Erfolg bar aller Vernunft.

Im sogenannten postfaktischen Zeitalter ist die Wahrhaftigkeit, also der redliche Umgang mit dem, was für richtig oder falsch erachtet wird, zur virtuellen Währung verkommen. So gehen die Möglichkeiten eines öffentlichen, reflektierten Diskurses im Lichte medialer Schachzüge unter.

 

Klima des Autoritarismus

Vielmehr bietet sich eine Arena der freien Kräfte an: von dummdreisten Lügenpresse-Parolen unter der Regie selbst ernannter Oberplebejer, politischen Plattitüden (manchmal schulmeisterlich, manchmal als Geruchsprobe für die Meute) und aalglatten Alternativfakten nach Maß bis hin zum diplomatischen Schweigen aus politischem Kalkül.

Während man in weiten Teilen der Erde von den geistigen Errungenschaften der Aufklärung weiterhin nur träumen kann, scheinen sie gegenwärtig ihren Zenit in der westlichen Hemisphäre überschritten zu haben. Eingebettet in ein Klima des zunehmenden Autoritarismus, glänzen drei jüngste Ereignisse geradezu exemplarisch heraus: Deutschlands konzeptloses Sozialexperiment mit der Massenimmigration, Großbritanniens verlorene Wette hinsichtlich eines lukrativen Verbleibs in der EU und Amerikas real gewordene Millionenshow.

Deutschland stößt gerade an seine Grenzen als neue moralische Hegemonialmacht. Dass allein guter Wille nicht ausreicht, um hochkomplexe Probleme zu lösen, wird dem Land immer schmerzhafter bewusst. Nichtsdestotrotz wandelt sich diese Konzeptlosigkeit in der Flüchtlingskrise immer mehr zu einem Sozialexperiment mit ungewissem Ausgang.

Während früher eine vergleichsweise geringe Zahl an Flüchtlingen aus dem Nahen Osten kam – meist ehemalige Eliten, die mit der westlichen Welt gut vertraut waren –, handelt es sich im Augenblick oft um bildungsferne Schichten, denen das Konzept der Aufklärung vollkommen fremd ist. Die Idee, man könne tief verwurzelte Denk- und Kulturpraktiken allein mittels Kursen verändern, ist erschreckend naiv. Auch die Früchte der Aufklärung im Westen gingen ja nicht durch einen kollektiven Akt der Massenerkenntnis in die Gesellschaft ein, sondern wurden von der Bevölkerung allmählich verinnerlicht.

 

Fatale Orientierungslosigkeit

Heute wird das Erbe der Aufklärung in unserer saturierten Konsumgesellschaft nur noch als selbstverständliches Nebenprodukt wahrgenommen. Nichts jedoch drückt die fatale Orientierungslosigkeit besser aus als die sinnentleerten medialen Ergüsse über eine mögliche Leitkultur. Sie sind ein trauriges Zeugnis dafür, dass man offenbar keinen Bezug zur eigenen Kultur mehr hat – namentlich dem christlich-jüdischen Erbe, das durch die Aufklärung „veredelt“ wurde. Letzteres schuf damit auch geistig einen Brückenschlag zur Welt, in der grundsätzlich jede fremde Kultur einen Platz in der Gesellschaft finden kann – sofern sie nur bedingungslos kritisch ist und sich selbst hinterfragt.

Somit ist die Aufklärung der kleinste gemeinsame Nenner, auf dem alle Unterschiede bestehen können. Der Hinweis, dass vieles noch seine Zeit brauche, lässt einen eher nach Frankreich schielen, wo in den Banlieus die Ausgrenzung und Verwahrlosung quasi institutionalisiert wurde. Dass die Politik dieses Thema sehr konträr behandelt, je nach eigenen strategischen Gesichtspunkten, zeugt nur von deren Instinktlosigkeit in Fragen der Gemeinschaft.

Zu den traditionellen Leidenschaften auf den britischen Inseln gehört seit jeher das Wetten – nur war vor Kurzem der Einsatz gleich ganz England. So wurde aus einer historischen Abstimmung die größte Wette aller Zeiten!

Nun ist grundsätzlich nichts dagegen einzuwenden, wenn ein Land sein souveränes Recht in Anspruch nimmt, das eigene Schicksal selbst in die Hand zu nehmen. In einem solchen Fall hätte es wohl einen seriös ausgearbeiteten Plan gegeben. Jedoch war der Brexit nie eine ernst zu nehmende Option für die regierenden Hauptprotagonisten. Vielmehr war die Drohung mit dem Brexit ein Faustpfand gegen die EU, um die künftigen Beziehungen für Großbritannien noch lukrativer zu gestalten.

 

Geplatztes Täuschungsmanöver

Als dieses Spiel seinen Höhepunkt in der Abstimmung fand, platzte das Täuschungsmanöver: Von nun an wollte keiner mehr die Verantwortung für die Machinationen, Intrigen und Manipulationen übernehmen. Das Undenkbare wurde Realität, pfeifend stahl man sich hinweg. Nicht weniger als die Demokratie wurde missbraucht, um im politischen Ränkespiel reüssieren zu können – letztendlich der persönlichen Karriere wegen.

Das Land, das bisher einen Weltruf im Bereich Toleranz, Liberalismus und Welthandel zu verteidigen hatte, versank in einem kleingeistig kontinentaleuropäisch anmutenden Nationalismus. Geradezu trotzig beschwört man, dass der Ausstieg Großbritannien nicht zum Nachteil gereichen werde, während man verzweifelt nach neuen Handelspartnern sucht. Diese meint man bereits unter altbekannten Potentaten im Nahen Osten gefunden zu haben.

Sir Francis Drake and Sir Walter Raleigh überfielen einst im Namen der Krone spanische Galeeren und gingen als treue Vasallen und „Gentlemen Robbers“ in die Geschichte ihres Landes ein. Wie wird die Geschichte wohl über jene urteilen, die die Integrität des Landes aufs Spiel setzten?

 

Der amerikanische Mythos

Zu den engsten Verbündeten der Briten gehörten aus historischen Gründen die USA. Die Fackel der Aufklärung wurde weitergereicht und fand ihren Ausdruck in der amerikanischen Unabhängigkeitserklärung von 1776. Dieses Dokument war nicht nur ein Zeugnis eines politischen Siegs über die englische Vorherrschaft, sondern ein inhaltlich wie stilistisch einmaliges Bekenntnis zu den allgemeinen Menschenrechten.

Darin gründet sich Amerikas Mythos. Die ganze Geschichte der USA wird danach bemessen, inwieweit sie diesem Fanal der Aufklärung gerecht wird oder nicht.

Nach der Machtübernahme eines früheren Casinobesitzers herrscht mentaler Ausnahmezustand. Da der Auftraggeber nicht immer die gewünschte Lieferung bekommt, werden die „Lieferanten“ schlichtweg zu Feinden des Volkes erklärt: Medien, Justiz, Wissenschaft oder Bürger anderer Länder. Alles unterliegt dem Gesetz des Marktes: Ob man rassistisch bzw. antisemitisch ist, entscheiden die Opportunitätskosten. Denn schließlich kostet auch die Moral etwas: „There is no free lunch!“ Dies lässt nichts Gutes ahnen.

E-Mails an:debatte@diepresse.com

DER AUTOR



Oliver Cyrus
studierte Wirtschafts- und Politikwissenschaften. Er arbeitete früher im internationalen Bankwesen. Derzeit verfasst er an der Historisch-Kulturwissenschaftlichen Fakultät Wien eine Biografie über den Harvard-Professor und letzten Finanzminister der k. u. k. Monarchie, Josef Redlich. [ Privat ]

("Die Presse", Print-Ausgabe, 26.05.2017)

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