Gastkommentar

Kann Lesbos noch viel schlimmer sein als Mossul?

Die Flüchtlinge im überfüllten Lager Moria auf der griechischen Insel Lesbos fühlen sich von Europa im Stich gelassen.

Als Psychologin war ich bereits wiederholt mit Ärzte ohne Grenzen in Krisengebieten unterwegs. In Sierra Leone habe ich nach dem Ebola-Ausbruch mit Überlebenden und Menschen, die nahe Angehörige durch das tödliche Virus verloren hatten, gearbeitet. Die Leute waren durch das, was sie erleben mussten, belastet, konnten aber damit umgehen. Nachbarn und Familien waren füreinander da. Sie haben Familienmitglieder, Freunde und oft auch ihr Zuhause verloren, jedoch blieben ihre sozialen Strukturen weitgehend intakt. Dadurch konnten sie mit ihrem eigenen Trauma umgehen.

Im Libanon behandelte ich Patienten und Patientinnen, die den Horror des syrischen Konflikts erlebt haben und diesem entfliehen konnten. Das Flüchtlingslager, in dem sie untergebracht waren, war sehr einfach ausgestattet. Es verfügte über nahezu keine Strom- und Wasserversorgung, aber es gab doch eine Struktur. Es sah nicht wie ein Gefängnis aus, und die Menschen konnten ihre Grundbedürfnisse stillen.

 

Neugestaltung des Lebens

Anfang 2017 war Mossul im Nordirak ein schrecklicher Ort. Es war überhaupt das Schlimmste, was ich bis dahin gesehen hatte. Die Menschen, die ich traf, waren auf der Flucht vor dem IS und den Kampfhandlungen zur Rückeroberung der Stadt. Viele waren traumatisiert durch das, was sie erlebt hatten. Als sie jedoch das Behandlungszentrum von Ärzte ohne Grenzen erreichten, fühlten sie sich sicher. Sie waren glücklich, überlebt zu haben und fürchteten nicht mehr um ihr Leben – sprachen also auf die psychologische Behandlung an.

Menschen brauchen in der Regel nicht viel, um sich zu normalisieren und Stabilität zu finden. Wenn sie Sicherheit verspüren und beginnen, sich selbst und Aktivitäten zu organisieren, dann können sie sich auch mit ihrem Trauma auseinandersetzen. Dadurch wird eine Neugestaltung ihres Lebens möglich – selbst wenn sie in einem Flüchtlingslager leben.

Die Basis dafür fehlt aber in dem griechischen Flüchtlingslager in Moria zur Gänze. Moria steht für Chaos. 2015 wurde der ehemalige Militärstützpunkt auf der griechischen Insel Lesbos adaptiert, um 2000 Menschen unterzubringen. Derzeit leben rund 7000 Personen im überfüllten und von Stacheldraht eingezäunten Flüchtlingslager. Die Zäune erinnern dabei an ein Hochsicherheitsgefängnis. Die Menschen, die in Moria untergebracht sind, kommen mehrheitlich aus Syrien und dem Irak – zwei Drittel von ihnen sind Frauen und Kinder.

Die Menschen haben das Gefühl, dass sie um Grundlegendes wie etwa sauberes Wasser, warme Kleidung und anständige Zelte kämpfen müssen. Sie haben sich außerhalb von Mossul sicherer gefühlt als in Moria. Der Grund dafür sind vor allem die Zäune, die Polizei sowie die Angst davor, was mit ihnen noch geschehen wird. Männer, Frauen und Kinder leben in täglicher Angst vor sexuellen und gewalttätigen Übergriffen sowie vor einer Abschiebung. Zugang zu Rechtshilfe ist nur beschränkt vorhanden. Psychologische Hilfe wird nur in der fünf Kilometer entfernten Klinik von Ärzte ohne Grenzen angeboten.

Ich habe noch nie so schlimme Zustände erlebt wie in Moria. Die Behandlung von Menschen, die in der Vergangenheit Opfer sexueller Gewalt wurden und jetzt Traumata erleben, hätte in Österreich eine hohe Priorität. In Moria ist die Warteliste sehr lang und der Bedarf an psychologischer Hilfe aufgrund der dramatischen Erlebnisse enorm. Dadurch haben die Menschen kaum eine Chance auf eine psychotherapeutische Behandlung. Ebenso ist die Zahl an Folter- und Vergewaltigungsopfern sowie jener, die selbstmordgefährdet sind oder sich selbst Verletzungen zufügen wollen, sehr hoch.

 

Vorsätzliche Abschreckung

Die Menschen, die in Moria leben, sind vor unvorstellbarem Leid geflüchtet und haben eine lange, gefährliche Reise hinter sich. Sie kamen voller Hoffnung, endlich in Europa angekommen zu sein. Plötzlich aber landeten sie in einem überfüllten Flüchtlingslager mit unmenschlichen Lebensbedingungen und in Ungewissheit, was mit ihnen geschehen wird.

Was es für mich so schwierig macht, ist der Umstand, dass all das vermeidbar wäre. Die europäischen Regierungen haben Moria vorsätzlich vernachlässigt, um Menschen, die eine Reise nach Europa erwägen, abzuschrecken. Dieser Plan ist jedoch gescheitert. Die Zahl an Neuankömmlingen – im November 2017 waren es täglich durchschnittlich 100 Personen – hat sich nicht verändert. Europa hat grob unterschätzt, wie verzweifelte Menschen handeln.

Der vielleicht einzige positive Aspekt von Moria ist, dass Menschen, die einen Selbstmordversuch planen, keinen Platz beziehungsweise keine Privatsphäre haben, um diesen zu begehen.

 

Ein Stück Menschlichkeit

Beim Versuch, sich selbst zu verletzen, werden sie häufig von vorbeigehenden Personen gestoppt. Beispielsweise hat ein junger syrischer Mann* versucht, sich im Außenbereich des Containers, in dem er übernachtete, zu erhängen. Er wurde von einem älteren, somalischen Mann, der ihn beim Selbstmordversuch gestoppt hatte, zum Gesundheitszentrum von Ärzte ohne Grenzen gebracht. Nun kommen die beiden Männer gemeinsam zu den vereinbarten Behandlungsterminen, und der Ältere von beiden achtet darauf, dass die Medikamente regelmäßig eingenommen werden.

Hassan, ein Mann aus Syrien, hat im Krieg seine Söhne verloren. Er teilt sein Zelt mit einem jungen Iraker, der an einer psychischen Erkrankung leidet. Das Team von Ärzte ohne Grenzen fragte Hassan, ob er aufpassen könne, dass der junge Mann seine Medikamente einnimmt. Nun kommt er wöchentlich, um für ihn die Medikamente abzuholen. Hassan, der selbst viel Leid erlebt hat, kümmert sich jetzt so um den jüngeren Mann, als wäre er sein Sohn.

Es ist diese Art von Menschlichkeit, die mir ein wenig Hoffnung für die Männer, Frauen und Kinder gibt, die wie Kriminelle behandelt werden und von Europa im Stich gelassen werden – und das nur, weil sie in Sicherheit leben möchten.

Dieses Stück Menschlichkeit und die Hilfe von Ärzte ohne Grenzen ist aber nur ein Tropfen auf dem heißen Stein. Und keine dauerhafte Lösung. Das Einzige, was den Menschen helfen kann, ist eine Übersiedlung aufs Festland.

 

Erhöhter Stresslevel

Momentan führen die katastrophalen Lebensumstände zu einer Verschlimmerung der psychischen Erkrankungen sowie zu einem erhöhten Stresslevel. Der Mangel an Stabilität, an Ruhe und Routine und der richtigen Behandlung hält viele Menschen in einem ständigen Angstzustand.

Solange keine Änderung erfolgt, werden weiter Menschen unter dieser grausamen europäischen Abschreckungstaktik leiden.

* Die Namen und Nationalitäten der zwei erwähnten Patienten wurden geändert. Sie stehen repräsentativ für die Patienten, welche von Teams von Ärzte ohne Grenzen in Lesbos behandelt werden.

DIE AUTORIN

Monika Gattinger ist klinische Psychologin und Psychotherapeutin, spezialisiert auf Psychotraumatologie, Krisenintervention und Akutpsychologie. Sie war über 40 Jahre in Österreich beruflich aktiv. Seit sie in Pension ist, ist sie regelmäßig mit Ärzte ohne Grenzen im Einsatz, so im Irak, im Libanon, in Sierra Leone, in der Ukraine, in Pakistan und in Griechenland.



E-Mails an: debatte@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 31.01.2018)

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