Gastkommentar

Ist Unabhängigkeit für Katalonien tatsächlich gut?

Der Sieg des Nationalen bedeutet das Ende eines vereinten Europas.

Nach fast 40 Jahren in Spanien, und zwar in Katalonien ansässig, darf der Fremde vielleicht ein paar Worte äußern. Er ist schon seit Jahrzehnten spanischer Staatsbürger, nimmt als Wähler an den Gemeinderatswahlen seiner Stadt und an denen seiner autonomen Gemeinschaft Katalonien teil. Mit größter Sorge blickt er jetzt auf die neueste Entwicklung in dieser seiner Gemeinschaft.

Seit fünf Jahren läuft eine von vagen Versprechungen genährte, die dauernde und fest verankerte Korruption der politischen Führung verschleiernde, fahnenschwingende und uniformierte nationale Massenbewegung, die, jeden noch so kleinen Einwand vom Tisch wischend, die Unabhängigkeit Kataloniens anstrebt. Ist die Unabhängigkeit für Katalonien gut? Ist es vorteilhaft, außerhalb der EU, der europäischen Zentralbank, der UNO zu stehen?

Diese Fragen bedeuten nichts, wenn man das Paradies der Unabhängigkeit bedenkt. „Es gibt kein Leben außerhalb der nationalen Tatsache“, schrieb ein Ideologe und Nutznießer der katalanischen nationalen Bewegung. Wer nicht daran glaubt und sich außerhalb der Tatsache stellt, gilt als illoyal, als Verräter, als „Spanier“ und darf freiwillig ersticken.

 

Unersättliche Nationalisten

Die immerwährende Frustration und Unersättlichkeit, die den Nationalismus im Allgemeinen kennzeichnen, werden auch in diesem Fall nicht haltmachen. Das unabhängige Katalonien wird ihnen unweigerlich verfallen und als Ausweg aus seiner Sackgasse sofort weitere Territorien für sich beanspruchen: andere Teile Spaniens, wie Valencia und die Balearen oder Regionen Südfrankreichs, die es als ihre ansieht.

An einer Volksabstimmung, bei der das Ergebnis von vornherein feststeht, bei der Ursprung und Verfertigung der Wählerlisten dubios sind, bei der die Neutralität der Wahlbehörde so zweifelhaft ist wie die der Stimmenauszählung, bei der man nicht weiß, woher die Gelder stammen, die das Referendum finanzieren, das ja einige Millionen Euro kostet, bei der auf den Straßen nur für die Unabhängigkeit geworben wird, bei der der von der autonomen Regierung gesteuerte, aus öffentlichen Geldern gespeiste öffentliche katalanische TV-Kanal unverhüllt und dauernd Propaganda für sie treibt, sollte ein freier Mensch nicht teilnehmen.

 

„Auferstehung der Nationen“

Die Scheinheiligkeit, mit der behautet wird, dass man ja nur abstimmen möchte, ähnelt der Heuchelei derer, die sich auf die Pressefreiheit berufen und sie am Tag nach ihrer Machtübernahme aufzuheben gedenken. Sollte die Bewegung ihren Plan durchsetzen und die Unabhängigkeit erklären, wird das von ihr so oft angeführte „Recht zu entscheiden“, das sie inzwischen ganz offen als Selbstbestimmungsrecht bezeichnet, vom Spielplan verschwinden.

Keineswegs außer Acht lassen darf man, dass es sich um eine nationale Bewegung handelt, die wohl von einem bedeutenden, aber keineswegs eindeutig und klar mehrheitlichen Teil der katalanischen Bevölkerung getragen wird. Die Bewegung ist Teil der „Auferstehung der Nationen“, die heute die Grundpfeiler des vereinten Europas erschüttert.

In ganz Europa befindet sich das Nationale im Vormarsch: Dazu gehören die wohlbekannten Bestrebungen in Ungarn, Marine Le Pens Front National und die katalanische nationalistische Sezessionsbewegung. Man muss auf der Hut sein, denn der Sieg des Nationalen würde das Ende eines vereinten Europas bedeuten.

Adan Kovacsics hat in Wien studiert, lebt seit Jahrzehnten in der Nähe von Barcelona. Für seine Übersetzungen österreichischer und ungarischer Literatur ins Spanische wurde der Schriftsteller mit Österreichischen Staatspreis ausgezeichnet.

E-Mails an: debatte@diepresse.com

 

("Die Presse", Print-Ausgabe, 28.09.2017)

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