Gastkommentar

Der Drang in die illiberale Ecke wird Österreich schaden

Wie in den USA der Ausgang der Parlamentswahl in Österreich gesehen wird.

Ich kann mich noch erinnern, als ich im Wartezimmer eines Arztes saß und das Titelbild des Nachrichtenmagazins „Newsweek“ sah: „Thunder on the Right!“, mit einem Bild von Jörg Haider. „Soll Europa sich vor diesem Mann fürchten?“, fragte „Newsweek“ die Leser. Ich war damals elf Jahre alt – und so fing mein Interesse an der österreichischen Politik sowie Geschichte an.

2013 unterstützte ich das BZÖ, um Josef Bucher und seiner „modernen Mitte“ zurück ins Parlament zu helfen. Leider waren wir nicht erfolgreich. Am Sonntag stand ich gleich nach 9.45Uhr Ortszeit in Oklahoma auf, um den Livestream des ORF einzuschalten, für die erste Hochrechnung. Wohin also wird Österreich nach diesem „Schmutzkübelwahlkampf“ gehen?

Wenn Sebastian Kurz und Heinz-Christian Strache in einer Koalition zusammenfinden, bekommen die Österreicher einen Freund der ungarischen Regierung, die Antisemitismus gegen George Soros betreibt, einen der erfolgreichsten lebenden Ungarn. Österreich bekommt einen Kanzler, der keinen eigenen Plan hat, sondern von der FPÖ abschreibt. Und Österreich bekommt eine FPÖ, die nur nach rechts abbiegen kann.

 

Kein Wissen über Österreich

Wie wurde die Nationalratswahl in den USA gesehen? Ich arbeite an einer Universität, die für ihre internationalen Kooperationen bekannt ist. Wir haben viele Jahre eine Partnerschaft mit der Uni Graz, und ich freue mich immer, wenn ich österreichische Studierende kennenlerne. Aber wenn sie einen amerikanischen Studierenden fragen: „Was weißt du über Österreich?“, ist die Antwort immer dieselbe: „Hitler. Nazideutschland. Sound of Music.“ Vielleicht noch etwas zu Mozart.

Meine besser informierten amerikanischen Freunde haben mich gefragt, wer Sebastian Kurz ist. „Wie kann ein 31-Jähriger an die Spitze einer Partei kommen und dann eine Wahl gewinnen?“

Mit Strache an seiner Seite wird er keinen verlässlichen Partner haben. Und es ist schwer, sich vorzustellen, dass Kurz und Strache langfristig eine stabile Regierung bilden können.

 

Wie Trump, ohne Atomwaffen

Sebastian Kurz, 31, ohne abgeschlossenes Studium, aber mit dem Geilomobil unterwegs. Ohne Erfahrung wird er nicht als seriös wahrgenommen werden: wie Donald Trump, aber ohne Atomwaffen.

Österreich drängt sich jetzt in einer Ecke mit den illiberalen Ungarn und Polen, wo es keinen Einfluss auf europäischer Ebene haben wird. In den USA wird diese Entwicklung nur insofern bemerkt, als meine jüdischen Freunde mich fragen: „Kommen die wieder zurück in Europa? Kann ich dort Urlaub machen, ohne mich zu fürchten?“ Ich versichere ihnen natürlich, dass Österreich eine stabile Demokratie ist. Aber die Furcht ist berechtigt, falls Strache, Hofer und Co. mitregieren werden.

Es tut mir sehr leid, dass Österreich so gewählt hat. Weil ich will, dass Österreich, das Land meiner Urgroßeltern, wieder eine wichtige Rolle in Europa spielt. Österreich zum Beispiel als führende Kraft der kleinen europäischen Staaten. Wie schön wäre das!

Ein Tweet des früheren US-Botschafters bei der OSZE, Daniel Baer, zeigt, wie Schwarz-Blau in den USA medial wahrgenommen wird: „Eine Koalition von Konservativen und Nazis.“ Und das ist genau die Schande: Schwarz-Blau wird Österreichs internationalen Interessen schaden. Im Ausland wird die FPÖ nur als Neonazi-Partei wahrgenommen. Ich hätte Österreich Besseres gewünscht.

Andrew Kierig ist wissenschaftlicher
Mitarbeiter an den Instituten für
Politikwissenschaft und für Internationale Studien der Universität Oklahoma.


E-Mails an:debatte@diepresse.com

 

("Die Presse", Print-Ausgabe, 03.11.2017)

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