Gastkommentar

Nein, ein Plagiat zu begehen ist keine lässliche Sünde

Abschreiber und Dummschwätzer dürfen uns nicht die Kultur flachreden.

Als ich noch Professor in den USA war, musste ich einmal feststellen, dass eine meiner Studentinnen den größten Teil ihrer Seminararbeit aus dem Internet kopiert hatte. Sie flog sofort raus und wurde für das Studium an jeder anderen von der American Bar Association akkreditierten Law School gesperrt. Der Traum von der juristischen Karriere war ausgeträumt. Ich dachte damals: „Die Amis sind schon hart. Hätte eine Verwarnung nicht genügt?“

Unterdessen sehe ich die Sache anders. Ich halte die harte Linie für richtig. Es ist unerträglich, dass in unseren kulturellen Breiten ein Kerl wie Herr zu Guttenberg wieder politische Furore macht oder der ÖVP-Politiker Christian Buchmann von einem Posten zum anderen wechselt, obwohl ihm inzwischen sein akademischer Grad aberkannt worden ist. Auch der Ausgang von Bogdan Roščićs Plagiatsprüfungsverfahren nimmt mich nicht sehr für den künftigen Staatsoperndirektor ein.

Zugegeben, das Kopieren beschränkte sich auf fünf Seiten der Einleitung zur Doktorarbeit. Sie waren für die Approbation unerheblich. Jedenfalls fanden dies die Gutachter des Verfahrens, das deshalb auch zu seinen Gunsten ausging. Es sei Roščić gegönnt. Aber ein übler Nachgeschmack bleibt. Wer sich in der Philosophie Adornos kundig gemacht hat, dem sollte es doch ein Leichtes sein, die Leser in die Arbeit einzuführen. Welche Mischung aus Bequemlichkeit und mangelndem Selbstvertrauen schlägt einem hier entgegen?

 

Zwei fragwürdige Signale

Roščićs Arbeit liegt lange zurück, das Vergehen war geringfügig. Aber das grundsätzliche Problem bleibt bestehen. Wenn man das Plagiat als eine lässliche Sünde abtut und für die weitere Karriere als unerheblich erachtet, sendet man zwei fragwürdige Signale aus: Zum einen wird zu verstehen gegeben, dass Schummeln nichts Schlimmes ist. Solange man nicht erwischt wird, darf es sich auszahlen. Es geht um den akademischen Grad, nicht um das Wissen. Mit dieser Toleranz für Unehrlichkeit schafft man falsche Vorbilder. Ich frage mich: Wo schummeln solche Leute sonst noch? Bei den Bilanzen? Verkaufszahlen? Bei dem, was sie den Wählern weismachen?

 

Mit Umsicht und Strenge

Zum anderen bedeutet es, dass das Abschreiben wenigstens im akademischen Bereich als nicht gravierend gilt. Was ist schon eine wissenschaftliche Arbeit!

Wie bitte? Studierende sollen damit ihre Fähigkeit unter Beweis stellen, jene Expertise zu produzieren, von der das Funktionieren unserer Gesellschaften auf Gedeih und Verderb abhängt. Wer Abschreiben durchgehen lässt, setzt unser Wohlergehen aufs Spiel.

Man mag mir erwidern wollen: „Aber Herr Professor! Es gibt doch diese ,rein‘ akademischen Fächer: die Philosophie, die Theologie, die Historie. Dort geht's doch um nichts.“ Im Gegenteil! Es geht um viel mehr. Von den Grundlagen der Arithmetik bis zum Subjektwerden des Menschen (Adorno) werden Fragen erörtert, die uns Menschen über die biologische Sphäre hinausragen lassen.

Es geht eben nicht bloß um Sex, Gesundheit oder „Kohle“, sondern um das, was wir ohne Rücksicht auf seinen Nutzen wissen müssen. Auf diesen Gebieten ist besondere Umsicht geboten. Mit Strenge ist darauf zu achten, dass die Abschreiber und Dummschwätzer uns nicht die Kultur flachreden oder durch Kopieren verlangweilen.

Univ.-Prof. Alexander Somek lehrt Rechtsphilosophie und Methodenlehre der Rechtswissenschaften an der Rechtswissenschaftlichen Fakultät der Uni Wien.

E-Mails an: debatte@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 30.11.2017)

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