Gastkommentar

What the hell is nudging?

Kritische Anmerkungen zur diesjährigen Deutsch-Zentralmatura: Anbiederung an die Jugendlichen ist der falsche Weg.

Nun wurde also der fünfte Durchgang der Deutsch-Zentralmatura durchgeführt, und natürlich warten die Kandidaten auf die Veröffentlichung der Beurteilungen. Möglicherweise sind gar nicht so wenige unter ihnen, die mit gemischten Gefühlen zurückgeblieben sind: Häme (eines der angebotenen Themen!) und Kopfschütteln, Verwunderung und Enttäuschung machten sich da breit – und eher wenig Freude oder Genugtuung.

Zunächst ist festzuhalten, dass von der überwiegenden Mehrheit der Maturanten der dritte Themenbereich gewählt wurde, in dem eine Erörterung zu Modekonsum und Nudging zu schreiben war; Aufgabenstellungen hingegen, in denen es um Texte ging, zu denen Leserbrief, Textanalyse und Kommentar zu verfassen waren, wurden links liegen gelassen.

Bei einer so ungleichen Verteilung der Themenwahl stellt sich die Frage, ob nicht genau der schon öfter beklagte Rückgang in der Auseinandersetzung mit Literatur dazu führt, dass die jungen Menschen sich eine eingehendere Beschäftigung mit Texten einfach nicht mehr antun wollen, zumal sie womöglich auch wenig Lust verspüren, Textformate nach exakt vorgegebenen Kriterien zu erstellen und sich dabei nur innerhalb eines eng gesteckten Rahmens bewegen zu können. Auch wenn sich engagierte Lehrer größte Mühe geben, Anregungen zum Lesen zu liefern, kann man doch verstehen, dass Leselust und damit verbundene Neugierde graduell abnehmen, wenn immer nur Textstücke bzw. -ausschnitte vorgesetzt werden.

 

Verlust des Literaturkanons

So ging es also, wie gesagt, fast nur um Modekonsum und Nudging. Nudging? Dass dieser Begriff so manchem Leser älteren Semesters nichts sagen wird, ist wenig verwunderlich. Da erstaunt schon mehr, dass selbst viele junge Maturanten diesem Anglizismus hier erstmals begegneten. Darüber wurde dann in Chatforen auch ausgiebig gespottet. Doch war es andererseits nicht schwer, aus der Textbeilage den Sinn dieses Begriffs herauszufiltern.

Man könnte hier einmal mehr den Verlust eines wie auch immer gearteten Literaturkanons beklagen oder gleich den Niedergang der Bildung schlechthin. Doch eine Forderung wenigstens sei hier mit Nachdruck wiederholt: Angesichts der allerorts kontinuierlich eingeholten Evaluierungen ist es wohl auch höchst dringlich, die neu eingeführte und nun schon fünf Jahre praktizierte Zentralmatura einer umfassenden Begutachtung zu unterziehen.

Wünschenswert wäre es, über so manche kluge Anregungen, wie beispielsweise teilzentrale Aufgabenstellungen, nachzudenken.

Um aber abschließend nochmals auf die Groteske um das Nudging zurückzukommen: Vielleicht sollten die für die Auswahl der Themen Verantwortlichen ihre Aufgabe im wörtlichen Sinne etwas ernster nehmen, um sich mit entsprechenden Themen anstatt Spott und Häme den Respekt der Jugendlichen für von Menschen geschaffene Schriftkultur zu erwerben. Großartige Beispiele für diese gäbe es genug. Eine Anbiederung an die Lebenswelt der Jugendlichen ist aber wohl der falsche Weg, wie nicht zuletzt deren Reaktionen selbst gezeigt haben.

Michaela Masek studierte Klassische Philologie und Psychologie/Philosophie, unterrichtet an einem Wiener Gymnasium und ist Lehrbeauftragte am Institut für Philosophie der Universität Wien.

E-Mails an: debatte@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 18.05.2018)

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