Gastkommentar

Schlechtes Gewissen ist kein guter Ratgeber

Europa, Afrika und die Migrationsdebatte: Können die Fluchtursachen durch verstärkte Unterstützungsleistungen aus der EU angepackt werden? Sicher ist nur: Eine nachhaltige Strategie bleibt die große Herausforderung.

Weihnachtszeit ist Spendenzeit – wir versichern uns unserer Menschlichkeit. Gleichzeitig erhitzt die Migrationsdebatte auch im Winter die Gemüter. Was liegt da näher, als unsere Empathie mit dem Ziel zu verbinden, die Fluchtursachen in Afrika nachhaltig anzugehen?

Moralisch scheint die Sache eindeutig: In weiten Teilen des Kontinents herrschen miserable Bedingungen. Wir sind – so die Grundannahme – verantwortlich: wegen des Kolonialismus einst, einer ungerechten Weltordnung und unseres Lebensstils heute; Lebensmitteldumping und Landraub zerstörten Agrarstrukturen, Waffenexporte heizten lokale Konflikte an, Schutzzölle schotteten Europas Märkte ab, nur Afrikas Bodenschätze würden geplündert.

Aber ein schlechtes Gewissen ist selten ein nützlicher Ratgeber. Auch im Entwicklungsdiskurs ist das Gegenteil von gut manchmal nur gut gemeint.

 

Marshallplan für Afrika?

Nichtregierungsorganisationen wie Care oder Horizont 3000 leisten mit hoch motiviertem Personal Pionierarbeit jenseits unserer Komfortzone – oft finanziert durch Spenden. Entwicklungshilfe sei die Umverteilung des Geldes der Armen aus den reichen Ländern an die Reichen aus den armen Ländern, ätzte der Ökonom Peter Bauer. Was stark verkürzt ist: Bei der Ausrottung von Geiseln wie Polio oder Pocken war die Entwicklungshilfe nachweislich erfolgreich. Gerade mit NGO- und UNO-Unterstützung ist die Mütter- und Kindersterblichkeit in den vergangenen Jahren rasant gesunken – was auch bedeutet, dass sich in 25 Jahren die Bevölkerung Afrikas verdoppelt hat. Nun will auch die westafrikanische Wirtschaftsgemeinschaft Ecowas die Geburtenrate bis 2030 auf drei Kinder pro Frau drücken.

Das Schlagwort eines „Marshallplans für Afrika“ macht weiter die Runde. Seit 1960 allerdings floss die Summe von sechs Marshallplänen nach Afrika, merkt der Ghanaer George Ayittey an. Der Löwenanteil an Geldern ging nicht in nachhaltige Projekte, sondern in Zuschüsse für – gelinde gesagt – korruptionsanfällige Autokraten.

Europa stellt sich gern selbst an den Pranger. Wir fühlen uns für alles schuldig, was nicht gut läuft. Doch die zu Recht kritisierten EU-Agrar-Exportsubventionen nach Afrika gibt es nicht mehr. Die neuen, asymmetrischen Wirtschaftspartnerschaftsabkommen ermöglichen nur Afrika, nicht aber der EU Marktschutzmaßnahmen – etwa Zölle oder Verbote für Geflügelimporte.

Lange war die EU der wichtigste Projektansprechpartner Afrikas. Heute thematisieren wir wie ein Mantra das Übel Globalisierung, ja das Ende des Kapitalismus, statt seine Erfolge und Möglichkeiten zu diskutieren, beobachtet Hans Stoisser, Entwicklungsexperte mit jahrzehntelanger Afrika-Erfahrung: Die Entwicklungszusammenarbeit sei die letzte Bastion der Planwirtschaft. „Wir glauben, mit Slogans wie ,Lokal statt Global‘ die komplexen Herausforderungen unserer Zeit bewältigen zu können“, warnt Stoisser.

 

Abseits des Welthandels

Marktwirtschaft und Globalisierung haben in Südostasien nicht Elend geschaffen, sondern abgefangen: Statt Entwicklungshilfe haben Investitionen und eine gesunkene Geburtenrate zu einem massiven Rückgang der Armut geführt. Afrika ist nicht wegen der Globalisierung zurückgefallen, sondern weil der Welthandel am Kontinent vorbeifließt. Sein Anteil betrug vor 70 Jahren fast acht Prozent, heute nur noch ein Viertel, ohne Ölländer und die Republik Südafrika gar nur 0,8 Prozent.

Afrika ist in der Rohstofffalle gefangen: Einseitige Ressourcenschürfung bedeutet Bereicherung lokaler Eliten und wirtschaftliche Stagnation. „Faire Preise“ allein ändern daran wenig. 200 Millionen junge Afrikaner suchen in den kommenden zehn Jahren Jobs – laut McKinsey sind aber in fünf Jahren kaum 20 Millionen neue Arbeitsplätze entstanden.

Wer heute von der Entwicklung in Afrika spricht, spricht von der Volksrepublik China. Peking investiert – nicht uneigennützig – in Afrika mittlerweile mehr als EU und USA zusammen. Autokratisch regierte Länder wie Äthiopien oder Ruanda nehmen die Angebote gerne an und verweisen auf neue Straßen, Bahnlinien, Häfen. „China repräsentiert eine außergewöhnliche Herausforderung für das westliche Modell“, meint der indische Essayist Pakaj Mishra: „Entwicklung wurde ohne Demokratie erreicht.“

 

Investitionen statt Almosen

Europa bleibt in Afrika zögerlich, obwohl die EU verstärkt Risikobürgschaften für Investitionen übernimmt. Mit Know-how etwa bei Wasser, Abwasser, Müll, Energie hätten die „hidden champions“, mitteleuropäische, auch österreichische Mittelbetriebe große Chancen. Von deutschen Exporten landen kaum zwei Prozent in Afrika, die Hälfte davon in Südafrika. Ausländische Unternehmen sind in Afrika meist attraktivere Arbeitgeber als einheimische.

Die Vernetzung mit lokalen Start-ups eröffnet Chancen, Cluster entstehen. Subsahara-Afrika hat heute 800 Millionen Mobiltelefonanschlüsse, bei gut 900 Millionen Einwohnern. Drei Viertel verwenden die Geräte für neue Leistungen: Das in Kenias Tech-Hub „Silicon Savannah“ mitentwickelte Mobil-Zahlungssystem M-Pesa revolutionierte das Leben vieler und wird zu einem Exporthit. M-Farm macht Bauern durch Informationen über Marktpreise in Echtzeit weniger abhängig von Zwischenhändlern.

 

Begegnung auf Augenhöhe

Konsumverzicht allein wird die Rettung der Welt ebenso wenig bewerkstelligen wie reine Finanzhilfen für Türsteher Europas in Afrika. Die oft zitierte Begegnung auf Augenhöhe darf auch Korruptionsbekämpfung und Rechtsstaatlichkeit verlangen. Verbesserte Bildungssysteme sind für die Standortattraktivität ebenso unabdingbar wie für ein langsameres Bevölkerungswachstum.

Was uns in Europa aber nicht die politische und technische Mitverantwortung für globale Herausforderungen abnimmt: beim Klimaschutz, bei Regeln zu Steuer- und Kapitalflucht – gerade in Afrika ein Imperativ; oder beim modernen Dreieckshandel: afrikanische Rohstoffe für asiatische Hochtechnologie für europäische Abnehmer, etwa beim Coltan- oder Kobalt-Abbau für den globalen Hunger nach Mobiltelefonen und leistungsstarken Batterien.

Die europäischen Konsumenten und die Zivilgesellschaft sind ebenfalls gefordert, durch Beharren auf Umwelt- und Verhaltenskodizes. Auch die asiatischen Unternehmen müssen mit ihren lokalen Zulieferern in die Pflicht genommen werden.

Isolation bringt selten Lösungen. In der Migrationsdebatte heben wir selbst innereuropäisch neue physische und mentale Gräben aus. Aber es braucht auch einen Abschied von Illusionen: Leicht wachsender Wohlstand bremst den Wanderungsdruck kaum ein. Europa hat das Recht und die Pflicht, Migration auch zu steuern.

E-Mails an: debatte@diepresse.com

DER AUTOR

Gunther Neumann (*1958 in Linz) studierte Geschichte und Anthropologie in Wien. Er arbeitete 20 Jahre lang in leitender Position für die EU, UNO und Rotes Kreuz bei Entwicklungs- und Demokratieprojekten in Afrika und Asien mit und war Vizedirektor bei der OSZE. Heute: Vizepräsident des Kelman Institute for Interactive Conflict Transformation.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 29.12.2017)

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