Gastkommentar

Die Dämonen des Antisemitismus

Vor 120 Jahren fand in Basel der erste Zionistenkongress statt – mit langfristigen Konsequenzen.

Vor 120 Jahren, am 29. August 1897, begann der erste Zionistenkongress in Basel. Der Rest ist Geschichte: Die Balfour-Erklärung 1917, die Shoah in Europa, die Gründung des Staates Israel 1948.

Als Theodor Herzl 1904, kurz vor seinem Tod, Papst Pius X traf, erklärte ihm der Papst, da die Juden Jesus Christus nicht anerkannt hätten, könne er als Oberhaupt der Kirche auch die Juden nicht anerkennen. Herzls seit 1895 gehegter Traum eines jüdischen Staates wurde zwar 44 Jahre nach seinem Treffen mit dem Papst Wirklichkeit, aber die katholische Kirche brauchte – trotz zwei Jahrtausenden christlichen Antisemitismus und der Shoah durch das NS-Regime – neun weitere Dekaden, um mit Israel diplomatische Beziehungen zu knüpfen.

Das Gespenst des Antisemitismus geht jedoch weiter um, und ist in den letzten Jahren noch bedrohlicher geworden. Was weiß die empirische Sozialforschung über den globalen Antisemitismus?

Die amerikanische Anti-Diffamation League (ADL) mit ihrer repräsentativen Umfrage über den weltweiten Antisemitismus in 101 Staaten aus dem Jahr 2014 (Stichproben in der Regel um 500 Befragte) hat absolut neue Standards in der internationalen Antisemitismus-Forschung vorgegeben. Insgesamt wurden 53.100 globale Bürger in 101 Staaten und Territorien befragt.

 

Weltweite Umfrage

Wenn die Befragten sechs der elf gestellten Fragen mit Ja beantworteten, wurden sie von der ADL als antisemitisch eingestuft, wobei die Fragen wie folgt formuliert waren: „Die Juden haben auf den internationalen Finanzmärkten zuviel Macht“, oder „Die Juden sind für die meisten Kriege der Welt verantwortlich“. Die Daten aus der ADL-Umfrage zeigen auch, dass sich heute das Schwergewicht des weltweiten Antisemitismus in die muslimische Welt verschoben hat.

Im Mittelfeld der Staaten der Welt liegt mit 28 Prozent Antisemiten Österreich, 40 von 101 Staaten weisen allerdings einen geringeren Antisemitismus auf als Österreich. Am schlimmsten ist der Antisemitismus in Europa heute in Griechenland, dort beträgt er 69 Prozent.

Die ADL hat auch in einer eigenen repräsentativen Befragung die Einstellungen der Muslime in Europa untersucht. Obwohl die ADL-Ergebnisse frei verfügbar sind, werden sie in Europa gern aus einer falsch verstandenen politischen Korrektheit verschwiegen. In Belgien sind nämlich 68 Prozent der Muslime antisemitisch, gefolgt von Spanien (62), Deutschland (56), Italien (56), Vereinigtes Königreich (54) und Frankreich (49). In den Täternationen der Shoah ist es den Umfragen zufolge bereits eine absolute Mehrheitsposition (Deutschland: 51 Prozent, Österreich: 52 Prozent) zu sagen, dass „die Juden“ „zuviel“ über die Shoah reden.

Neben der aktuellen „Islamisierung“ des Antisemitismus ist aus internationalen Umfragen auch eindeutig die immer größere Einsamkeit Israels sowie die mangelnde Unterstützung des Kampfes gegen den islamistischen internationalen Terror ablesbar. Dies ist ebenso erschreckend, wie der von uns genannte erste Trend.

Laut BBC World Poll 2014 (1000 repräsentativ befragte Personen pro Land) haben nur mehr 23 Prozent der globalen Bevölkerung eine positive Einstellung zu Israel. Generell kann auf Grund der Daten des World Values Survey und von PEW International, Washington, auch gesagt werden, dass Anhänger linksstehender Parteien nicht nur besonders kritisch gegenüber Israel eingestellt sind, sondern dass sie auch den Kampf gegen den internationalen Terror weniger unterstützen und die iranische atomare Herausforderung herunterspielen.

Das Drama ist, dass sich in Europa 120 Jahre nach Basel die Meinungen über Israel mit wenigen Ausnahmen immer mehr denen in der muslimischen Welt angleichen. Die Bevölkerungen in China, Indien und Russland haben heute schon eine positivere Haltung zu Israel als etwa die Menschen in Spanien, Deutschland, Großbritannien und Frankreich. Im bösen Wort amerikanischer Neocons „Eurabia“ steckt ein Kern von Wahrheit.

 

Die Rolle der Kirche

Jahrhundertelang prägte die katholische Kirche den Antisemitismus in Europa. Die nächste Frage in unserem Kontext lautet, ob wenigstens das II. Vatikanische Konzil mit seiner Erklärung „Nostra Aetate“ unter den gläubigen, „praktizierenden“ Katholiken, also jenen, die Sonntag für Sonntag den Gottesdienst besuchen (im Kirchenjargon „Dominicantes“), eine positive Veränderung zu weniger Antisemitismus bewirkte.

Die herangezogenen Daten des globalen Meinungsbarometers „World Values Survey“, erlauben leider nur Aussagen über die Ablehnung von Juden als Nachbarn. Die regelmäßigen Kirchgänger, die Dominicantes, sind Menschen, die während des katholischen Sonntagsgottesdiensts auch mit dem Jesus-Wort aus Johannes 4.5–26.5 konfrontiert werden, wonach das Heil aus dem Judentum kommt, und trotzdem Juden als Nachbarn ablehnen. Nach unseren bevölkerungsgewichteten World-Values-Survey-Daten sind dies 19,6 Prozent aller globalen Dominicantes.

Ist Nostra Aetate also eine bloße Fiktion? Wir unterstellen, dass Nostra Aetate nur dort reale, greifbare Wirklichkeit wurde, wo die praktizierenden Katholiken wenig antisemitisch sind, und auch weniger antisemitisch sind als die getauften Katholiken insgesamt, und wo ihr Antisemitismus im Zeitverlauf abgenommen hat. Mit den Daten des World Values Survey berechneten wir, wie die oben genannten Kriterien auf die katholischen Gemeinden der Welt zugetroffen haben.

 

Deprimierende Analyse

Die Gesamtschau unserer Analyse ist noch deprimierender als die Einzelergebnisse der drei Indikatoren für sich. In nur neun der zwanzig Staaten mit kompletten Daten hat der Antisemitismus der Dominicantes zeitlich betrachtet abgenommen; und in nur drei von den neun Staaten mit zeitlich abnehmenden Antisemitismus waren die Dominicantes nicht antisemitischer als die getauften Katholiken insgesamt, das sind Tschechien, die Slowakei und Chile.

Projiziert man unsere drei Indikatoren auf eine von 0 bis 1 reichende Skala, wie es z. B. heute die Vereinten Nationen mit ihrem „Human Development Index“ machen, so ergibt sich ein abschließender Index der Realisierung von Nostra Aetate insgesamt in den weltweiten praktizierenden katholischen Gemeinden. Am meisten wurde Nostra Aetate noch im Leben der Kirche in Tschechien, den U.S.A. und Großbritannien Realität, gefolgt von Portugal, Argentinien, den Niederlanden, Österreich und Deutschland.

Insbesondere die Kirchenleitungen in Spanien, Polen, Malta, Slowenien und Mexiko, den am schlechtesten abschneidenden katholischen Gemeinden, werden sich künftig besonders anstrengen müssen, Nostra Aetate in das Leben ihrer Kirchen zu integrieren.

Solidarität mit den Juden und Solidarität mit Israel ist also eine weiterhin bestehende Aufgabe der demokratischen Gesellschaften der Welt, und ist auch eine Aufgabe der Christen. Dies ist die bleibende Konsequenz des Baseler Kongresses.

 

Der Autor Arno Tausch habilitierte sich aus Politikwissenschaft an der Universität Innsbruck und war von 1992 bis 2016 (Pensionierung) in verschiedenen Funktionen als Beamter der österreichischen Bundesregierung tätig. Er ist Gastprofessor der Ökonomie an der Corvinus University in Budapest. Lehrbeauftragter an der Uni Wien. Auf seiner Homepage am Barry Rubin Center in Israel informiert er über empirische Analysen des weltweiten Islamismus.

E-Mails an: debatte@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 28.08.2017)

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