Gastkommentar

Polemik im Wahlkampf: Bleibt der Dialog auf der Strecke?

Unternehmen erkennen vermehrt den Wert dialogischer Ansätze. Nicht so die Politik.

Während der I.–IV. Legislaturperiode war mein Großvater Alois Burgstaller Nationalratsabgeordneter. Wenn ich heute seine Reden lese, dann klingen sie antiquiert und altväterlich. Ihr Ton und die Haltung jedoch, die aus ihnen hervorklingen, erscheinen mir deutlich konstruktiver und faktenorientierter zu sein als fast 100 Jahre später.

Heutzutage lesen sich die parlamentarischen Protokolle anders, ganz zu schweigen vom Ton im Wahlkampf. Untergriffe, Polemik und Unsachlichkeit sind an der Tagesordnung. Cui bono? Der Entscheidungsvorbereitung der WählerInnen sicher nicht. Der Republik insgesamt wohl auch nicht. Und wer weiß, was uns in den kommenden Wahlkampfwochen noch bevorsteht?

Was wäre besser? Seit einigen Dekaden beschäftigen sich SozialwissenschaftlerInnen und OrganisationsforscherInnen mit der Frage, wie man soziale Systeme zum Aufblühen bringt. Sie belegen die positive Wirkung von prosozialem Verhalten, ethikorientierter Führung, Exzellenz-, und Kooperationskultur und einer mentalen Positivorientierung. Sie empfehlen den Ausdruck von Mitgefühl und Dankbarkeit, das Kultivieren von Tugenden und die Orientierung an Stärken und positiven Abweichungen, um eine Aufwärtsspirale der Entwicklung in Gang zu setzen.

Organisationen beginnen zunehmend, diese Erkenntnisse für sich zu nutzen. Sie erkennen, dass es in einem Vuca-Markt der Kooperation aller Kräfte jenseits von trennenden Silos und hierarchischer Gräben bedarf. Sie verstehen sehr gut, dass sie leichter und rascher zu den dringend erforderlichen Lösungen kommen, wenn sie sich sofort und gemeinsam auf eine erwünschte Zukunft fokussieren, anstatt in Problemen und Schuldzuweisungen zu graben.

Seit den bahnbrechenden Erkenntnissen des Nobelpreisträgers Daniel Kahnemann wissen wir auch einiges darüber, wie fehlerbehaftet Menschen Entscheidungen treffen. Daraus ist abzuleiten, welche Ausgangsbedingungen für „bessere“ Entscheidungsprozesse wichtig wären. In den Wirtschaftswissenschaften finden diese Erkenntnisse bereits Anwendung.

All das wäre wohl auch für politische Institutionen und Volkswirtschaften sinnvoll, jedoch sind wir davon so weit entfernt wie vom Mars.

Natürlich werden verschiedenste Erkenntnisse der Sozialpsychologie oder Verhaltensökonomik genutzt, leider negativ. PolitikerInnen werden in Kampfrhetorik und NLP-Techniken geschult, denn das ist gut zum Polemisieren und Manipulieren. Sie lernen emotionalisieren und simplifizieren, bis kein Wahrheitsgehalt mehr vorhanden ist, um die menschliche Tendenz zum Entscheiden nach einfachsten Daumenregeln auszunutzen.

Und so kommen spektakuläre Fehlentscheidungen zustande. Als folgenschwerstes Exempel können wir wohl die „Leave“-Entscheidung im Brexit Referendum betrachten, von den amerikanischen Wahlen ganz zu schweigen. Wie sollen sich die BürgerInnen auch eine faktenbasierte Meinung bilden? Auf Basis eines öffentlichen politischen Dialogs ist das nicht mehr möglich. Doch dieser wird umso wichtiger, je komplexer die Sachverhalte werden.

 

Nur eine leere Worthülse

Schlagkräftig ist man in der politischen Arena dann, wenn man schlagfertig ist. Dialog bleibt dabei eine leere Worthülse. Zugehört wird nur, um den Gegenschlag zu planen. Das Respektieren, Suspendieren von Urteilen und Aufbauen auf den Aussagen der Gesprächspartner fehlen komplett.

Was hätte mein Großvater wohl zu all dem gesagt? In seiner Rede am 2. August 1932 zum Thema „Bodenreform“ sprach er etwas aus, was wir uns alle ins Stammbuch schreiben könnten. Er meinte, „dass unserem Volke niemals durch unverstandene, unerprobte und leichtfertige Schlagwörter, sondern nur durch stille, unverdrossene Aufbauarbeit Hilfe zukommen kann“. Und in Bezug auf eine Lösung des ihm so wichtigen Themas meinte er: „Komme sie von welcher Seite immer.“ Müssen wir wirklich 100 Jahre auf Lösungsfokus und Dialog warten? Wollen wir unsere Republik weiterhin von einseitigen Prinzipien des Stammeskampfes gesteuert wissen? Wenn wir das notgedrungen im Wahlkampf akzeptieren müssen – muss es bitte aber auch in „Friedenszeiten“ sein? Auch Kooperation und Altruismus haben nämlich stammesgeschichtliche Wurzeln. Wollen wir die Führungskräfte unseres Staates wirklich weiterhin rein nach deren Stammeszugehörigkeit und verbaler Schlagkraft auswählen?

Wir blicken auf andere politische Systeme herab und beurteilen abschätzig ihren Mangel an Reife. Doch wie sieht es mit unserer Reife und Fortschrittlichkeit aus? Gerade weil wir die große Chance von Freiheit und Demokratie haben, sollten wir diese nutzen, um unsere Institutionen und das Miteinander in unserem Staat mutig und innovativ weiterzuentwickeln.

Es wäre also ein hoffnungsvolles Zeichen, wenn die eine oder der andere der sich beim Volk bewerbenden PolitikerInnen zu erkennen gäbe, dass sich eine Innovation im Sinn eines „Miteinanders 4.0“ anbahnte. Dass man beginnt, neue „soziale Technologien“ anzuwenden, und zwar nicht im Sinn von Facebook und Co., sondern im Sinn der Erkenntnisse der neueren Sozial- oder Organisationsforschung. Dann wäre eine Aufwärtsspirale des politischen Klimas und des Gedeihens unserer Republik nicht auszuschließen.

DIE AUTORIN

Susanne Burgstaller (*1961) dissertierte an den Universitäten Wien und Cambridge/UK. Sie war zehn Jahre lang Führungskraft und ist seit zwanzig Jahren als Unternehmensberaterin für Kulturwandel und herausfordernde Veränderungen in öffentlichen Institutionen und internationalen Unternehmen tätig. Weitere Informationen: www.usolvit.com

E-Mails an: debatte@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 07.09.2017)

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