Gastkommentar

Wie intelligent kann ein Roboter werden?

In Zukunft werden Roboter aus unserer Welt nicht mehr wegzudenken sein. Was sie können – und was nicht.

Täglich liest man heute Artikel über Roboter und wo sie zukünftig nicht überall zum Einsatz kommen sollen. Sehr oft wird das Thema Robotik mit der Künstlichen Intelligenz (KI) verknüpft, und manch ein Zukunftsforscher suggeriert der Menschheit überhaupt ein baldiges Ende als Planetenprimus. In Österreich wurde vor Kurzem ein Roboter-Rat ins Leben gerufen, der eine Strategie für den Umgang mit diesen Themenbereichen entwickeln soll. Doch wo stehen wir eigentlich wirklich, und wo wird die Reise hingehen?

Vielen der Experten ist gemein: Sie haben noch nie einen Roboter programmiert und beziehen ihr Wissen aus mehr oder weniger zuverlässigen Internetquellen. Hier komme ich ins Spiel: Ich programmiere seit Jahren hoch entwickelte Roboter und war der Erste in Österreich, der einen Pepper-Roboter sein Eigen nennen durfte. Beim Pepper handelt es sich um den fortschrittlichsten Humanoiden, den man aktuell auf dem Markt kaufen kann. Er kommt unter anderem als Shopassistent und Messeberater zum Einsatz. Ganz egal, wo ich mit dem Roboter auftrete, er hinterlässt stets einen bleibenden Eindruck – und Kinder schließen ihn sowieso sofort in ihr Herz.

 

Magische Anziehungskraft

Die erste Frage, die ich immer gestellt bekomme, ist die nach dem Preis (Antwort: 20.000 Euro nur für die Hardware). Bereits die zweite Frage dreht sich meist darum, ob er denn künstlich intelligent sei. Dieses Thema übt scheinbar eine magische Anziehungskraft auf die Menschheit aus, und groß ist dann die Enttäuschung, wenn ich diese Frage negiere.

In Wahrheit bringt der Pepper bereits alles mit, was ein zukunftsträchtiger Roboter braucht. So muss ein solcher selbst keine KI besitzen, sondern seine Aufgabe besteht darin, mit verschiedensten Sensoren die Umgebung wahrzunehmen und mit verschiedensten Aktoren auf die Umgebung einzuwirken. Um intelligent herüberzukommen, wird er sich in Zukunft einfach verschiedener in der Cloud laufender Dienste, wie z. B. Sprachübersetzung oder Objekterkennung, bedienen. Auch bei Diensten wie Alexa oder Siri steckt die Intelligenz ja nicht selbst im Gerät, sondern in der Cloud.

Viele dieser Dienste werden nach wie vor auf Basis eines klassischen Algorithmus arbeiten, d. h., dass der Computer einfach Schritt für Schritt die durch das Programm vorgegebenen Befehle ausführt, um ein bestimmtes Problem zu lösen. Andere Dienste werden dem KI-Ansatz folgen und ihren Ablauf nach jedem Aufruf anpassen und optimieren. Wenn sie in der Cloud laufen, hat das den Vorteil, dass sie mit den Daten aller Roboter gefüttert und so viel schneller trainiert werden, als wenn sie direkt auf dem Roboter ablaufen würden. Bereits heute lassen sich mit dem Pepper spannende Szenarien umsetzen, speziell, wenn man diesen mit einem künstlich intelligenten Cloud-Dienst wie IBM Watson verknüpft.

Meiner Meinung nach wird der KI aktuell sowieso eine viel zu große Bedeutung zugemessen und der Begriff inflationär verwendet. Scheinbar glauben viele Unternehmen, dass sie im Rahmen ihrer digitalen Transformation nur dann überleben können, wenn sie auf die KI setzen. Ich würde eher auf die Intelligenz und das Know-how meiner Mitarbeiter sowie deren Weiterbildung setzen.

Keine Frage, es lassen sich interessante Dinge damit umsetzen. Nur sind diese aktuell stets auf einen überschaubaren Problembereich beschränkt. Von einer universellen KI, wie sie manche erträumen und sich manche versprechen, sind wir meilenweit entfernt. Weiters sind die Verfahren dahinter keinesfalls neu. Die meisten fallen eher in die Kategorie „alter Hut“. Neu ist aber, dass wir heute über eine gewaltige Rechenleistung und gewaltige Datenmengen zum Trainieren der KI-Algorithmen verfügen.

Was selten thematisiert wird, ist, dass man bei der Nutzung eines künstlich intelligenten Algorithmus die bisher beschrittenen Pfade verlässt. So legten die bisherigen Programme stets ein vorhersagbares Verhalten an den Tag. Davon löst man sich bei KI-Algorithmen. Ein gewisser Grad an Unbestimmtheit bleibt.

 

Problem bei autonomen Autos

Das mag bei vielen Anwendungen keine größere Bedeutung haben, wenn beispielsweise die emotionale Lage eines Hotline-Anrufers von einem solchen Algorithmus von Zeit zu Zeit falsch beurteilt wird, ist das bedeutungslos. Nicht so aber, wenn dies bei einem selbstfahrenden Auto passiert. Das kann tragisch enden. Ich bezweifle somit, ob in einem autonomen Fahrzeug jemals ein KI-Algorithmus, der sich selbstständig weiterentwickelt, zum Einsatz kommen wird. Man wird hier eher auf klassische Algorithmen setzen und die Fahrzeuge häufig mit Softwareupdates versorgen.

Der Wunsch nach einem künstlich intelligenten Roboter scheint oft mit der Vorstellung einherzugehen, dass eine solche Maschine nicht mehr programmiert werden muss. Aktuell gibt es Roboter, die lernfähig sind, mit KI hat das aber nur selten zu tun. Eine gewisse Programmierung wird weiter notwendig sein, auch wenn diese nicht zwangsläufig textuell passieren muss.

Was viele bei ihren Zukunftsvorhersagen nicht berücksichtigen, ist das Paretoprinzip, das bei technischen Entwicklungen recht häufig zum Tragen kommt. 80 Prozent der Anforderungen lassen sich in 20 Prozent der Projektzeit realisieren, für die restlichen 20 Prozent braucht man 80 Prozent der Zeit. Wir befinden uns aktuell noch in einer frühen Phase der 80 Prozent, die wirklich komplexen Herausforderungen kommen also erst auf uns zu.

 

Evolutionärer Prozess

Angesagte Revolutionen finden nicht statt – und so ist es auch bezüglich der Entwicklung und dem Einsatz von Robotern. Vielmehr läuft hier bereits seit Jahren ein evolutionärer Prozess ab, der schrittweise für Veränderungen sorgt. Wenn wir nach Jahrzehnten zurückschauen werden, werden wir feststellen, dass sich die Welt, wie wir sie heute kennen, massiv verändert haben wird. So werden diverse Arbeitsplätze ganz massiv durch mehr oder weniger künstlich intelligente Roboter ersetzt worden sein.

Ist das so schlecht? Meiner Meinung nach nicht, denn was gibt es Schöneres, als langweilige Tätigkeiten an eine Maschine zu delegieren. Fraglich ist vielmehr, ob wir es gemeinsam schaffen, unser Gesellschaftssystem entsprechend weiterzuentwickeln. Hier hege ich gewisse Zweifel.

Bei all den aktuellen und kommenden Diskussionen dürfen wir auf eines nicht vergessen: dass wir die kommenden Generationen auf die neuen Technologien vorbereiten und sie mit ausreichend digitalen Kompetenzen ausstatten. Mein gemeinnütziges Institut zur Förderung des IT-Nachwuchses hat sich ganz diesem Thema verschrieben. Wir setzen in vielen unserer Workshops Roboter ein. Künstlich intelligent sind jene zwar nicht (eher ziemlich doof), die teilnehmenden Kinder und Jugendlichen sind trotzdem stets begeistert.

E-Mails an: debatte@diepresse.com

DER AUTOR



Bernhard Löwenstein

ist Inhaber von Lion Enterprises e. U. und Gründer und Obmann des Instituts zur Förderung des IT-Nachwuchses (http://ifit.education). Seine gemeinnützige Organisation ist die größte aktive Mint-Förderorganisation und hat bereits 715 altersgerechte Technologieworkshops mit 10.370 Teilnehmenden durchgeführt. [ Privat ]

("Die Presse", Print-Ausgabe, 09.09.2017)

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