Gastkommentar

Wie wir selbst das Sozialsystem zukunftsfit machen könnten

Es bedarf einer radikalen Bewusstseinsänderung in unserer Bevölkerung, um unser Sozialsystem auch in Zukunft finanzieren zu können.

Das österreichische Sozialsystem hat einige Baustellen, welche von Jahr zu Jahr größer werden. Vor allem jüngere Menschen in unseren Land fragen sich: „Werden wir auch in Zukunft eine ausreichende Pension bekommen; werden wir weiter relativ problemlosen Zugang zum Gesundheitssystem haben; was wird geschehen, sollten wir pflegebedürftig werden?“

Wir treten in Österreich relativ spät in das Erwerbsleben ein und scheiden früher als in den meisten europäischen Ländern wieder aus, um in Pension zu gehen. Natürlich wird die Frühpensionierung teilweise zur Firmensanierung und Kosmetik der Arbeitslosenstatistik missbraucht.

Sollten wir aber in Zukunft fast alle bis zum Erreichen des Regelpensionsalters arbeiten, sollte es gar hinaufgesetzt werden, was aus Sicht der steigenden Lebenserwartung sehr sinnvoll wäre. Es wird sich dann die Frage stellen: Sind wir überhaupt gesund genug, um bis zu unserem siebzigsten Lebensjahr arbeiten zu können?

 

Zu wenig gesunde Jahre

Wir werden zwar älter, wir werden aber nicht gesünder älter. Österreich liegt im Europa-Vergleich, was die gesunden Lebensjahre in Relation zur durchschnittlichen Lebenserwartung betrifft, auf einem sehr schlechten Platz. Wenn man in Österreich 65 Jahre alt geworden ist, hat man im Durchschnitt nur mehr acht gesunde Lebensjahre vor sich, dann drohen hohe Gesundheitskosten und letztlich Pflegebedürftigkeit.

Auch Pflegebedürftigkeit ist nicht immer schicksalhaft. Senile Demenz etwa als Ursache von Pflegebedürftigkeit kann zu einem nicht geringen Prozentsatz durch ein gesundes und aktives Leben verhindert werden. Die meisten pflegebedürftigen Menschen benötigen aber nur deswegen dauernde Pflege, weil sie einfach zu schwach sind, um den Bedürfnissen des täglichen Lebens gewachsen zu sein. Hätten sie in jüngeren Jahren nur dreimal in der Woche eine Stunde intensiver Bewegung gemacht, so wären sie – abgesehen von einer schweren Osteoporose, schwer kontrollierbarem Rheumatismus als Beispiele – nie pflegebedürftig geworden.

Es ist nachvollziehbar, dass in den laufenden Regierungsverhandlungen die Themen Pension, Gesundheit und Finanzierung des Pflegesystems eine wichtige Rolle spielen. Leider sind die angedachten Maßnahmen nur kosmetischer Natur. Es ist für unsere Zukunft völlig gleichgültig, wie viele Sozialversicherungen wir haben oder wer für die Steuerung der Spitäler zuständig ist. Es ist ebenso müßig, über die Anhebung des Frauenpensionsalters zu diskutieren, wenn viele Frauen, vor allem in den sozial benachteiligten Berufen, gar nicht gesund genug sind, um bis zum 65. Lebensjahr arbeiten zu können. Warum wird über den Pflegeregress diskutiert, aber überhaupt nicht darüber, wie wir Pflegebedürftigkeit reduzieren können.

Es bedarf einer radikalen Bewusstseinsänderung in unserer Bevölkerung, um unser Sozialsystem auch in Zukunft finanzieren zu können. Die Parole muss lauten: Schlank bleiben oder werden, nicht rauchen und viel bewegen. Tatsächlich gibt es nur Kampagnen gegen Raucherinnen und Raucher, gesunde Ernährung und Bewegung werden viel weniger beworben.

Gesunde Ernährung und Bewegung sind aber die wichtigsten Faktoren, die nachhaltig Krankheiten verhindern und die Pflegebedürftigkeit reduzieren können. Neben Bildung und Digitalisierung ist die Lebensstilveränderung unter dem Gesichtspunkt der Alterung unserer Gesellschaft die größte Herausforderung der Zukunft und damit auch einer neuen Regierung.

Eine neue Regierung ist gut beraten, mit einschneidenden Maßnahmen, die teilweise in die Autonomie der Menschen eingreifen könnten, notwendige Änderungen zu erreichen. Dazu könnten ein Bonus-Malus-System in der gesetzlichen Krankenversicherung zur Erreichung von Gesundheitszielen, eine Änderung des teuren Kurssystems weg von Rehabilitation zu Prävention mit Ergebniskontrolle, eine teilweise Finanzierung von Sportaktivitäten mit klaren Leistungszielen durch die Sozialversicherung und viele andere Maßnahmen beitragen. So könnten Milliarden eingespart werden, welche das Pensionssystem noch Jahrzehnte finanzierbar machen würden. Das ist allerdings ein Programm für die nächsten zwanzig Jahre, in fünf Jahren bei der nächsten Wahl kann man damit nicht punkten.

 

Strache als Sportminister

Sebastian Kurz ist noch jung. Vielleicht ist er bereit, über den Tellerrand der nächsten Wahl hinauszusehen und tatsächlich die Zukunft unseres Sozialsystems zu gestalten. Einem Zeitungsbericht ist zu entnehmen, dass Heinz-Christian Strache neben dem Vizekanzler auch Sportminister werden könnte. Wenn eine solche Position mit dem großen Bereich „Lebensstilveränderung“, das heißt gesunder Ernährung und Bewegung von der Wiege bis zur Bahre mit entsprechenden Kompetenzen, verbunden wäre, so könnte Strache viel zur Zukunft unseres Landes beitragen.

Ich bin sicher, dass der Herr Bundespräsident gegen einen Vizekanzler und „Sport-Lifestyle“-Minister Strache keine Einwände hätte. Als gute Vorreiter solcher Ideen könnten sich beide Herren in einem ersten Schritt das Rauchen abgewöhnen.

DER AUTOR

Univ.-Prof. Dr. Ernst Wolner(*1939 in Wien) studierte Medizin an der Universität Wien. 1981: ordentlicher Professor für Chirurgie, ab 1994 bis zur Emeritierung 2008: Vorstand der Abteilung Herz-Thorax-Chirurgie am AKH. Er war stellvertretender Vorsitzender des Wiener Landessanitätsrats und von 1996 bis 2004 Präsident des Obersten Sanitätsrats.

E-Mails an: debatte@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 21.11.2017)

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