Gastkommentar

Butowo – oder: Das Grauen unter der russischen Erde

Eine Konferenz als Anstoß zur Selbstreinigung der russischen Gesellschaft – 100 Jahre nach der Oktoberrevolution.

Blick zurück ins Jahr 1974, mitten im Kalten Kriegder Supermächte. Butowo, am südlichen Stadtrand von Moskau, wo man für ausländische Autotouristen einen Campingplatz eingerichtet hat. Hohe Birkenbäume, das Gras gemäht. Kleine, befestigte Wege zwischen den Zeltplätzen. Außerhalb des bewachten Zaunes ein kleines Vorstadtdorf mit ärmlichen Holzhütten und einer kaum asphaltierten Straße. Butowo ist heute bereits ein Stadtteil von Moskau.

Auch wir sind mit dem VW-Käfer und einem kleinen Zwei-Mann-Zelt gekommen. Das Intourist-Büro – oder soll man besser sagen: das KGB – weist uns einen Platz zu. Groß, schattig. Hier lässt es sich angenehm einige Nächte schlafen.

Was wir damals nicht ahnen können, gehört wohl zum Perfidesten, was sich das sowjetische System ausgedacht hat: Die Anlage eines internationalen Campingplatzes auf Massengräbern. Wir schlafen buchstäblich auf den Zehntausenden Knochen von Opfern des Großen Terrors der 1930er-Jahre. Nur wenige Steinwürfe entfernt hatte man über 20.000 unschuldige Menschen in lang gezogenen Massengräbern und in Erdfurchen verscharrt.

 

Russlands Golgatha

Viele wurden als Tote hierhergekarrt, viele erst hier erschossen und in frisch ausgehobene Gruben geworfen, an manchen Tagen über 500 Menschen. Exekutiert vor allem von Wassili Blochin, „Stalins Henker“. Später hat er sich auf dem Donskoi-Friedhof neben seinen Opfern bestatten lassen. Butowo: ein Golgatha Russlands.

Die Errichtung einer großen Gedenkstätte vor ein paar Jahren, vor allem aber die wissenschaftlich exakte Aufarbeitung des Großen Terrors unter Stalin gehört zu den wichtigsten Ergebnissen zahlreicher Gedenkveranstaltungen zum 100. Jahrestag der Russischen Revolution von 1917. Die russische Datenbank zu den „Opfern des politischen Terrors in der UdSSR“ umfasst bisher 2,4 Millionen Menschen. Sie wurde bei der dreitägigen internationalen Konferenz „Die Lehren des Oktober und die Praktiken des sowjetischen Systems“ in Moskau der Öffentlichkeit präsentiert.

 

Opfer kriegen wieder Namen

Zu den in der Datenbank verzeichneten Menschen gibt es Personalangaben, die Anklagepunkte, die Aburteilung, Todesdatum und Grablage. Die Datenbank wird täglich größer. Wohl 20 Millionen werden es am Ende werden. Eine Ausstellung zum Großen Terror im Staatsarchiv ergänzt die Bürokratie der stalinistischen Tötungsmaschinerie.

Damit gibt man den Opfern, die aus dem kollektiven Gedächtnis vollständig getilgt und jede Erinnerung an sie gelöscht werden sollten, wieder ihren Namen, ihr Gesicht zurück.

Was Andrej Sorokin, Direktor des ehemaligen Parteiarchivs der KPdSU im Rosarchiv (Leitung: Andrej Artisow), Alexander Drosdow, Chef des Jelzin-Zentrums und finanzieller Förderer des Projekts, Sergej Mironenko, wissenschaftlicher Leiter des Staatsarchivs, Michael Fedotow, Präsidentenberater für Menschenrechte und vor allem Arseni Roginskij, der langjährige Leiter der Menschenrechtsorganisation Memorial, damit auf die Beine gestellt haben, hat nicht nur uns, die wir einst in Butowo nichtsahnend auf den Knochen der Ermordeten übernachtet haben, neue Hoffnung gegeben.

Die Tagung mit 103 Referenten aus über 15 Staaten, darunter den USA, Großbritannien, Russland, Deutschland, Frankreich, Italien und Österreich, hat zum ersten Mal in dieser internationalen Breite die Realitäten des Sowjetsystems zwischen 1920 und den 1950er-Jahren aufgedeckt.

Nahezu kein Tabuthema der Sowjetgeschichte wurde ausgelassen: Lenins Politik mit dem Aufbau des Terrorapparats und der Zerstörung einer Demokratie in Kinderschuhen, die Zwangskollektivierung, die Millionen Bauern – vor allem in der Ukraine– das Leben kostete, Stalins Führerdiktatur, innere Machtkämpfe, die orthodoxe Kirche zwischen Verfolgung und Anpassung, die Verfolgung von Minderheiten wie Juden, Deutschen, Kalmücken und der fernöstlichen, kleinen Völkerschaften, das Stalin-Projekt des Aufbaus einer katholischen Kirche in Litauen ohne Vatikan oder eben der Große Terror der 1930er-Jahre.

 

Der Mantel des Schweigens

Auch über die Gräber in Butowo war der Mantel des Schweigens gebreitet worden. Fremde Menschen wurden hierhergesiedelt, die Archive der „Organe“, von NKWD und Staatssicherheit, die alles minutiös verzeichnet hatten, gesperrt. „Aufbewahren auf ewig“ stand gedruckt auf den Deckeln der Tausenden Aktenordner. Jeder für sich voll mit Tausenden Schicksalen von Dichtern, Intellektuellen, der frühen Parteieliten, von sogenannten Trotzkisten, irgendwelchen Abweichlern, Wissenschaftlern oder einfachen Arbeitern und Bauern.

Niemand sollte je erfahren, was wirklich geschehen war, welches Grauen sich unter der Erde verbarg, unter den Wurzeln der neu gesetzten Birken, in deren Schatten nun die Zelte der Ausländer standen.

Russland, so scheint es, macht – nach den Arbeiten und Werken Pasternaks, Solschenizyns, Schalamows oder Lichatschows – einen neuen Anlauf, sich seiner düsteren, blutigen Geschichte zu stellen. Hundert Jahre nach der Revolution, die am Beginn des Sowjetsystems stand, ein notwendiger und wichtiger Schritt zur Katharsis der russischen Gesellschaft.

E-Mails an: debatte@diepresse.com

DER AUTOR



Univ.-Prof. Dr. Stefan Karner (*1952 in St. Jakob/Völkermarkt) studierte Geschichte und Slawistik an der Uni Graz, 1985: Habilitation. Forschungsschwerpunkte sind die Zeitgeschichte Österreichs, Mittelost- und Osteuropas sowie die Geschichte der Sowjetunion. 1993: Gründung des Ludwig-Boltzmann-Instituts für Kriegsfolgenforschung. [ Fabry ]

("Die Presse", Print-Ausgabe, 21.12.2017)

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