Gastkommentar

Über religiöse Einbahnstraßen zum Extremismus

Charles Darwin und die Islamische Glaubensgemeinschaft in Österreich.

Bei Interviews klopfen Journalisten ihr Gegenüber gerne auf direktem Wege ab. Fix im Repertoire ist die Frage an Kirchenvertreter, wie man denn zum Zölibat stehe; oder die Frage an FPÖ-Vertreter, wie man es denn mit dem Judentum halte. Will man wiederum Vertreter der Islamischen Glaubensgemeinschaft Österreichs (IGGIÖ) aus der Reserve locken, reicht offenbar schon, den Naturwissenschaftler und Begründer der Evolutionstheorie Charles Darwin anzuführen.

Zur Erinnerung: der IGGIÖ-Präsident Ibrahim Olgun sprach sich in einem Interview für wissenschaftsbasierten Islam aus. So weit, so gut. Als dies jedoch in türkischen Medien als Befürwortung von Darwins Evolutionstheorie interpretiert wurde, sah sich der offizielle Vertreter der österreichischen Muslime gezwungen, auf Distanz zu gehen und wie in Rage in türkischen Kanälen seine zuvor getätigten Aussagen zu dementieren und zu relativieren. Heute hören wir nun: die IGGIÖ lehnt Darwin ab.

Wie bitte? Wer im Jahr 2017 einen Diskurs auf diese Weise führt, der hat entweder eine Sichtweise auf die Welt, wie sie sonst nur Extremisten haben (wenn er das wirklich glaubt, was er sagt); oder aber er hat ein massives Abhängigkeitsproblem (wenn er nicht glaubt, was er sagt, aber es sagen muss). Beide Probleme sind schwerwiegend und gelungener Integration abträglich.

 

Plumpe Bevormundung

Darwin einfach wegzuwischen mag in der Türkei funktionieren. Und wenn der türkische Präsident wollte, könnte er auch die Erde zu einer Scheibe machen – aber eben nicht bei uns. Darwin und eine kritische Evolutionstheorie sind so etwas wie das Symbol der aufgeklärten Wissensgesellschaft. Und derart plumpe Versuche, Muslime zu bevormunden, sind abzulehnen.

Aber Olguns Verhalten wirft ein wichtiges Thema auf, das ich als Initiator der europäischen Bürgerinitiative „Stop Extremism“ diskutieren will. Wie können wir Extremismus und Radikalisierung in unseren Gesellschaften eindämmen und wirkungsvoll bekämpfen? Welche Mosaiksteinchen tragen zu politischen, religiösen und gesellschaftlichen Radikalisierungen bei?

 

Die alte Fatwa-Art

Ich bin überzeugt, Radikalisierung setzt mit symbolträchtigen Diskussionen wie jener um Darwin und seiner Evolutionstheorie ein. Natürlich sind differenzierte Sichtweisen zulässig und wichtig, aber bitte nicht auf die alte Fatwa-Art, die vorwiegend in „gut“ und „böse“ trennt und unislamische Dinge gar nicht erst hinterfragen lässt.

Wenn Muslime im Jahr 2017 aus der Türkei politisch sowie religiös bevormundet werden, dann ist dies einer der Gründe, warum manche Muslime nicht in unseren westlich liberalen Gesellschaften ankommen, sich abwenden und vielleicht sogar radikalisieren.

Wenn junge Türken von nationalistisch-islamistischen Verbänden gesagt bekommen, dass die (christliche) Mehrheitsgesellschaft nicht zu akzeptieren und ihre Bräuche nicht zu feiern seien, dass sie nicht dazu gehörten und als Muslime anders seien, dann stellen wir in der Frage des gesellschaftlichen Miteinanders zwischen Christen und Muslime das Trennende über das Einende.

Niemand wird zum Extremisten geboren. Aber der Weg dorthin führt unter anderem über religiöse Einbahnstraßen, wie jene, in die IGGIÖ-Präsident Ibrahim Olgun gerade auf der Direktive aus Ankara abgebogen ist. Dieser Dialog – und wenn nötig auch diese Auseinandersetzung, muss geführt werden. Ich freue mich über jede und jeden, der sich einbringt.

Efgani Dönmez (*1976 in Sivas-Kangal, Türkei) , war von 2008 bis 2015 im Bundesrat: Initiator und Gründer der Europäischen Bürgerinitiative gegen Extremismus.

E-Mails an: debatte@diepresse.com

 

("Die Presse", Print-Ausgabe, 27.07.2017)

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