Replik

Populäres Zerrbild: Wer brav zitiert, wird promoviert

Die jetzige Plagiatsdebatte bringt nicht viel Neues. Deshalb: Zurück an die Arbeit!

Alexander Somek hat recht. Plagiate sind keine lässliche Sünde, wie er in seinem Gastkommentar vom 30. November schreibt. Und es ist wichtig, Konsequenzen gesetzt zu sehen in jenen Fällen, in denen Autorinnen und Autoren wissenschaftlicher Qualifikationsarbeiten gravierende Verfehlungen anzulasten sind: in der Politik, im Kulturbetrieb, in Wirtschaftsunternehmen.

Aber lassen wir einmal die Kirche im Dorf: Someks Ausführungen sind eindrücklich, der Sache nach neu sind sie nicht. Wir wissen das, wir hören (und lesen) es oft. So oft, dass die Plagiatsdebatte eine beinah exklusive Position beanspruchen kann, wenn es um gute wissenschaftliche Praxis in der öffentlichen Diskussion geht.

Das provoziert die allgemeine Wahrnehmung, dass wissenschaftliche Arbeit wesentlich erfolgreicher Plagiatsvermeidung entspricht: Wer brav zitiert, wird promoviert.

Damit wird ein wirkmächtiges Zerrbild gezeichnet. Breit geäußerte öffentliche Erregung und leichtfertig geäußerter Verdacht (Momente, die sich nicht selten mit Schadenfreude paaren, die seit jeher den Fall von Mächtigen begleitet) tun das ihre, es zu vervollständigen. Verunsicherung greift um sich; an den Universitäten, bei den Studierenden. Fehlervermeidung wird zum vordringlichen Anliegen.

 

Umwertung der Werte

Dem folgt eine Umwertung der Werte: Die drängendste Frage, die beinahe jeder Diplomarbeitsthemenzuteilung in meiner Sprechstunde folgt, lautet nicht: Welche methodische Herangehensweise soll ich wählen? Welche Perspektive soll ich einnehmen? Ist meine argumentative Basis tragfähig? Sie lautet: Wie muss ich zitieren, damit ich nicht in den Verdacht komme, zu plagiieren?

Das zeugt nicht nur von einer fragwürdigen Prioritätensetzung, sondern von einem grundlegenden Missverständnis, was die Funktion von Zitaten in akademischen Abhandlungen anlangt: Zitate dienen, zumal in den Geisteswissenschaften (und rechnen wir die Rechtswissenschaft einmal großzügig mit ein), nicht dazu, Plagiate zu vermeiden. Sie dienen dazu, eigene Argumente und Positionen in einem relevanten Diskurs zu verorten.

 

Botschaft ist angekommen

Erst über diese Verortung wird der eigene Beitrag zur kollektiven Anstrengung, die akademische Forschung ausmacht, nachvollziehbar. Erst über diese Verortung kann die eigene intellektuelle Leistung Wissenschaftlichkeit (ein großes Wort, das allzu oft leichtfertig verwendet wird) beanspruchen.

Das Zitat ist damit alles andere als Selbstzweck. Vielmehr kommt ihm rein instrumentelle Funktion zu: Es ist notwendige, aber keineswegs zureichende Bedingung wissenschaftlicher Tätigkeit und des Erkenntnisfortschritts, den sie bringen soll.

Dieser Erkenntnisfortschritt schöpft, soll er seinem Namen gerecht werden, kaum aus der (als selbstverständlich zu erachtenden) Fähigkeit, an der richtigen Stelle Anführungszeichen und Fußnoten zu setzen oder aus der (ebenso als selbstverständlich zu erachtenden) Fertigkeit, Gedanken zu reformulieren, die bereits Akademikergenerationen vor uns reformuliert haben. Dieser Erkenntnisfortschritt schöpft aus Eigenschaften wie Begeisterungsfähigkeit, Neugierde, Fleiß, Ausdauer, Leidenschaft, Idealismus, Fantasie und eben auch: Mut.

Diese Eigenschaften sollten in der öffentlichen Debatte in den Vordergrund gerückt werden, statt das öffentlich gezeichnete Zerrbild von Wissenschaft als erfolgreiche Bewältigung der Fährnis korrekter Fußnotensetzung zu forcieren. Die Botschaft ist angekommen. Machen wir uns wieder an die Arbeit.

Christoph Bezemek ist Professor für Öffentliches Recht an der Universität Graz.

E-Mails an: debatte@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 07.12.2017)

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