Gastkommentar

Jemen: Der tödliche Preis der Blockade

Geschlossene Grenzen: Hilfsorganisationen können der leidenden Bevölkerung immer weniger helfen.

Die Entscheidung der von Saudiarabien angeführten Koalition, die Grenzen des Jemen für humanitäre Hilfe dichtzumachen, hat eine Zuspitzung der ohnehin unerträglichen Situation im Land zur Folge. Während die Zivilbevölkerung weiter unter den Folgen des Krieges leidet, nimmt diese Maßnahme die wenigen verbliebenen Hilfsorganisationen in einen Würgegriff.

Seit die Grenzen geschlossen wurden, kämpft Ärzte ohne Grenzen darum, weiter lebensrettende Hilfe im Jemen zu leisten: Flüge, die medizinische Spezialisten ins Land brachten, wurden eingestellt, Schiffe mit lebensrettenden Medikamenten und Hilfsgütern am Einlaufen gehindert. Zwar wurde angekündigt, dass die Blockade teilweise gelockert wird, es ist aber noch unklar, in welchem Ausmaß Hilfsorganisationen in den kommenden Wochen Zugang gewährt wird.

Um zu verstehen, wie dramatisch die Folgen für die Bevölkerung sind, muss man sich das Ausmaß des Leidens vor Augen führen. Mehr als zwei Jahre Krieg haben eine ganze Kaskade an tödlichen Folgen im ganzen Land bewirkt – von der beispiellosen Cholera-Epidemie bis hin zur gravierenden Ernährungskrise, die ländliche Regionen heimsucht. Hunderte Gesundheitszentren wurden beschädigt oder zerstört, ihrer medizinischen Vorräte beraubt oder vom Gesundheitspersonal verlassen, das seit über einem Jahr keine Gehälter erhalten hat.

 

Funktionierendes Spital

Vor einigen Wochen habe ich die Stadt Abs im Norden des Landes besucht, wo wir das einzige funktionierende Krankenhaus der Region unterstützen. Vor dem Konflikt hatte das Spital ein Einzugsgebiet von 100.000 Menschen – heute versorgt es eine Million.

Dort traf ich Fatma, ein neunjähriges Mädchen, das ausgemergelt und apathisch in ihrem lila Kleidchen dalag: Das Team hatte sie schon einmal wegen akuter Mangelernährung behandelt und ihr Leben durch eine Bluttransfusion gerettet. Nun war sie wieder da. Es war unklar, ob sie überleben würde.

Allein in der Woche bevor die Grenzen geschlossen wurden, kamen 980 Menschen in die Notaufnahme, 110 Operationen wurden durchgeführt, die Hebammen von Ärzte ohne Grenzen begleiteten zwanzig Geburten. Insgesamt leisten fast 1600 unserer Mitarbeiter Hilfe im Jemen, davon 82 internationale Einsatzkräfte. Doch es ist nicht genug.

 

„Kampfzonen meiden“

Trotz des immensen Hilfsbedarfs warnt die von Saudiarabien geführte Koalition humanitäre Organisationen jetzt, „Kampfzonen“ zu meiden, wodurch Tausende Menschen in den umkämpften Gebieten keinen Zugang zu Gesundheitsversorgung haben. Selbst das Krankenhaus in Abs, das unter dem Schutz des internationalen Völkerrechts steht, wurde im August 2016 von der Koalition angegriffen.

Alle Konfliktparteien tragen die Verantwortung für die aktuelle Krise. Die Blockade ist jedoch ein besonders schwerer Schlag für die Bevölkerung. Die Auswirkungen sind bereits spürbar: Treibstoffpreise sind in die Höhe geschnellt – Verletzte und Kranke können es sich nicht mehr leisten, in die Spitäler zu kommen. Medikamente werden knapp. Unser medizinisches Personal kann nicht mehr einreisen.

Die Blockade muss vollständig und langfristig aufgehoben werden, damit wir humanitäre Hilfe im Jemen leisten können. Die von Saudiarabien geführte Koalition hat eigentlich zugesagt, die Arbeit von Hilfsorganisationen zu ermöglichen. Dieses Versprechen muss gehalten werden.

Der Autor ist Präsident von Ärzte ohne Grenzen in Spanien und besuchte vor Kurzem den Jemen.

E-Mails an: debatte@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 24.11.2017)

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