Ein Wagenburg Österreich darf keine Option sein

Plädoyer für eine offene Gesellschaft zum 100. Geburtstag Otto Moldens.

Schatten über Alpbach“ titelten am 23. August 1968 heimische Medien. Es war Tag zwei nach dem Einmarsch der Warschauer-Pakt-Truppen in der Tschechoslowakei. Eine Gruppe von Intellektuellen, Autoren, politisch engagierten jungen Männern und Frauen, unter ihnen Václav Klaus, wurden in Alpbach von den Ereignissen in ihrer Heimat förmlich überrollt.

Damit kamen die europäische Tagespolitik und ihre Auswirkungen im Tiroler Bergdorf an. Hastig stellte man das Programm um, viele der Teilnehmer aus der ČSSR standen vor der Frage: zurück in die Heimat oder weiter ins Exil? Die Ereignisse in diesem Sommer – auch mein erster in Alpbach – prägten mich tief. Es waren die Weltoffenheit und die Verteidigung demokratischer Werte, die ich damals als 30-Jähriger in Alpbach erlebte und die Spuren hinterließen.

Zwei Jahre später lernte ich Otto Molden persönlich kennen. Wenig überraschend bemühte er sich, mich, inzwischen Finanzminister, zum Alpbach-Verbündeten zu machen. Was ihm gelang: Die Wirtschaftsgespräche inklusive Bankengipfel wurden ein großer Erfolg, und ich blieb dem Forum bis heute treu –, inzwischen mit den vom Austrian Institute of Technology durchgeführten Technologiegesprächen.

 

Der Ruf des Gewissens

Gestern vor 100 Jahren kam Otto Molden, der Gründer des Europäischen Forums Alpbach, zur Welt. Molden, der Sohn der Dichterin Paula von Preradović und des Herausgebers und Chefredakteurs der „Neuen Freien Presse“, Ernst Molden, wurde in eine dunke Periode unseres Landes hineingeboren. Dennoch – oder gerade deshalb – folgte er zeit seines Lebens dem Ruf seines Gewissens. 1945, als Europa noch vom Krieg schwer gezeichnet war, gründete er mit Mitstreitern das Forum Alpbach.

100 Jahre, so alt wie unsere Republik also. So frage ich mich: Wo steht diese Republik heute? Ist Otto Moldens Traum von einer freien europäischen Gesellschaft, die geprägt ist von humanistischen und demokratischen Werten, aufgegangen?

 

Öffnung statt Abschottung

Ein Blick in die Zeitungen (Stichwort: Liederbuchaffären) und über unsere Landesgrenzen hinweg (Stichwort: Wahlen in Ungarn) genügt, um ernüchtert festzustellen: Unsere Werte wie Menschenwürde, Freiheit, Rechtsstaatlichkeit und Gleichheit finden weder innerhalb noch außerhalb Österreichs uneingeschränkte Zustimmung. Jene Werte und Grundannahmen, die gestern noch unser Handeln bestimmten, wirken bereits heute veraltet. Gleichzeitig nimmt das Phänomen des Populismus, das Aufkommen von Extremismus, das Misstrauen gegen den Staat und seine politischen Institutionen in ganz Europa rasant zu.

Otto Molden († 2002), Kämpfer im Widerstand gegen den Nationalsozialismus, hat zu einer Zeit nach einem friedlichen und vereinten Europa gerufen, als Österreich noch in Schutt und Asche lag. Als Spiritus Rector des Europäischen Forums Alpbach hat er maßgeblich zum geistigen Wiederaufbau Österreichs beigetragen.

Zum 100. Geburtstag Otto Moldens stelle ich fest: Österreich braucht Weltoffenheit statt Abschottung, Allgemeinwohl statt Partikularinteressen, liberale Demokratie statt reaktionärer Fremdenfeindlichkeit – und es braucht eine offene Gesellschaft. Eine Wagenburg Österreich in einer Festung Europa mit „illiberaler Demokratie“ bei demagogisch-autoritärer Führung darf keine Option sein. Für diese Ziele können wir das Forum Alpbach als Vorbild nehmen, denn es muss anders werden, wenn es besser werden soll.

Dr. Hannes Androsch (geboren 1938 in Wien) war Vizekanzler und Finanzminister, Generaldirektor der CA und ist seit 1989 Unternehmer (Salinen Austria AG, AT&S).

E-Mails an:debatte@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 14.03.2018)

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