Gastkommentar

Rochaden und Intrigen

„Die Zukunft soll Frauen gehören“ – oder: Über Sesselkleber, Pharisäer und die politische Unkultur in der Liste Pilz.

Wenn man von politischer Kultur spricht, hat das meist wenig mit Kultur zu tun. Weder von politischer Kultur noch von Kultur kann die Rede sein, wenn Peter Pilz und sein Zögling, der einstige Kultursprecher der Grünen, Wolfgang Zinggl, mit der ins Schlingern geratenen Liste Pilz um das politische Überleben rudern. Zur lächerlichen Farce wird das dann, wenn Zinggl nun im Duo mit Bruno Rossmann den Ko-Klubchef spielt. Nach 14 Parlamentsjahren wäre es eine noble Geste gewesen, wenn gerade er den Platz für seinen langjährigen Protektor geräumt hätte.

Dabei gäbe es noch genug Frauen im Pilz'schen Parlamentsklub, denen die Altherrenpartie gern beim Verzicht den Vortritt ließe. Schließlich soll ihnen laut neuem Chefduo Zinggl/Rossmann ja – nur – „die Zukunft gehören“.

Man wolle Frauen „protegieren, aufbauen und fördern“, tönt es weiter von der Liste Pilz. Eine liebevolle Vorzugsbehandlung von Frauen, die wie Martha Bißmann frech werden und dem Leithirsch Pilz nicht Platz machen, ist natürlich ausgenommen. Auf die Frage, wer denn gehe, falls Pilz wieder seinen Stammplatz im Parlament einnehmen wolle, antwortete Frauenfreund, -beschützer und -förderer Zinggl: „Von uns sieben niemand – es gibt nur eine Option: Martha Bißmann.“

 

Lauter Ehrenmänner

Dass ein Abgeordneter Zinggl seinen gut dotierten Job nicht freiwillig aufgeben will, versteht sich. Für den anderen Ehrenmann, Pilz, der ja alters- und hierarchiegerecht sein Verständnis für Frauen schon klargestellt hat („Bin einer dieser alten, mächtigen Männer“) ein Dilemma. Denn wer will sich schon auf dem Rücken einer Frau wieder ins Amt hieven. Aber hoppla, da tut sich scheinbar eine Chance auf. Einer klebt nicht am Sessel. Peter Kolba, dem der Intrigantenstadl offenbar zuviel wurde, geht.

Weg frei also für Peter Pilz. Mitnichten. Denn um den seiner Meinung nach Unersetzlichen doch noch im Nationalrat zu installieren, bedarf es noch weiterer komplexer Rochaden und Intrigen. Und wieder müsste eine Frau, nämlich Maria Stern, auf das ihr zustehende Mandat verzichten.

Apropos Frauen: Vor lauter Chaos gerät das Wesentliche aus dem Blickfeld. Nachdem keine der Frauen, um die es wegen sexueller Übergriffe von Pilz ging, die Ermächtigung zur Strafverfolgung gaben, ist für Pilz die Sache selbstverständlich aus der Welt. Pilz jedoch wäre der erste gewesen, der die „Causa Pilz“ zum Skandal hochgejubelt hätte, war er doch einer, der ein langes politisches Leben von Skandalen anderer profitierte. Da wurde lieber prophylaktisch angezeigt und denunziert – Hauptsache, es diente der eigenen Karriere. Ob dabei anderen Unrecht getan wurde, egal. In eigener Sache war es dann doch anders, da triefte einer – böse Vorverurteilungen beklagend – nur so vor Wehleidigkeit und Selbstmitleid.

Daher ein Vorschlag zur Güte im Sinne der Verbesserung der politischen Kultur. Die Liste Pilz lässt den Frauen „die Gegenwart gehören“; Lehrling Zinggl überlässt seinem Meister Pilz sein Mandat; und Pilz setzt seine Aufklärungsbemühungen als Parlamentarier in eigener Sache fort – jedenfalls bis zum fälligen Ende der Liste bei der nächsten Nationalratswahl.

Dr. Mag. Gerald A. Matt, Direktor Vienna Art Institute, Kurator, verantwortet die TV-Sendung „Matt spricht mit“, lehrt an der Universität für angewandte Kunst.

E-Mails an: debatte@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 05.06.2018)

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