Gastkommentar

„Adversus Judaeos“ hallt noch nach

Präsident Abbas konnte im EU-Parlament Haarsträubendes behaupten – und kein Abgeordneter protestierte dagegen.

In der am Mittwochabend im Ersten deutschen Fernsehen ausgestrahlten Dokumentation „Auserwählt und ausgegrenzt – Der Hass auf Juden in Europa“ kommt auch eine Rede vor, die Palästinenserpräsident Mahmud Abbas 2016 im EU-Parlament hielt. Darin stellt er die haarsträubende Behauptung auf, dass Rabbiner im Staate Israel die israelische Regierung aufgefordert hätten, Wasser im Westjordanland zu vergiften.

Diese an den „Stürmer“ erinnernde Rede wurde vom deutschen Kanzlerkandidaten Martin Schulz per Twitter als inspirierend bezeichnet. Annette Groth, Bundestagsabgeordnete der deutschen Partei „Die Linke“, erklärte danach: „Ganz gezielt wird die Wasserversorgung in Gaza kaputt gemacht, und dadurch gelangt hochtoxisches Material ins Mittelmeer.“

Von den Abgeordneten des EU-Parlaments gab es auf diese von Judenhass getragene Anschuldigung keinen vehementen Protest der Demokraten. Anscheinend sind bis dato die Kontinuitätslinien der NS-Zeit auch im EU-Parlament existent.

Dass Juden Wasser vergiften, hat im Mittelalter, als im 14. Jahrhundert in Europa die Pest, Cholera- und Pockenepidemien wüteten – etwa 25 Millionen Menschen wurden hinweggerafft – seinen Ursprung. Man machte für die Seuchen die Juden verantwortlich und begründete dies auch damit, dass die Zahl der von der Seuche dahingerafften Juden relativ geringer war als die der Nichtjuden. Dieses Faktum erklärt sich leicht aus dem jüdischen Hygienegesetz, das vor und nach jeder Mahlzeit Händewaschungen vorsieht sowie zumindest wöchentlich ein Tauchbad.

 

Erpresste Geständnisse

Die gegen die Juden gerichteten Verleumdungen und böswilligen Anschuldigungen hatten zur Folge, dass man die fehlenden Beweise für eine Schuld der Juden durch auf Folter erpresste Geständnisse ersetzte. Unter fürchterlichen Qualen gestanden die Gefolterten die Richtigkeit der Verleumdungen: dass Juden absichtlich Brunnen und Quellen vergiftet hätten, um Christen zu töten.

 

Wie ein Flächenbrand

Wie ein Flächenbrand fegten in ganz Europa Exzesse und Ausschreitungen über die Juden. Sie wurden auf Scheiterhaufen verbrannt, erschlagen, zu Tausenden ermordet. Allein in Deutschland wurden mehr als 300 jüdische Gemeinden vernichtet. Selbst eine Bulle von Papst Clemens VI. konnte dem hasserfüllten Wüten gegen die Juden keinen Einhalt gebieten, da der Glaube an die Schuld der Juden so tief im Bewusstsein der Menschen verwurzelt war, dass auch kirchliche Bemühungen zugunsten der Juden vergebens waren.

Es dürfte aber auch der Wunsch, sich jüdischen Besitz anzueignen, eine große Rolle gespielt haben. In diesem Zusammenhang sei erwähnt, dass sich in Österreich Herzog Albrecht II. schützend vor die Juden gestellt hat, sodass aufgrund seines energischen Eintretens nur wenige jüdische Gemeinden zerstört und Juden auf dem Scheiterhaufen verbrannt worden sind.

Präsident Abbas hat vor dem EU-Parlament also nichts Neues erfunden; er bezog sich auf mittelalterliche Verleumdungen. In ähnlicher Weise wird in vielen arabischen Staaten die Ritualmordlegende, die sich ebenfalls gegen die Juden richtet, in Schulen und Medien am Leben gehalten. Höchst bedenklich bleibt die zustimmende Haltung des SPD-Kanzlerkandidaten Schulz und das beredte Schweigen der Abgeordneten des EU-Parlaments zur Rede von Abbas. Der Ruf „Adversus Judaeos“ im Europa des Mittelalters hat noch immer ein Echo im EU-Parlament.

Dr. med. Fritz Rubin-Bittmann, geboren 1944 in einem Keller in Wien Leopoldstadt. Überlebte mit seinen Eltern, Josef und Sidonie, als„U-Boot“. Schule und Studium in Wien, Arzt für Allgemeinmedizin.

E-Mails an: debatte@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 22.06.2017)

Die Presse - Testabo

Testen Sie jetzt „Die Presse“ und „Die Presse am Sonntag“ sowie das „Presse“-ePaper und sämtliche digitale premium‑Inhalte 3 Wochen kostenlos und unverbindlich.

Jetzt 3 Wochen testen
Meistgekauft
    Meistgelesen
      Kommentar zu Artikel:

      „Adversus Judaeos“ hallt noch nach

      Sie sind zur Zeit nicht angemeldet.
      Um auf DiePresse.com kommentieren zu können, müssen Sie sich anmelden ›.