Gastkommentar

Bekenntnisse eines Legasthenikers

Über die positiven Nebenwirkungen miserabler Rechtschreibung: Ein Outing zum Schulbeginn.

Die erste Volksschulklasse begann für mich vor achtzig Jahren im Herbst 1937 mit dem Dollfuß-Lied („Er gab für Österreich sein Blut, ein wahrer deutscher Mann”) und endete im Sommer 1938 mit dem Deutschlandlied („Deutschland, Deutschland über alles”).

Dazwischen lag ein traumatisierendes Erlebnis: die Begegnung mit dem „Lesekasten”, einer Lernhilfe, mit deren immer wieder zu Boden fallenden Papierbuchstaben man Wörter zusammensetzen sollte, über deren Schreibweise ich völlig andere Vorstellungen hatte als der Lehrer, der Fehler durch schmerzhaftes Ziehen an den Schläfenhaaren zu ahnden pflegte. Das Ergebnis war – oh Schande in der ersten Volksschulklasse! – eine Nachprüfung in „Schreiben”.

Halb beschämt und halb empört ging meine Mutter mit mir zum Nachprüfungstermin beim Klassenlehrer. Der aber hatte den Zeitgeist bis zur Neige aufgesogen und sagte schuldbewusst: „Wie konnte ich einem Kind mit so einem nordischen Langschädel eine Nachprüfung geben!”

Als Proforma-Test sollte ich meinen Namen schreiben. Das gelang mit einiger Mühe, wenn auch ohne das zweite L am Ende des Familiennamens, was der Herr Lehrer als „Flüchtigkeitsfehler” pardonierte und mich mit strammem „Heil Hitler!” in die zweite Klasse entließ.

Meine Mutter war stolz auf ihren gescheiten Buben, der wohl auch künftige Prüfungen, die das Leben für ihn bereithalten mochte, souverän bestehen würde.

Unter den wohlwollenden Augen des rassenwahnsinnigen Lehrers schaffte ich trotz weiterhin sehr eigenwilliger Rechtschreibung auch die restlichen Volksschulklassen und sogar die Aufnahmsprüfung in die „Oberschule für Jungen” in Klagenfurt.

Nach Beginn des Zweiten Weltkrieges war es für mich eine große Beruhigung, im Rundfunk zu hören, dass der U-Boot-Held Günther Prien in der Schule auch Probleme mit der Rechtschreibung hatte und dennoch ritterkreuzwürdig war.

Im Gymnasium traf ich auf einen warmherzigen Deutschprofessor, der mich für „rechtschreibeblind” erklärte, meine Aufsätze getrennt nach „Inhalt” (1 - 2) bzw. „Rechtschreibung” (5 - 6) beurteilte und mich dadurch ermunterte, frei von der Leber weg zu schreiben.

Allzu viele Fehler wollte ich aber doch nicht riskieren, deshalb entwickelte ich ein Mehrfachdenken, wie man einen Gedanken verschieden ausdrücken könnte und ob eine Version dabei ist, deren Wörter ich mit einiger Sicherheit zu schreiben wusste. Das verbesserte zwar nicht meine Rechtschreibung, dafür die sprachliche Beweglichkeit, die mir im späteren Berufsleben zustatten kam.

Bei der schriftlichen Deutschmatura nach Ende des Krieges, man sang bereits „Land der Berge, Land am Strome”, hatte ich das Glück, bei einem Toilettengang auf den mit der Gangaufsicht betrauten Religionslehrer zu stoßen, der ein kongenialer Gesprächspartner für eine rein theoretische Betrachtung der orthografischen Feinheiten einiger kniffeliger Wörter war.

Solcherart zur „Reife” gelangt, fasste ich den masochistischen Entschluss, mich ausgerechnet der schreibenden Zunft zuzuwenden und „Zeitungswissenschaft” zu inskribieren, was in eine 50 Jahre währende Berufstätigkeit ausartete, die ich dank loyaler Setzer, gebildeter Sekretärinnen und einiger zerlesener Duden-Bände ohne größere Blamagen hinter mich gebracht habe.

Manchmal aber, wenn mein mühsam erworbenes orthografisches „check, recheck and double check” durch Zeitdruck oder journalistischen Eifer deaktiviert war, konnte es schon passieren, dass, wenn ich z. B. „Vater und Mutter” schreiben wollte, der Legasthenie-Kobold in mir die fehlgeleiteten Finger „Fater unt Muder” tippen ließ, was ich schnell löschte, um nicht meine ganze Reputation zu verlieren.

 Der Autor war Chefredakteur von trend und profil, Herausgeber des Wirtschaftsblattes.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 06.09.2017)

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