Gastkommentar

Hilfe, mein Kind soll in die „Poly-Schule“

Die polytechnische Schule lediglich als Zwischenlösung zum Parken unserer Kinder? Was für ein Armutszeugnis!

Die Idee hinter der polytechnischen Schule (PTS) wäre im Grunde eine gute – in der Realität ist die PTS aber oft zu einer Notlösung verkommen, die Betroffene nicht unterstützt, sondern frustriert!

Aktuell wird wieder über Bildungsreformen diskutiert. Bleibt abzuwarten, was die neue Regierung wirklich zustande bringt. So oder so darf im Rahmen der Großbaustelle „Österreichisches Bildungssystem“ keinesfalls auf die PTS vergessen werden – auch wenn diese seit Jahren an Schülerschwund leidet. Denn wie Betroffene selbst konstatieren, landen häufig jene an der PTS, die keine anderen Optionen haben. Keine Schule, egal, in welchem Alter das Kind ist, sollte aber ein „Aufbewahrungsort“ sein, lediglich, um Zeit abzusitzen.

Die PTS, ein österreichisches Spezifikum, hätte durchaus eine gute Zielsetzung, nämlich „die Allgemeinbildung der Schüler in angemessener Weise zu erweitern und zu vertiefen, durch Berufsorientierung auf die Berufsentscheidung vorzubereiten und eine Berufsgrundbildung zu vermitteln“ (§ 28 SchOG). Vor allem aus Sicht eines Unternehmers klingt das hervorragend – haben wir doch in Österreich an einem eklatanten Fachkräftemangel zu leiden. Das kostet uns Unternehmer Aufträge, Wertschöpfung – und in der Folge auch Jobs.

 

Ahnungslos in die Zukunft

Vor Kurzem habe ich zwei PTS-Klassen die Lehren Mechatroniker und Metalltechniker präsentiert. Ich habe die Schülerinnen und Schüler gefragt, wie viele von ihnen eigentlich schon wissen, welche Richtung sie in der Lehre einschlagen wollen. Wenn es hochkommt, hatten zehn Prozent eine Vorstellung. Rund die Hälfte davon hatte eine Lehrstelle in Aussicht. Eine Ahnung über die eigenen Stärken und Schwächen, über die eigenen Potenziale, hatte – gefühlt – niemand.

Nun bin ich auch Vater. Eines meiner Kinder wäre perfekt geeignet für eine Lehre – aus eigenem Interesse, und weil ich als Unternehmer weiß, dass Lehrberufe in der Industrie immer wieder der Grundstein für tolle Karrieren – bis hin zum Vorstand – sein können. Ich will mein Kind unterstützen – und frage mich wie so viele betroffene Eltern: Wie kann ich dieses Jahr überbrücken, das im „Poly“ offenbar nur verlorene Zeit ist?!

 

Falsche Bildungspolitik

Die Direktorinnen und Direktoren, Lehrerinnen und Lehrer trifft keine Schuld – sie sind oft selbst Opfer der suboptimalen Ausgestaltung des Systems. Immerhin: Eine Voraussetzung für den Besuch des „Polys“ gibt es nicht. Und wer keine Lehrstelle findet kann auch gleich noch ein zehntes freiwilliges Schuljahr im „Poly“ verbringen. Eine Schulform als „Zwischenlösung“ zum Parken der Kinder?

Wir lassen die Potenziale unserer Kinder verkümmern. Experten beklagen seit Langem, dass die Schule es sogar schafft, Kindern ihre angeborene Neugier und Wissbegierde auszutreiben. Das „Poly“ mag ein Minderheitenprogramm sein – aber es ist ein deutlich sichtbares Symbol einer falschen Bildungspolitik. Wundert sich irgendwer, dass „Poly“ und Lehre teils ein fragwürdiges Image haben? Abschaffen, neu ordnen, in die BMS integrieren – Expertenvorschläge gäbe es genug. Alles wäre besser als der Status quo.

Die duale Ausbildung wird international gefeiert, wir selbst aber vergessen offenbar, welches Potenzial in diesem System vorhanden wäre. Ideen gibt es genug – Stichworte Lehre mit Matura, mehr Durchlässigkeit, Professionalisierung der Berufsberatung. Passieren tut bisher wenig. Jedes Jahr starten daher Jugendliche unvorbereitet und frustriert ins Berufsleben – noch bevor sie überhaupt volljährig sind. Ein Armutszeugnis für Österreich.

Andreas Wimmer ist seit dem Herbst 2017 neuer Bundesvorsitzender der
Jungen Industrie.

E-Mails an: debatte@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 28.12.2017)

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