Gastkommentar

Kuriose Festakte um Großrumänien

Vor 99 Jahren erfolgte die rumänische Vereinigung. Die Regierung kann mit den Feiern gar nicht früh genug anfangen.

Obwohl eigentlich erst 99 Jahre vergangen sind, hat Rumänien bereits mit allerlei pompösen Feierlichkeiten aus Anlass des hundertjährigen Bestehens von Großrumänien begonnen. Am 1. Dezember 1918 war in Alba Iulia (Karlsburg) die Vereinigung von Transsilvanien-Siebenbürgen, dem Banat sowie Bessarabien und der Nordbukowina mit dem Alten Regat von Moldova und der Walachei (Muntenia) vollendet worden.

König Ferdinand gilt als der Monarch der Großen Vereinigung (Marea Unire). Das, obwohl König Ferdinand als deutscher Prinz von Hohenzollern-Sigmaringen eher zurückhaltend reagierte, als Rumänien gegen Deutsche und Habsburger und neben der Entente in den Ersten Weltkrieg eintrat. Doch durch die kluge Politik der liberalen Regierung von Ion I. C. Bratianu kämpfte Rumänien an der Seite der Siegermächte.

Aus Dankbarkeit bekam das Land bei den Friedensverhandlungen in St. Germain und Trianon die vielfach von Rumänen bewohnten Territorien zugesprochen, was für die ungarische Seite bis heute äußerst schmerzlich ist. Denn vor allem im Osten Siebenbürgens, im Szeklerland, lebten viele Ungarn – bzw. Szekler, und leben auch heute noch dort.

 

Starkes BIP-Wachstum

Großrumänien bekam auch noch das sogenannte kleine Quadrilater – bei Warna, am Schwarzen Meer, von Bulgarien dazu, wo die berühmte Sommerresidenz Baltschik entstand. Großrumänien verlor dann nach 1940 durch den Molotow-Ribbentrop-Pakt 1939 Bessarabien und die Nordbukowina sowie den bulgarischen Teil; durch das Wiener Diktat verlor es auch Nord- und Ostsiebenbürgen an Ungarn.

Den Teil von Siebenbürgen bekam es nach dem Zweiten Weltkrieg wieder zurück, nachdem es ab dem 23. August 1944 die Waffen gegen seinen früheren Verbündeten Nazi-Deutschland gerichtet hatte.

Das Jahr der Marea Unire, also der Großvereinigung, wurde von der rumänischen Regierung bereits am 1. Dezember 2017 als Jahrhundertjahr ausgerufen, das ganze Land feiert mit. Die mit großer Mehrheit gewählte sozial-demokratische Regierung schwimmt derzeit in Geld. Rumänien verzeichnet eine Steigerung des BIPs von 8,4 Prozent, weit mehr als andere EU-Staaten. Grund dafür ist, dass die Regierung keine Investitionen tätigt.

 

Unbeliebter Staatspräsident

Das Gesundheits- und das Bildungswesen leiden am sichtbarsten. Anderseits hat man Gehälter und Pensionen in vielen Bereichen erhöht, dafür jedoch die Sozial- und Krankenversicherungen von den Nettogehältern abgezogen, wodurch die Arbeitnehmer weniger verdienen. Die Antikorruptionsbehörden haben alle Hände voll zu tun mit Anzeigen gegen politische Mandatare, auch gegen Parlamentarier; ein Verfahren läuft auch gegen den amtierenden sozialdemokratischen Parteichef, Liviu Dragnea.

Staatspräsident Klaus Johannis gilt als Gegner der gewählten Regierung, und er kritisiert öffentlich auch deren Wirtschaftspolitik. Er hat aber keinerlei Rückhalt in der breiten Öffentlichkeit und gilt allgemein als schwach und unbeliebt.

Die Jahrhundertfeiern – Anul Centenar – wurden mit einem kuriosen klassischen Konzert im Nationaltheater Bukarest eröffnet, bei dem internationale Opernsänger wie Piotr Beczała und Kristīne Opolais für je eine Puccini-Arie (warum?) und ein kurzes Duett mit fünffach erhöhten Gagen bezahlt wurden. Im halb leeren Zuschauerraum fanden nur geladene Gäste Einlass, wobei für „das Volk“ die Festveranstaltung live im TV übertragen wurde. Vor dem Nationaltheater demonstrierten etwa 30.000 Menschen gegen die Regierung.

Ioan Holender (geboren 1935 in Timişoara/Temeswar in Rumänien) war von 1992 bis 2010 Direktor der Wiener Staatsoper.

E-Mails an: debatte@diepresse.com

 

("Die Presse", Print-Ausgabe, 30.11.2017)

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