Gastkommentar

Trübe Machtspiele auf dem Rücken der Kurden

Soll die türkische Militäroffensive gegen die nordsyrische Provinz Afrin den Weg für die Rückkehr des Assad-Regimes bereiten? Aus Sicht Ankaras und Moskaus wäre dies ein erster Schritt, um wieder ganz Syrien zu beherrschen.

Nach knapp einem Monat Beschießung, Bombardierung und Infanterieangriffen steht fest, dass die türkische „Operation Olivenzweig“ gegen die nordsyrische Kurdenenklave Afrin weniger erfolgreich verläuft als geplant. Weder hat die Kampfmoral bei den Einheiten der Kurdenmiliz YPG noch der Widerstandswille der überwiegend kurdischen Zivilbevölkerung nachgelassen.

Zudem fällt es den Türken mit Fortdauer der Kampfhandlungen immer schwerer, auf internationaler Ebene das Narrativ von der legitimen Selbstverteidigung aufrechtzuerhalten. Auf nationaler Ebene hält dank Selbstzensur der Hurrapatriotismus jedoch weiter an, sodass Präsident Recep Tayyip Erdoğan nicht so schnell unter Druck geraten dürfte.

 

Gründe für die Afrin-Offensive

Die Gründe für die „Operation Olivenzweig“ sind zunächst strategischer Natur: Afrin ist von den übrigen kurdischen Kantonen durch einen von der türkischen Armee und Gruppen der Freien Syrischen Armee (FSA) gehaltenen Korridor am Euphrat getrennt. Die Einnahme dieser Region soll daher die Präsenz türkischer Einheiten absichern und somit die ältere „Operation Euphrat-Schild“ militärstrategisch sinnvoll ergänzen. Das würde auch die Bedrohung durch die YPG für die türkischen Provinzen Kilis und Hatay verringern und Infiltrationen durch YPG-Kämpfer auf türkisches Staatsgebiet, insbesondere in die im Hatay gelegenen Amanos-Wälder unterbinden.

Bei genauerer Betrachtung fällt jedoch auf, dass die größte Bedrohung für die Türkei nicht die YPG in Afrin, sondern nach wie vor die HPG, d.i. die eigentliche Guerilla der PKK, mehrere hundert Kilometer östlich von Afrin ist. YPG Kräfte, die vor zwei Jahren noch in die Türkei infiltrierten stammten ebenfalls nicht aus der westlichen Enklave sondern aus den östlichen Kantonen, vor allem aus dem Kerngebiet des Rojava, der Region Qamishli. Selbst die PKK Präsenz im Amanos Gebirge westlich von Afrin hat nichts mit der dortigen YPG zu tun, sondern ist eine kleine, vom PKK Hauptquartier am Zab Fluss im Irak direkt geführte Truppe, die darüber hinaus weit außerhalb des traditionellen kurdischen Siedlungsgebietes agiert. Warum also der Angriff auf Afrin? 

Die Provinz Afrin ist eine kurdische Enklave und keine Fortsetzung des türkischen Kurdengebiets, wie dies bei Kobane und Qamishli der Fall ist, wo oft dieselben Stämme auf beiden Seiten der Grenze leben. Daher kann der Truppenaufmarsch (Bezug der Panzerbereitstellungsräume und Feuerstellungen) ohne Störung durch kurdische Kämpfer ablaufen, was weiter östlich weitaus schwieriger wäre.

Dann hieß es, dass Ankara dort syrische Flüchtlinge ansiedeln wolle, womit die ethnische Balance in der Region zuungunsten der Kurden verändert würde. Darüber hinaus spielt auch der relativ hohe Anteil jesidischer und christlicher Gruppen in der Region eine gewisse Rolle. Dies ist vor allem bei den mit der Türkei verbündeten Milizen der Fall. Diese Milizen wurden von Ankara im Sommer 2017 ausgebildet und ausgerüstet und Ende 2017 als Nationale Syrische Armee der Öffentlichkeit vorgestellt.

Sie bestehen aus über 30 Gruppen, darunter Resten der alten FSA sowie islamistischen Gruppen wie der al-Qaida (sprich der al-Nusra-Front), den Nureddin-Zenki-Brigaden oder den uigurischen Kämpfern der Islamischen Partei Turkestans. Viele dieser Gruppen hatten sich zuvor auch untereinander bekämpft und waren bestenfalls opportunistische Bündnisse auf Zeit eingegangen.

 

Schwächliche Verbündete

Es kostete Ankara daher einige Zeit und großen Druck, sie für die Operation gegen Afrin zu motivieren und zu ertüchtigen. Die bisherigen Ergebnisse scheinen aber eher ernüchternd zu sein. Zwar fürchten vor allem die religiösen Minderheiten den Fanatismus dieser Jihadisten, militärisch aber ist ihr Erfolg trotz massiver türkischer Artillerie- und Luftunterstützung bisher eher bescheiden. Auf Twitter verbreitete Bilder plündernder jihadistischer Hühnerdiebe, die zugleich den Kurden brutale Vergeltung androhen, entbehrten nicht einer gewissen Situationskomik.

Vor dem Hintergrund der militärischen Schwäche der verbündeten irregulären Kräfte scheinen bisher unbestätigte Berichte von Angriffen der türkischen Luftwaffe auf die Wasser- und Energieversorgung der Region durchaus glaubwürdig. Aber vielleicht ist ein militärischer Sieg in Afrin aus Sicht Erdoğans gar nicht so wichtig, obwohl er sicherlich das Ziel der türkischen Armee ist, die mit dieser Operation ihrer Hauptaufgabe der Bekämpfung der PKK beziehungsweise PKK-affiliierter Gruppen wieder gerecht wird.

Aus Sicht der politischen Führung hingegen handelt es sich vor allem um eine Operation, mit der die Weichen für die Post-IS-Ordnung in Syrien gestellt und zusätzlich das türkisch-russische und türkisch-amerikanische Verhältnis neu geordnet werden soll. Letzteres ist seit dem Zeitpunkt, als die USA begannen, im Kampf gegen den IS mit der YPG zu kooperieren, in der Krise. Mit Afrin werden die USA nun unter Zugzwang gesetzt, eine Kernfrage zu beantworten: Wie weit geht die Freundschaft des Pentagons mit der YPG? Wird man sie weiterhin auch gegen den Nato-Verbündeten Türkei unterstützen, oder dienten sie nur als billige Fußsoldaten im Kampf gegen den IS?

 

Schrille Töne aus Ankara

Die schrillen Töne aus Ankara, bei denen sogar von einer möglichen Annäherung an Moskau oder einer direkten Konfrontation mit US-Kräften in Manbij die Rede ist, sollen die Amerikaner zum Offenbarungseid zwingen. Dass die USA sich aufgrund der eigenen Zerrissenheit zwischen Pentagon, Außenministerium und Weißem Haus weder in die eine noch in die andere Richtung öffentlich exponieren werden, reicht aus, um das kurdische Vertrauen in die USA zu unterminieren.

Moskau befindet sich den kurdischen Kräften gegenüber in einer ähnlich delikaten Lage wie die USA. Zwar sind die russischen Kontakte mit der Partei PYD stärker als mit der Miliz YPG, doch hatte Moskau ein tragfähiges Vertrauensverhältnis zu den syrischen Kurden aufgebaut, wie die Dislozierung russischer Militärpolizei nach Afrin belegt. Umso größer war die Enttäuschung der Kurden, als noch vor Beginn der Feindseligkeiten die Russen abzogen.

 

Vor Rückkehr des Regimes?

Offenkundig waren dieser Entscheidung intensive Gespräche auf höchster Ebene vorausgegangen, um eine Eskalation der Lage zwischen den Russen und den mit der Türkei verbündeten Kräften zu verhindern. Ein Teil dieser Gespräche betraf den früher schon den Kurden gegenüber geäußerten und von den Russen unterstützten syrischen Wunsch, der kurdische Kanton möge sich wieder Damaskus unterstellen, was YPG und PYD umgehend ablehnten.

Eine Einigung über Afrin auf dem Rücken der Kurden wäre für Türken, Russen und Syrer tatsächlich eine Königslösung: Sie würde nicht nur das türkisch-russische Verhältnis stärken, sondern auch Ankara und Damaskus erlauben, das zerstörte Verhältnis ohne zu viel Gesichtsverlust zu verbessern.

Denn für Ankara wären syrische Grenzkontrollen in dieser Region eine durchaus akzeptable Lösung. So gesehen würde die „Operation Olivenzweig“ den militärischen Druck ausüben, um Afrin zu zwingen, einer gegen die eigenen Interessen gerichteten multilateralen Lösung zuzustimmen.

Eine Rückkehr des Regimes nach Afrin wäre aus Sicht Ankaras und Moskaus freilich nur der erste Schritt auf dem Weg zur Kontrolle des gesamten syrischen Staatsgebietes. Zwar würde das auch einen Rückzug der Türkei und ein Fallenlassen sunnitischer Rebellengruppen bedeuten, gleichzeitig würde dies auch das Ende der kurdischen Selbstverwaltung in Rojava bedeuten. Womit der Status ante quem wieder hergestellt wäre.

E-Mails an:debatte@diepresse.com

DER AUTOR



Dr. Walter Posch (geboren 1966) studierte Turkologie und Islamkunde in Wien und Istanbul und dissertierte im Fach Iranistik. Er arbeitete als Nahostexperte am Europäischen Institut für Sicherheitsstudien der EU in Paris und an der renommierten Stiftung für Wissenschaft und Politik in Berlin. Seit 2015 arbeitet er wieder an der Landesverteidigungsakademie in Wien. [ Privat ]

("Die Presse", Print-Ausgabe, 15.02.2018)

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