Gastkommentar

Zum Schaden der Patienten

Wie die hohe Anzahl an „Playern“ in der österreichischen Gesundheitsverwaltung das ganze System verteuert.

Etwa 120 Stoffwechselpatienten werden in Österreich derzeit lebenserhaltende Enzymersatztherapien (EET) verabreicht, die pro Patient jährlich rund 0,17 bis 1,5 Millionen Euro kosten; insgesamt geschätzte Gesamtkosten von 50 bis 70 Millionen Euro pro Jahr.

Das jetzige Finanzierungssystem sieht vor, dass Leistungen/Medikamente, die im Krankenhaus (KH) verabreicht werden, vom Krankenhausträger zu bezahlen sind; solche, die im niedergelassen Bereich erbracht werden, müssen die zuständigen Krankenkassen finanzieren.

Aufgrund der hohen individuellen Therapiekosten versuchen zahlreiche „Financiers“, solche Patienten aus ihrem Zuständigkeitsbereich auszulagern: Sie verschieben einen Patienten etwa aus dem „eigenen“ KH in ein KH eines anderen Bundeslandes (anderer Financier) oder an ein Universitätsspital – da zahlt oft auch der Bund mit – oder in den niedergelassenen Bereich, wo die Kassen zahlen müssen. Aber gefinkelt verweigern bestimmte Krankenkassen die Kostenübernahme für manche Medikamente, sodass Patienten ohne medizinische Notwendigkeit weiter im Krankenhaus versorgt werden müssen.

 

Teures Patientenkarussell

Dieses Patientenkarussell habe Methode, berichtet die überwiegende Mehrzahl der betreuenden Stoffwechselexperten. In Summe führt das bestehende Finanzierungssystem dazu, dass

  •  zahlreiche Patienten wie heiße Kartoffeln zwischen den Verantwortungsbereichen der Financiers herumgeschoben werden;
  •  die Therapien oft sehr verzögert begonnen werden und manche Patienten monatlich – ohne medizinische Indikation – bis zu viermal stationär aufgenommen werden müssen;
  • die bereits exzessiv hohen Therapiekosten hausgemacht weiter erhöht werden, weil zusätzliche, medizinisch nicht nötige Spitalskosten anfallen und die bezahlten Medikamentenpreise im internationalen Vergleich in Österreich um bis zu 20 Prozent höher liegen. Die zahlreichen, relativ kleinen österreichischen Financiers sind eben in einer schwachen Verhandlungsposition gegenüber den internationalen Pharmariesen.

 

Absicherung der Königreiche

Deshalb gibt es nun den Antrag auf Finanzierung der Enzymersatztherapien aus „einem Topf“. Experten, Patientenvertreter, die Patientenanwälte und die Volksanwaltschaft sind 2016 an die Bundeszielsteuerungskommission, das oberste Gremium der Republik für Fragen der Gesundheitsstruktur, mit der Bitte um Neuregelung der Finanzierung der sehr teuren EET herangetreten. Vorgeschlagen wurde, dass alle verantwortlichen Financiers in einen Topf einzahlen, aus dem dann alle Therapien bundesweit bezahlt werden sollen.

Ein nennenswertes Ergebnis brachte das bisher nicht. Das Patientenkarussell dreht sich weiter, nennenswerte Preisreduktionen bei hochpreisigen Medikamenten sind nicht erkennbar. Angebliche Besprechungen der verantwortlichen Financiers haben kein Ergebnis gebracht. Financiers, die sich aus betriebswirtschaftlichen Gründen ihrer Zahlungsverpflichtung zu entledigen versuchen, haben eine Lösung blockiert: Es herrscht ja das Einstimmigkeitsprinzip.

Dies zeigt, wie die hohe Anzahl an „Playern“ das österreichische Gesundheitssystem verteuert, indem sie Konstrukte schaffen, um ihre Königreiche einzuzäunen und abzusichern. Dies geschieht durchaus zum Schaden der Patienten, zur Plage der Betreuer und natürlich zum Nachteil von uns allen, die das zu bezahlen haben.

a. o. Universitätsprofessor Dr. Franz Waldhauser (*1946 in Wien) ist Facharzt für Kinder- und Jugendheilkunde und Pädiatrische Endokrinologie, Verfasser zahlreicher Fachartikel, langjährige Tätigkeit am AKH Wien.

E-Mails an:debatte@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 04.05.2018)

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