Gastkommentar

Der Pilz gibt seiner Partei keine Sporen mehr

Weil Peter Pilz immer wieder etwas Neues für die Grünen anfangen wollte, konnte seine Partei mit ihm nichts mehr anfangen. Offenkundig hat sie vom Hype um die älteren Herrn Jeremy Corbyn und Bernie Sanders nichts gelernt.

Weil der Peter Pilz nun gegangen (worden) ist, gibt es viel medialen Sturm. Der treibt die Sporen weit ins grüne Land. Der Wirbel, den die Grünen da leichtsinnig – oder besser gesagt unsinnig – veranstaltet haben, ist ein Denkanstoß, und ein solcher bringt, wenn alles gut geht, die stockenden Gedanken in eine andere Richtung.

Sein Weggang kann ein Tritt in den Hintern einer träge, ratlos, ideenlos und zahnlos gewordenen Bewegung sein. Sie war einmal ein Hecht im phrasendreschenden politischen Karpfenteich. Anders. Bunt. Frech. Neu! Davon ist nichts mehr übrig, weil auch eines der letzten Urgesteine der ursprünglichen Widerborstigkeit weg ist.

Haben sie ihn weggehen lassen – oder besser weggeschickt, weil er zum alten Eisen gehört? Weil seine kristalline und fluide Intelligenz mit den so wichtigen, gesellschaftsrelevanten, vielen tollen Innovationen der Grünen nicht mehr mitgekommen ist? Oder ist der Pilz verfault, marod und sein Körper schon gebrechlich?

 

Ein Signal an die Jungen?

Will man mit seinem Ersatzmann auf Platz vier wirklich ein Signal an die Jungen schicken? Wenn ja, welches – oder war der Pilz einfach nur lästig? Haben die nichts gelernt von dem Hype der Jugend und der Älteren um den alten Jeremy Corbyn oder Bernie Sanders? Nein, haben sie nicht, weil sie ja nur auf sich selbst schauen. Jetzt sind sie unter sich.

Weil Pilz noch immer und immer wieder was Neues für die Partei anfangen wollte, konnte diese mit ihm nichts mehr anfangen. Störenfriede stören den Frieden. Diese jetzige Partei will, dass alles ruhig ist und Ecken und Kanten verschwinden. Auch die jungen Kräfte – vor allem Ingrid Felipe – wirken irgendwie alt und überraschen nicht. Die Grünen fangen nichts mehr an. Sie „zementieren sich ein“ (Pilz) und sind gegenüber geänderten und anders geschichteten Strömungen in der Gesellschaft resistent geworden.

Wenn Pilz in Pension ginge, entgingen auch der Republik wertvolle Ressourcen. Die Oppositionsrolle und die Kontrollfunktion des Pilz, sosehr ihm diese als ausgewiesenem Narziss auch selbst nützen, nützen auch einer Gesellschaft. Pilz zeigt vor, dass man mit 62 noch neue Wege gehen kann, dass man mit Klischees und Sturheiten brechen kann, dass man auch für viel Jüngere attraktiv ist.

Pilz zeigt, dass Gnadenlosigkeit gegen Staatsschleim und Korruption attraktiv ist und dass man gnadenlos sein darf, wo man gnadenlos sein muss. Die Schande der politischen Ignoranz und strukturellen Korruption wird wie durch ein Brennglas jetzt wieder schärfer sichtbar an der Demontage dieses 62-Jährigen. Pilz ist einer, der jünger denkt und radikaler handelt als vermeintliche „25er-Role-Models“, die als Zukunftshoffnung einer Partei gelten, die gerade deshalb wohl ihre Zukunft vermasselt.

 

Die neuen Cross-overs

Es stünde einer Grünpartei programmatisch gut an, den nachdenklich gewordenen Menschen, die von „Fake Everything“ umzingelt sind, politisch und visionär etwas anzubieten, was sie inspiriert und sie auch veranlasst, mehr am politischen, kulturellen und wirtschaftlichen Leben teilzunehmen: die Wahrheiten! Damit müsste aber die Partei bei sich anfangen und der Realität ins Auge sehen.

Eine dieser Wahrheiten ist die Verschiebung der kulturellen, wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Macht. Eine demografische, medizinische, kulturelle, wirtschaftliche Revolution hat stattgefunden. Ausgelöst und getragen von den Cross-overs – der Zwischengeneration des 3. Lebensalters zwischen 50 und 75. Das sind die gleichen Protagonisten, die schon die Gesellschaft vor 40 bis 50 Jahren verändert haben.

Diese Generation konnte eine Gesellschaft, die andere für sie vorgeplant hatten, nicht akzeptieren. Das sind Menschen, die dem ursprünglich revolutionären Geist der Grünpartei immer nahestanden und heute nahestehen könnten. Sie suchen nicht nur neuen Konsum, neue Medien, neuen Sport, neue Reiseziele, neue Aufregungen, sondern ganz handfest auch eine neue bewegende Politik, die sie aber nicht bei den Grünen finden.

Diese „neue“ Gruppe von Menschen in Österreich wäre für eine verantwortungsvolle, maßvolle und in großen Zusammenhängen denkende Grünpartei zu gewinnen: 2,8 Millionen Menschen. die zwar nicht mehr jung, aber auch noch nicht alt sind. Die, die Neues anfangen können und mit dem Aufhören aufgehört haben. Das sind die neuen Cross-overs zwischen 50 und 75.

 

Mit 49 endet das normale Leben

Diese Gruppe ist weit davon entfernt, sich nach bisherigen Klischees und sozialen Zuschreibungen (dem sozialen Konstrukt des Alters) zu verhalten. Das sind die, die neu denken, neu reden, neu lernen, neue Verhaltensweisen an den Tag legen, sich anders anziehen, andere Musik hören und andere soziale Beziehungen pflegen, andere Parteien wählen, andere Vorstellungen von einer gerechteren Zukunft haben.

Aber die Bilder der Vorgeneration stehen noch immer in Stein gemeißelt da, Werbung und Wirtschaft sind noch immer von gestern: 14 bis 49 ist für sie die Zielgruppe! Danach hört das normale Leben auf. Die Alten verschwinden aus der Gesellschaft in die Pension, in die Arbeitslosigkeit, in die Seniorenverbände. Sie tauchen erst wieder auf, wenn die Pflegebedürftigkeit vor der Tür steht und die Alten als gebrechliches Verschleißprodukt der Natur in den Fokus der Gesellschaft rücken.

 

Ein unbespielter Raum

Das vitale Alter ab 50 ist eine Ressource für die Gesellschaft, die Wirtschaft, den sozialen Zusammenhalt – und eine Partei, die nicht auf „die alten Pensionisten“ zielt, die bei den Verbänden relativ fix verortet sind, sondern auf die mobilen, innovativen, interessierten, inspirierten Cross-overs ab 50.

Das sind die 2,8 Millionen, von denen 800.000 der A- und B-Schicht angehören, über 30.000 Euro/anno frei verfügbare Einkommen haben und sich hellwach taugliche Lösungen eben nicht nur für sich, sondern für die Zukunft ihrer Kinder und Enkel erwarten.

In diesen unbespielten Raum hätten die Grünen mit neuen Ideen und mit Pilz eindringen können. Über 1,5 Millionen Menschen ab 55 sind voll in der digitalen Welt zu Hause. Dort punkten aber die anderen: die Straches, Kurzes und Kerns.

Das ziemlich selbstbeschädigende Hinausekeln von Peter Pilz, der so wunderbar kompatibel für eine junge und auch die oben beschriebene, fortgeschrittene Zielgruppe gewesen wäre, ist fahrlässig und unverständlich. Pilz mag vielen nicht sympathisch sein. Einer, der therapeutisch in die Gesellschaft wirkt, muss ja nicht unbedingt sympathisch sein. Klug, mutig, selbstbewusst und politisch mit Verstand gesegnet zu sein, ist in schwierigen Situationen und Zeiten ein echtes Asset. Halt eben leider nicht für die Grünen.

E-Mails an:debatte@diepresse.com

DER AUTOR




Dr. Hans Bachmann
(*1948, Spittal/Drau) studierte Volkswirtschaft und Politikwissenschaft an der Universität Wien und in Sydney. Er arbeitete als Werbetexter, Coach, Berater und Lehrer. Unterrichtstätigkeit als Dozent an den Fachhochschulen Joanneum und Hagenberg. Themen: Kommunikation, Persönlichkeit, Kreativität. [ Privat ]

("Die Presse", Print-Ausgabe, 12.07.2017)

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